Neue Zürcher Zeitung
«Buffet Titanic»: ein Erzählungsband von Ivo Andric
Erstaunlich, wie neu sich Ivo Andrics Erzählungen lesen, seit der Bosnien-Konflikt die europäischen Gemüter erschüttert. Als gäben diese Texte Aufschluss über die Zustände von heute, als erklärten sie, wie es zu all dem Unglück kommen konnte. Indes war Andric kein Prophet, bloss ein genauer Beobachter seiner Gegenwart und ein profunder Kenner der bosnischen Geschichte. Sowie ein Analytiker bosnischer Mentalität und Lebensweise.
Andric wurde 1892 in Travnik geboren, verbrachte jedoch nur seine Kindheit und Jugend in Bosnien. Zum Studium ging er nach Zagreb, Wien und Graz. Der diplomatische Dienst führte ihn ab 1924 in verschiedene europäische Städte, unter anderem nach Rom, Madrid, Genf und Berlin. Später und bis zu seinem Tod, 1975 lebte er in Belgrad, wo er seine grossen Romane «Die Brücke über die Drina» und «Wesire und Konsuln» schrieb. Für sein umfangreiches Prosawerk, das auch Essays und Reisetagebücher umfasst, erhielt er 1961 den Literaturnobelpreis.
Bosnien ist Schauplatz fast aller Texte von Andric Bosnien unter den Osmanen, unter den Österreichern, im Ersten Weltkrieg, bis hin zum Ustascha-Regime und zu den Partisanenkämpfen des Zweiten Weltkriegs. In Bosnien spielen auch die neun Erzählungen, die Milo Dor und Reinhard Federmann schon vor vielen Jahren übersetzt hatten und die der Wieser-Verlag nun unter dem Titel «Buffet Titanic» wiederaufgelegt hat. Ein herbes, bitteres Buch ein bosnisches Buch. Seine Leitmotive: der enge Horizont, das unfruchtbare Land, das rauhe Klima, die zurückgestaute Lebensfreude, die sich «in zügelloser Leidenschaft und in Ausbrüchen beim Einzelnen wie in der Gemeinschaft manifestiert».
Andric legt seine Diagnose in den Mund von Einheimischen und von Zugezogenen; am pointiertesten formuliert er sie durch die Gestalt des jüdischen Arztes Max Löwenfeld, der in der Erzählung «Brief aus dem Jahre 1920» Bosnien erbittert den Rücken kehrt und im Spanischen Bürgerkrieg umkommt. Für Löwenfeld ist Bosnien «ein Land der Angst und des Hasses» eines «eingeborenen, unbewussten, endemischen Hasses»: «Dieses zurückgebliebene arme Land, in dem Menschen von vier verschiedenen Konfessionen zusammengedrängt leben, bedarf viel mehr gegenseitiger Toleranz als andere Länder. In Bosnien ist aber das allgemeine Missverständnis, das zeitweise in offenen Hass übergeht, gewissermassen das allgemeingültige Charakteristikum seiner Einwohner. Die Abgründe zwischen den verschiedenen Konfessionen sind so tief, dass es nur dem Hass manchmal gelingt, sie zu überspringen.»
Seinen pessimistischen Befund untermauert der Doktor durch ein anschauliches Beispiel: Die Turmuhren Sarajewos sind nicht aufeinander abgestimmt. Zuerst schlägt die Uhr an der katholischen Kathedrale, dann die der orthodoxen Kirche, schliesslich die am Turm der Beg-Moschee. «Die Juden haben keine Uhr, die schlägt, und Gott allein weiss, wie spät es bei ihnen ist, wie spät nach der Zeitrechnung der Sepharden und nach derjenigen der Aschkenasen. So lebt auch nachts, wenn alle schlafen, der Unterschied fort, im Zählen der verlorenen Stunden dieser späten Zeit.»
Ob Andric die düsteren Ansichten seiner Figuren über Bosnien teilt, muss dahingestellt bleiben. Die Geschichten, die er erzählt, überzeugen freilich nicht vom Gegenteil. Etwa jene tragische «Liebe in der Kleinstadt», die zwischen dem aus einer kroatischen Adelsfamilie stammenden Forstmeister Ledenik und Rifka, der anmutigen Tochter eines reichen jüdischen Händlers, entbrennt. Die beiden Liebenden fühlen sich in ihrer Umgebung gleichermassen fremd, doch gerade die sture Enge der bosnischen Kleinstadtmentalität verhindert, dass sie zueinanderfinden. Auf dem Höhepunkt des Sommers, als «den Kühen und den Ziegen die Euter verdorrten», ertränkt sich die verzweifelte Rifka in der Drina, und Ledenik lässt sich nach Sarajewo versetzen.
Bosnien spiegelt sich auch im Schicksal des Ibro Solak («Die Holzbündel»). Behütete Kindheit und Jugend im Schoss einer vermögenden Familie in Sarajewo, dann wird Ibro 1914 eingezogen, kämpft an der russischen und an der italienischen Front, von der er verwundet heimkehrt. Nach dem Krieg will sich keine Normalität mehr einstellen, Armut und Unglück verfolgen ihn. Er sinkt sozial immer tiefer, wird zum ambulanten Holzverkäufer und ergibt sich dem Trunk. Als sein einziger Trost, seine Tochter, als Partisanin bei einem Verhör umgebracht wird, schwindet auch sein letzter Halt. «Alles auf der Welt, die toten Gegenstände und die Menschen, ihre Gedanken, ihre Taten und ihre Worte flohen vor ihm und liessen ihn allein im Dunkeln, in dem nur noch der Schnaps leuchtete, sang, ihn streichelte und wie eine Blume duftete.»
Durch solch unvermittelte zärtlich-poetische Sätze gibt sich Andric als Anwalt der kleinen, vom Leben erbarmungslos gebeutelten Leute zu erkennen, doch erforscht er mit Scharfsinn auch die Psyche der «Täter», die sich bei näherem Hinsehen ihrerseits als Opfer entpuppen. Meisterhaft geschieht dies in der Titelerzählung «Buffet Titanic», die zur Zeit des Ustascha-Regimes und der akuten Judenverfolgungen in Sarajewo, 1941, spielt. Mento Pepos bescheidene Schenke entleert sich immer mehr, denn alle meiden die Gesellschaft des ärmlichen Juden, der selbst von seiner bäurischen Geliebten verlassen wird. Wie ein Vakuum schliesst sich die Angst um Pepo, und der Arbeitsdienst tut das Seine.
Auf Pepos Angst trifft die Unsicherheit des frischgebackenen Ustascha-Mannes Kovic. Diese verkrachte Existenz wartet auf die erstbeste Bewährungsprobe. Und als Pepo beim Verhör kein Geld herausrücken will (weil er keines besitzt) und vor Furcht wimmert, beginnt Kovic ihn zu hassen «wie seine eigene Ohnmacht». Der Selbsthass schlägt jäh in Aggression um, und um sich von seinem Double zu befreien, erschiesst der Uniformierte den Juden kurzerhand.
«Buffet Titanic» zeigt Andric auf der Höhe seiner Erzählkunst, die psychologische Durchdringung mit (realistischen) Situationsschilderungen verbindet. Anders als in seinen episch-historischen Romanen macht Andric hier ein einzelnes Schicksal zum Spiegel bzw. Ausdruck der Epoche. Und wie gekonnt er seine Mittel einsetzt, wie sehr er durch die novellistische Verknappung Wesentlichkeit und Welthaltigkeit erzeugt, beweist der Umstand, dass sich seine Erzählungen über die Zeitläufte hinweg behaupten. Das meint auch: einer aktuellen Lesart standhalten.
Ilma Rakusa -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
»Vielleicht hätte ich mich noch damit einverstanden erklärt, als ein Opfer des Hasses zu fallen, ich kann aber nicht im Haß und mit dem Haß leben, ich kann nicht an ihm teilnehmen«, sagt ein jüdischer Arzt, als er Bosnien im Jahre 1920 verläßt. Er ist einer der Helden von Ivo Andrics Geschichten aus Sarajevo, die zu den klassischen Texten der serbokroatischen Literatur zählen.
Stärker noch als in den großen Romanen von Ivo Andric ist auch in diesen Erzählungen das historische Wissen über die Konfliktregion Balkan bewahrt. Von Gewalt und Haß handeln sie, und das Bemerkenswerte an diesen zutiefst menschlichen Geschichten ist, daß der Autor nie nur von einer Seite berichtet, sondern die Seele des mörderischen Ustascha-Mannes genauso erforscht wie die seines Opfers.