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Auf 240 Seiten erschließt sie die Geschichte der kubanischen Musik in all ihren Facetten, von alten rituellen Tönen über den heute wieder so nostalgisch verkärten Son bis hin zu modernen städtischen Sounds. Der Leser erfährt viel über die Einflüsse, welche spanische Eroberer hinterließen, lernt die Legenden der Big-Band-Ära kennen und findet Hinweise auf das Verhältnis kubanischer Musiker zu ihrem Land und der Revolution. Außerdem schildert Maya Roy den Boom, den der Buena Vista Social Club auslöste, in seiner Wirkung auf kubanische Verhältnisse eher kritisch. Diese Thematik wird in einem Nachwort von Asrno Frank Eser noch vertieft. Ein umfangreiches Glossar erklärt viele Begriffe. Die mit dem Buch ausgelieferte CD, die von der Autorin kenntnisreich zusammengestellt wurde, präsentiert aktuelle Musik von der Insel neben großartigen historischen Aufnahmen. --Uli Lemke
Zwei unterschiedliche neue Bücher zum Thema Kuba, Son- und Salsa-Boom
Zum 30-Jahr-Bandjubiläum wurde für Los Van Van ein lang gehegter Traum wahr. Am 23. Februar erhielt die Band von Juan Formell den Grammy für «Llego Van Van». Die Trophäe, die drei Jahre zuvor dem «Buena Vista Social Club» verliehen wurde und einen beispiellosen Boom der traditionellen Musik Kubas ausgelöst hatte, ist für die Mitglieder der Timba-Band eine kleine Kompensation für das gesunkene Publikumsinteresse der vergangenen Jahre.
Timba, so nennt sich der kubanische Salsa in Abgrenzung zum internationalen Salsa, ist international nicht mehr so gefragt. Die «Superabuelos» (Superopas), so werden Ibrahím Ferrer und Co. in Kuba etwas despektierlich genannt, haben den bis dato tonangebenden Timba-Stars den Rang abgelaufen. Arrangements waren für Los Van Van, Paulito FG oder Manolín, den Médico de la Salsa, nicht mehr so einfach zu bekommen. Internationale Veranstalter zeigten ihnen, die in Kuba vor Tausenden spielen, entweder die kalte Schulter oder senkten die Gagen. Eine Demütigung ohnegleichen, die die Bandleader der angesehensten Bands 1998 mit ihrer «Team Cuba»-Tour vergessen und gleichzeitig auf die aktuelle Musik des Landes aufmerksam machen wollte. Zwar spielte das Dream-Team nicht nur in Europa vor vollen Häusern, aber wenig später kam der Buena-Vista-Film auf den Markt, und wieder standen Juan Formell und Co. im Schatten. Der Grammy ist somit ein Trostpflaster für den bereits ergrauten Formell, der sich immer als Modernisierer des traditionellen Son verstand.
Detaillierte Musikgeschichte Kubas
So schildert es zumindest Maya Roy im Schlusskapitel ihres Buches «Buena Vista Die Musik Kubas». Der Untertitel ist der französischen Musikwissenschafterin dabei Programm, denn ihr Buch (inkl. CD) ist ein detaillierter Streifzug durch die Geschichte der Populärmusik von Rumba bis Timba cubana. Und mit Compay Segundo hat Roy jemanden für die Einleitung gewonnen, der viele der zahlreichen Einflüsse, die Spuren in der kubanischen Musik hinterliessen, noch selbst erlebt hat. Der charmante Sonero kann sich noch gut an die Popularität des Charleston, Flamenco und Tango in den zwanziger und dreissiger Jahren erinnern und knüpft in seinen eigenen Kompositionen daran an. Segundo ist somit ein quicklebendiges Beispiel für die eigentliche Stärke der kubanischen Musik: alle Rhythmen und Stile, die ins Land kommen, sofort zu interpretieren und in die eigene Musik einfliessen zu lassen. Die Spuren dieser Einflüsse und die daraus resultierende Entwicklung zeichnet Roy mit viel Sachverstand und Detailwissen nach. Sie zeigt auf, wie spanische und afrikanische Elemente im Laufe der Geschichte Vermählung feierten, sich gegenseitig befruchteten. Sie schildert aber auch, weshalb die rituelle Musik der Bantu, Yoruba und Abakuá überhaupt überleben konnte und letztlich die Basis zur Entwicklung der Rumba lieferte der ersten afrokubanischen Ausdrucksform.
Detailliert geht die Musikwissenschafterin Musikstil für Musikstil durch. Vom Punto Guajira, der Musik der ländlichen Bevölkerung, in dem sich zahlreiche spanische Elemente bewahrt haben, über den Danzón zum Son. Kleine Anekdoten, wie jene über den schwarzen Pianisten und Songwriter Ignacio Jacinto Villa Fernández, der unter dem Kosenamen Bola de Nieve (Schneeball) berühmt wurde, weil die Sängerin Rita Montaner ihn einmal so genannt hatte und der Name haften blieb, lockern den trockenen Stil Roys auf. Natürlich darf der Wettstreit zwischen den wichtigsten Bands der zwanziger und dreissiger Jahre nicht fehlen dem Septeto Nacional von Ignacio Piñeiro und dem Sexteto Habanero. Die nahmen Platten wie am Fliessband auf und übertrafen sich gegenseitig bei Live-Sessions im Radio. Doch auch den neueren Entwicklungen der kubanischen Musik nach der Revolution wird die Autorin gerecht. Die Neuausrichtung der Kulturpolitik wird mit ihren Vor- und Nachteilen für die Entwicklung der Musik aufgezeigt, genauso wie die damit einhergehenden neuen Stile: Ob die Nueva Trova, um Pablo Milanés und Silvio Rodríguez, oder die Tanzmusik, in der mit der Gründung von Los Van Van eine neue Ära eingeläutet wurde.
Kritischere Texte, in denen mit schwarzem Humor der kubanische Alltag geschildert wird, haben nicht zuletzt durch Van Van Konjunktur. Neue Bands, allen voran NG La Banda Ende der achtziger und ab Mitte der neunziger Jahre Manolín, «El médico de la salsa», treffen den Ton der Jugend, thematisieren in ihren Stücken Versorgungsengpässe, Prostitution und die tägliche Jagd nach dem Dollar, der heimlichen Leitwährung des Landes. Ganz zum Schluss des Buches, das zum Standardwerk über die kubanische Musik werden könnte, widmet sich die Autorin dann der Erfolgsgeschichte des «Buena Vista Social Club». Auch hier belässt sie es nicht bei den schlichten Fakten, sondern bettet das Kapitel in den Kontext der zeitgenössischen Tanzmusik ein und lässt die kubanischen Kritiker Ry Cooders zu Wort kommen.
Mystifizierter Son
Ganz anders als die Französin hat sich der deutsche Journalist Thomas Miessgang in «Der Gesang der Sehnsucht» der kubanischen Musik genähert. Er stellt Rubén González und Co. in das Zentrum seiner «Geschichte des Buena Vista Social Club und der kubanischen Musik». Über gut geschriebene Porträts der Musiker, kleine Exkurse über die Prostitution und die gegenwärtige Situation auf der Insel versucht der Autor die Entwicklung der kubanischen Musik in den Griff zu bekommen. Doch mehr als ein Spotlight kommt dabei nicht heraus. Im Lichte der Scheinwerfer strahlen nur die bekannten Mitglieder der Son-Gerontokraten. Ärgerlich und stereotyp sind seine Exkurse zur afrokubanischen Religion, die von Unkenntnis zeugen. Der Rumba, immerhin die Mutter des Son, hat Miessgang hingegen keinen Satz gewidmet. Von einer Geschichte der kubanischen Musik ist er damit weit entfernt. Letztlich muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, den kubanische Kritiker auch schon Ry Cooder und Wim Wenders vorhielten: Sie hätten die Musik der fünfziger Jahre aus ihrem Kontext herausgelöst und mystifiziert.
Knut Henkel
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