Hasan Hujdur, moslemischer Bosnier, lebt seit zwanzig Jahren in den USA. Er ist den - damals noch nicht offen ausgebrochenen - Feindseligkeiten zwischen den Volksgruppen im ehemaligen Jugoslawien entflohen und hat sich ein selbstbestimmtes Leben als Regisseur in den USA erhofft. Durch seinen festen Grundsatz, in seiner Arbeit keinerlei Kompromisse einzugehen oder Einschränkungen seiner künstlerischen Freiheit zu dulden, ist der ökonomische Erfolg seiner Projekte allerdings ausgeblieben.
Seine einzige wirkliche Bindung an die USA äußert sich in der Hingabe an sein Auto, einen 1963er Buick Rivera, dem er seine gesamte Zeit widmet. Er nennt ihn nicht einfach "meinen Buick" oder gar "Auto", sondern stets "korrekt mit Vor- und Zunamen": Buick Rivera.
Die Ehe mit seiner deutschen Frau ist nicht zuletzt deshalb zerrüttet: Sie fühlt sich gezwungen, den Lebensunterhalt für sich und ihren anscheinend erfolgsunwilligen Mann mit kleinen Engagements als Schauspielerin zu verdienen. Diese Verbitterung lässt sie ihn regelmäßig spüren. Hauptangriffspunkt ist dabei sein geliebter Buick, den sie als kostspieligen Schrotthaufen bezeichnet und Hasans Bindung an dieses Auto als Ausdruck seiner Egozentrik und mangelnder Liebe zu ihr ansieht.
Als Hasan eines Tages seine Frau von einer der schlechtbezahlten Spätvorstellungen abholen will, landet Buick Rivera in Eis und Schnee im Straßengraben. Ein Mann hält an, um Hasan zu helfen.
Dieser Mann ist Vuko Salipur, ein Serbe, der sich im Krieg gegen Kroaten und Moslems aktiv an Kriegsverbrechen beteiligt hat. Ein gewisser persönlicher Charme, Glück und Gerissenheit haben ihn jedoch vor Verhaftung und Anklage bewahrt und ihm zur Ausreise in die USA verholfen.
Allerdings stehen ihm häufig seine Impulsivität und Brutalität im Wege, die gerade dafür verantwortlich sind, dass er mit gestohlenen Geld und gestohlenem Auto vor seiner wohlhabenden amerikanischen Frau flieht.
Zuerst scheint, insbesondere auf Seiten Vukos, die Freude über die Begegnung mit einem Landsmann zu überwiegen.
Die Gemeinsamkeiten der Herkunft werden aber schnell überlagert durch die gegenseitige Abneigung der beiden Männer: sie spüren, wären sie sich im Krieg begegnet, hätten sie sich vermutlich als Todfeinde gegenüber gestanden. Hier in den USA äußert sich diese Haltung in sich steigernden gegenseitigen Provokationen, die die Handlung vorantreiben. Kommt es zum Show-down?
Das alles wird durch einen auktorialen Erzähler vorgetragen, der es leider nicht bei der Präsentation der Geschichte belässt, sondern - wie so häufig bei dieser Erzählperspektive - regelmäßig abschweift und scheinbar-allgemeingültige Wahrheiten verkündet (Männer "erzählen sich in fünfzig Jahren Freundschaft nicht so viel wie zwei Freundinnen während einer gemeinsamen Busfahrt durch die Stadt.")
Wer diesen Stil schätzt, sollte unbedingt "
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Roman." lesen!
Ich vermag dieser allzu leicht ins Belehrende oder Geschwätzige abgleitenden Erzählperspektive meist wenig abzugewinnen.
Unabhängig von diesem subjektiven Vorbehalt kann die Geschichte anfangs aus dem Antagonismus der beiden Hauptcharaktere durchaus Spannung schöpfen, die zum Weiterlesen motiviert.
Dann aber treten große und kleinere Ärgernisse auf, die mir letztendlich die Lektüre dieses Romans vergällt haben:
Was aus meiner Sicht völlig unnötig und deplatziert ist: Hasans bayerische Ehefrau muss tatsächlich Angela "Geli" Raubal heißen; sogar der Kosename genau wie bei Hitlers Nichte, die sich 1931 selbst getötet hat! Was soll das? Reiner Zufall, weil Raubal ja ein so typischer deutscher Name ist? Ein mal-sehen-ob's-jemand-merkt Scherz? Mein Humorzentrum trifft es jedenfalls nicht. Für die Geschichte ist diese Namenswahl völlig unnötig.
Der Hauptkritikpunkt, der in meinen Augen endgültig den dritten Stern kostet, ist jedoch das unerwartet abrupte Ende der Geschichte: Auf wenigen Seiten und ausschließlich durch den Erzähler vermittelt erleben wir hier eine unwahrscheinliche, fast märchenhafte Wendung ("die Bösen werden gut"), die durch den paranoiden Ausnahmezustand der amerikanischen Gesellschaft nach dem Angriff auf das World Trade Center begründet und glaubwürdig gemacht werden soll.
Bis kurz vor diesem Ende hätte sich die Geschichte grundsätzlich zu jeder Zeit nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien ereignen können. Das Ende jedoch ist ohne "9/11" nicht denkbar (falls man es überhaupt für denkbar hält!). Der Bezug auf diesen Terrorangriff ist in meinen Augen künstlich und durch die Geschichte nicht motiviert. Es wirkt daher auf mich in seiner Zeitgeistbeflissenheit - ich muss es so sagen - billig.
Dazu kommen noch Kleinigkeiten: So hat es z. B. sogar der ebenso beliebte wie falsche "Looser" irgendwie am Heyne-Lektorat vorbei ins Buch geschafft.
Insgesamt überwiegt damit der negative Anteil die wenigen herausragenden Passagen für mich so unverhältnismäßig, dass ich nicht mehr als zwei Sterne vergeben kann. (Ein Stern vergebe ich nur für komplett verunglückte Geschichten, von denen ich dringend abrate; das wäre hier zu stark!)
So, jetzt muss ich noch schnell was in "Titos Gemüseladen" einkaufen, bei meiner Lieblingsverkäuferin, Herta Haas.