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4.0 von 5 Sternen
Für den Couchurlaub zu empfehlen, 19. November 2003
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Bulgarien (Gebundene Ausgabe)
I
Ein Kurzurteil vorab: Es handelt sich um einen Bildband. Wer also eine Anschauung von Bulgarien erlangen möchte, ohne hinzureisen, ist mit diesem Großformat ebenso gut bedient wie Bulgarien-Liebhaber, die eine Erinnerungsstütze wünschen. Als Ratgeber für unterwegs ist der Band aber schon wegen seines Formates nicht geeignet. Auch sind die Texte, die vielleicht 40 Prozent des Buches ausmachen, zwar mit vielen praktischen Hinweisen angereichert, doch zur gründlichen Reisevorbereitung taugen sie nicht. Ihr Hauptanliegen ist es, unterhaltsam und knapp ein Bulgarienporträt zu zeichnen. Mithin taugt das Buch nur für den Couchurlaub. Für diesen allerdings enttäuscht es nicht.
II
Bulgarien ist Terra incognita. Zwar preisen Lifestylemagazine seit kurzem die Schwarzmeerküste als preisgünstige Alternative zum Mittelmeer. Dennoch weiß der Durchschnittswesteuropäer über Sofia nicht mehr als über Ouagadougou - die Ostdeutsche ausgenommen, welche die Schönheit und Vielfalt der Balkanrepublik schon Jahrzehnte zu schätzen wissen.
Ich persönlich kam mit Bulgarien nur in Berührung, weil Balkan Air vor Jahren den billigsten Flug von Berlin nach Tel Aviv anbot, Zwischenlandung und Übernachtung in Sofia inklusive. Die Maschine besaß Propeller und durchgesessene Sitze, doch die Stewardessen waren ebenso nett wie hübsch. Der Flughafen von Sofia sah in etwa so aus, wie ich mir den von Ouagadougou vorgestellt hätte: Klein, provisorisch, einer Millionenstadt unwürdig.
Die Fahrt in die Stadt flankierten US-Werbetafeln und Wohnsilos. Es war Ende März. Schnee lag. Die Straßen waren dennoch bevölkert, nicht zuletzt durch Händler, die von Sonnenblumenkernen über Militaria bis hin zum Rasiermesser so ziemlich alles im Angebot hatten. Autor Thomas Magosch zufolge sind sogar Uni-Akkreditierungen und Raubkopien gängiger Betriebssysteme zu haben.
Auffällig an Sofia erschien mir zweierlei: Einerseits die für Europa krasse Armut vieler Einheimischer, andererseits die betörende Schönheit, Würde und Bedeutung der Balkanmetropole. Auch wenn es sich noch nicht ergeben hat, war klar: Hier möchte ich wieder hin. Der Bildband weckt erneut Appetit auf Bulgarien. Zudem verdeutlicht er, dass es mit Sofia allein nicht getan ist: Das ganze Land mit seinen malerischen, an Italien erinnernden Klöstern, Festungen, Dörfern, Landschaften will erkundet werden.
Die Fotos von Tom Schulze präsentieren einen freundlichen, urwüchsigen, traditionsgebundenen, lebensfreudigen Menschentyp. Minarette, prächtige Ikonen, Mönche mit brustlangen grauen Bärten versprühen Exotik. Bulgarien dient seit je als Transitland, steht zwischen den Kulturen, ist Treffpunkt der Kulturen. Trotzdem besitzen die Bulgaren eine ausgeprägte nationale Identität und das damit einhergehende Selbstbewusstsein. So verkündet das Nationalhistorische Museum stolz, die chinesische Mauer sei „zur Abwehr der starken bulgarischen Heerscharen" errichtet worden.
Der einzige Wermutstropfen meines Zwischenstopps in Bulgarien folgte übrigens am nächsten Morgen, als das Portemonnaie nicht mehr in der Jackentasche, sondern auf dem Tisch meines Hotelzimmers lag, um 350 Mark erleichtert. Dabei scheint es sich noch um einen freundlichen Dieb gehandelt zu haben, denn die Geldbörse mit allen enthaltenen Karten und Dokumenten hat er ja zurückgelassen und mir dadurch viel Ärger mit Behörden erspart. Kann ich ihm wirklich übel nehmen, dass er der Verlockung verfiel, sich auf diese Weise ein mehrfaches Monatsgehalt anzueignen? Wohl kaum. Unangenehmer war schon das Hotelpersonal, das ihn zu decken schien.
Jedenfalls: Hätte ich das Bulgarien-Buch schon damals gekannt, ich hätte mich trösten können mit der Empfehlung einer Berliner Zeitung an Ferdinand I. von Sachsen-Coburg-Gotha, der 1886 einen vakanten Fürstenposten in Bulgarien übernahm: „Nehmen Sie sich", riet ihm das Blatt, „nur das Allernotwendigste nach Bulgarien mit. Deponieren Sie alle Wertsachen bei der Coburger Bank. Packen Sie höchsten drei Anzüge, Unterwäsche, ihr Rasierzeug, mehrere geladene Gewehre, ein Kochbuch, mehrere Pfund Insektizide und ein gebrauchtes Zepter ein." Ferdinand scheint es dann allerdings ziemlich gut gefallen zu haben.
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