Roger Lowensteins Bio über Warren Buffett wurde, das vorab, bereits 1995 veröffentlicht, ein Rezensenten kritisch vermerkte. Die deutsche Neuauflage von 2009 enthält ein Nachwort vom Januar 2008, welches die verheerende Entwicklung 2007 in den USA auf dem Immobilien- und Hypothekenmarkt bzw. den darauf basierenden Finanzprodukten - oder vielmehr -Erfindungen - kurz notiert. Dass der Verlag nicht annonciert hat, dass es sich um eine "alte" Biographie handelt, ist aus Sicht des Verlages und der Verkäuflichkeit zwar verständlich, wirkt aber nicht ganz so aufrichtig und bietet einen verlockenden, aber doch nur vordergründigen Kritikpunkt - wenn man denn noch zum Buch gegriffen hat. Überirdisches Lob - in den Staaten schnell verschenkt - ist ansonsten auch nicht plausibler.
Lowenstein jedenfalls war zum Zeitpunkt der Bio wohl bereits ein versierter und professioneller Top-Journalist/Finanzreporter des WALL STREET JOURNAL mit einer gewissen Reputation. Seine journalistische Recherche- und Schreiberfahrung führte dazu, dass ein sehr gut lesbares, aufgebautes wie recherchiertes Werk heraus gekommen ist, dass mit Buffetts familiärer Herkunft, seinen Eltern etc. beginnt und eben 1994 endet. Dazwischen wird der berufliche wie wirtschaftliche, der persönliche wie familiäre und auch psychische Kosmos von Warren Buffett hinreichend genau analysiert, beschrieben und vorgestellt, immer gut verständlich und interessant wie anschaulich aufbereitet.
Was Buffetts Charakter und seelische Anlage betrifft, so findet man bei Lowenstein ausführliche wie erhellende Einlassungen, die wiederum plastisch ebenso seine Schatten- und Lichtseiten hervortreten lassen. So schreibt Lowenstein: BUTTETTS GENIALITÄT LAG VOR ALLEM IN SEINEM CHARAKTER - GEDULD, DISZIPLIN UND VERNUNFT. Oder Lowenstein an anderer Stelle: TROTZ SEINES BREIT ANGELEGTEN SCHARFSINNES WAR ER [Buffett] AUCH MERKWÜRDIG VERKÜMMERT. [...] WIE ANDERE WUNDERKINDER AUCH, SO BEZAHLTE ER DAFÜR EINEN PREIS. NACHDEM ER IN EINEM HAUS AUFGEWACHSEN WAR, IN DEM ES MEHR ALS GENUG DÄMONEN GAB, LEBTE ER IN EINER EMOTIONALEN FESTUNG.
Buffetts hervorragende Geschäftsstrategie und seine besonderen intellektuellen oder mentalen, fast genialen Zahlen-Fähigkeiten als Basis seiner mehrheitlich sehr erfolgreichen, "nachhaltigen" Investitionsanlagen kommen vielfach und eindrücklich zu Wort. Aber auch seine ähnlich gesinnten Freunde und Bekannten, die gemeinsam mit Buffett agieren und sich engagieren.
Der Schwerpunkt liegt folgerichtig bei den wirtschaftlichen Aktivitäten von Buffett, die von den frühesten Anfängen an in der späten Kindheit so plastisch wie nachvollziehbar beschrieben werden. Bei gut 700 Seiten kommen entsprechend ausreichend die Details seiner beruflichen Entwicklung und finanziellen Engagements, vor allem via Berkshire Hathaway, zu Sprache, aber nie zum buchhalterischen Selbstzweck, sondern stets in den Rahmen einer Entwicklung, eines Geschehens eingeflochten, so dass keine Langeweile aufkommt. Lowenstein widmet diversen Aktienmark-Einbrüchen vor 1995 große Aufmerksamkeit. Schwarze Montage, Donnerstage und Freitage wie Börsencrashs gab es genug zwischen DEM ultimativen Schwarzen Freitag/Donnerstag 1929 und der aktuellen latent dramatischen Lage. Und genau auf die reagierte Buffett schon ausführlich seit und vor dem Go-Go-Crash Ende der 1960er Jahr, sozusagen in Wort und Schrift. Seine detailliert im Buch wider gegebene Haltung und Kritik am Aktienmarkt und an der Masse der Akteure wie ihren neu geschaffenen, hochriskanten und fahrlässigen Finanzprodukten seit Anfang der 1980er Jahre war und ist immer die gleiche. Man glaubt sich auf genug Buchseiten in der Gegenwart zu befinden, was den wildgewordenen Aktienmark und die Investmentbanker, die abenteuerlichen Spekulationen und Finanzprodukte samt ihren Schöpfern und den Börsenteilnehmern angeht. Nichts fehlt hier an Aktualität und grundlegenden Einwänden von Seiten Buffetts.
Selber empfand ich keine Längen auf den gut 700 Seiten - ein untrügliches Merkmal eines professionellen und erfahrenen Schreibstils, der den Leser, die Leserin von einer Seite zur nächsten, von einem Kapitel zum nächsten einfach weiter zieht. Ausgesprochene, so genannte Cliffhanger sind mir glücklicherweise wohl nur zwei oder drei begegnet - wenn die Auflösung des Spannungsbogens also erst im nächsten Kapitel stattfindet.
Glücklicherweise nicht ganz aktuell - so betitelte ich meine Rezension, doch nicht nur, weil nichts an wesentlichem Inhalt fehlt, sondern weil in der Entstehungszeit der Bio von 1991 bis 1994 DIESER fast weltweite Hype um den Warren Buffett der Gegenwart noch nicht bestanden hatte. Alice Schroeders Warren-Bio - Das Leben ist wie ein Schneeball - hat dank kleinerer Schrift, größerem Satzspiegel und weitaus mehr Buchseiten einen Umfang erreicht, der den Lowenstein-Text deutlich um mehr als 50% übertrifft. Das Lowenstein-Buch erschien 1995, Buffet war damals schon 65 Jahre alt und der größte Teil seiner Entwicklung, seines folgenreichen Lebens lag schon hinter ihm - die Schroeder-Bio ist 2008 erschienen, Buffet war nun 78 Jahre alt. Also 13 Jahre oder 20% älter geworden. Und dem steht eine etwa um 60% größere Bio von Schroeder gegenüber. Mit welchem Inhalt? Die eigentliche Bio bei Alice Schroeder fängt zum Beispiel mit einem gut zwanzigseitigen Bericht von den jährlichen Privattreffen einer illustren Runde bei einem Banker an, zu der auch Buffett gehört. In allen Details werden wichtige, unwichtige und schlicht auch langweilige wie völlig irrelevante Einzelheiten auf zu vielen Seiten angeboten. Schroeder versucht einen eher dürftigen Cliffhanger am Ende dieses ersten Kapitels zu formulieren oder zu suggerieren, im nächsten Kapitel plätschert es aber einfach weiter.
Mir scheint, dass der Zuwachs des Buches in noch weitere Schilderungen der Börsengeschichte, der nach 1995, geflossen ist oder in reichlich Details, die einer Doktorarbeit würdig sind, wie der doch zu lange und detaillierte Bericht von den jährlichen Privat-Meetings in Sun City nahe legt. Dass Schroeder keine schreiberfahrene Person zum Zeitpunkt der Bioabfassung war, hat sich nicht etwa in einem unfertigen Stil und holprigen Aufbau bemerkbar gemacht, soweit ich gesehen habe, sondern in der offenkundigen, vor ihr bereitwillig eingeräumten, großen Unterstützung" von Seiten des Verlages und anderer. Und das merkt man, dass hier Verlag, diverse Helfer und Lektorat ein üppiges, aber weniger charakteristisches und prägnantes Buch gemeinsam geschaffen haben. Im bemerkbaren Unterschied zum Lowenstein-Buch.