Die Auswahl an Stadtführern zu Bukarest ist leider sehr begrenzt, meinen Informationsbedarf hat dieser einzige (?) deutschsprachige Reiseführer nur teilweise gedeckt. Die Autorin geht sehr detailliert und kenntnisreich auf die kunsthistorischen Sehenswürdigkeiten der Stadt ein, beschreibt fast alle sehenswerten und weniger sehenswerten Viertel der Stadt, doch es gibt aus meiner Sicht einige Mankos:
- Die Beschreibungen sind extrem neutral, es gibt kaum Empfehlungen und es fällt sehr schwer, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, das hat mir den Zugang zu einer ohnehin nicht ganz leichten Stadt eher erschwert. Ein paar Beispiele: Das Bukarest kein richtiges Zentrum wie andere europäische Metropolen hat mag stadthistorisch richtig sein, faktisch befindet sich das für Touristen lohnenswerte Zentrum zwischen Piata Uniri und Piata Victoriei zwischen den Straßen Calea Victoriei und Boulevard Bratianu/Magheru etc, wobei die Altstadt abends eher jung ist, die Gegend um Piata Amzei sicher die mondänste Gegend für die "sophisticated people". So einfach und klar sollten Infos für Stadttouristen m.E. sein. Wozu mich der Reiseführer nach Grivita Giulesci geführt hat, weiß ich bis heute nicht, dagegen fande ich Alt-Obor eine der wenigen städtisch-charmant Ecken, während für den Reiseführer dort "wenig von der alten Athmosphäre zu spüren" ist. Die Trajan-Hallen sind nahezu lächerlich, sollte man auch mal in Relation (z.B. zu Markthallen in Budapest) setzen, etc. etc.
- abseits der Architektur wird das sozialkulturelle Leben der Stadt weitestgehend ausgeblendet. Bukarest scheint ein reges junges Kulturleben zu haben, das jedoch auch im empfohlenen "Bukarest in Your Pocket" nicht gelistet wird, sondern nur in den rumänisch-sprachigen "24-fun" und "sapte seri", die definitiv NICHT in Buchhandlungen erhältlich sind, sondern vereinzelt in Cafes in der "Innenstadt" und in höherpreisigen Hotels (z.B. Interconti, aber längst nicht in jedem Hotel) ausliegen. Vor allem die Kunstszene scheint recht rege zu sein, was mich bei einem Städtetripp mindestens ebenso interessiert, wie die Architektur...
- Beim Thema Praxistipps hört es teilweise ganz auf: Die Hinweise haben nur selten Bezug zum Kartenmaterial und sind ohne zusätzlichen Stadtplan (kleine Pocketkarte gibt's z.B. im Kaufhaus Piata Uniri oberster Stock) oft kaum zu finden, beim Flughafen Baneasa (u.a. Germanwings) fehlen Hinweise auf Taxi-Abzocke, miserablen Wechselkurs und Tramlinie in die Innenstadt direkt nebenan. Und das die Umgebung von Bukarest besser mit dem Auto zu erkunden ist und öffentliche Verkehrsmittel eher schwierig sind - für diese Info brauche ich schlicht keinen Reiseführer (wo fahren denn bitte die Busse nach Snagov oder Cernica ab)? Von den sieben (!) empfohlenen Kinos auf dem Elizabeth-Boulevard (und nicht der Verlängerung Kogalniceanu Blvd.) scheinen innerhalb von einem Jahr sechs dicht gemacht zu haben, Kinos befinden sich eher am Blvd Bratianu und Verlängerungen. Diese Liste ließe sich leider sehr weiter führen.
Natürlich erlebt jeder eine Stadt auf seine Weise und man muss dem kunsthistorischen Wissen der Autorin Respekt zollen. Wie fasst alle deutschen Reiseführer ist jedoch auch dieser in erster Linie für das reisende Bildungsbürgertum geschrieben, das ich in Bukarest nicht ein einziges Mal angetroffen habe.
Was grundsätzlich für deutsche Reiseführer gilt, gilt in diesem Fall also ganz besonders: Es täte gut, auch mal einen individuelleren Blick zu wagen und klare Empfehlungen auszusprechen, anstatt sich auf Häuserfassaden und Kulturdenkmälern als dem kleinsten gemeinsamen Nenner zurückzuziehen. So aus meiner Sicht nur als zusätzliche Lektüre zu empfehlen.