Denn Karen Armstrongs Buch unterscheidet sich grundlegend von den häufig auf „Lebenshilfe“ geeichten Buddhismus Büchern, die oft in den Esoterik-Ecken der Buchhandlungen schlummern – umzingelt von „Sun Tzu für Manager“ oder „Weck das Innere Kind in dir“.
Der, laut Klappentext renommierten Religionswissenschaftlerin, ging es nicht darum, ein weiteres Mal die grundsätzlichen Vorstellungen des Buddhismus zu erklären – wieso also Leben Leiden heißt oder warum Begierden der Anfang allen Übels sind. Ihr ging es um eine fundierte Biographie Buddhas aka Gotama aka Sakyamoni, der uns inzwischen in jedem China Restaurant zu lächelt, und der uns doch fremder ist als der Geschmack von Schwalbennestern. Denn was Buddha sonst noch so getan hat, außer unter Bodhi-Bäumen herumzusitzen und die Erleuchtung zu erlangen, wissen hierzulande wahrscheinlich die wenigsten. Zum Beispiel hat er niemals „entdeckt“, das Leben Leiden ist oder Begierden die Wurzeln allen Übels sind. Er hat es nur bestätigt. Diese Vorstellungen waren um 500 vor Christus spiritueller Mainstream.
Der große Verdienst von Armstrong ist, dass sie seine Lehre in ihren zeitgeschichtlichen und kulturellen Kontext einordnet. Dabei macht sie keinen Hehl daraus, dass sich das Versprechen einer Biografie nicht hundertprozentig einlösen lässt. Dazu liegen zu wenige historische Quellen vor – und der biografische Gedanke ist im asiatischen Raum exotisch. Buddha wird dort eher als „Prinzip“ wahrgenommen.
Zunächst gibt Armstrong Buddha eine Sprache und beschreibt, welchen Dialekt der Religionsstifter sprach. Ehrlich gesagt: Für mich war Buddha immer nur ein schweigsamer, versonnen lächelnder, wohlgenährter Glatzkopf, der Gedanken absonderte, die heute in Daila Lama Büchern kondensieren. Ich kam nie auf die Idee, dass es natürlich auch Quelltexte gibt. Die Ersten wurden 50 Jahre nach seinem Tod verfasst – und auf dem ersten Konzil hundert Jahre nach seinem Tod kanonisiert.
Ich fand es spannend, dass die buddhistischen Schriften kanonisiert wurden – so wie die Christlichen. Das ist wenig erhellend für das Ideen-Verständnis – jedoch notwendig um ein Gespür, für die Kultur dahinter zu bekommen. Das mag mit meiner persönlichen Buddhismus Rezeption zusammenhängen, die eher vom „easy go“, besagter Buddhismus-Literatur geprägt war: nie hätte ich mir träumen lassen, das hinter dem Om-seufzenden „Wellness-Spirit“ Konzile, Dispute und Organisation stehen.
Armstrongs Buch schildert detailliert den Weg von der individuellen Erleuchtungserfahrung Gotamas, bis hin zur Fundamentierung einer Weltreligion, die bereits zu Buddhas Lebzeiten ein „spiritueller Hit“ war. Dieser Weg war nicht frei von Anfeindungen. Ähnlich wie die Idee einer individuellen Erlösung durch „Gottes Sohn“ nicht im luftleeren Raum reifte, blühte auch die Idee einer individuellen Erlösung durch das Üben einer Methode – nämlich der von Buddha entdeckten – nicht in einem Vakuum. Es gab Anfeindung vom Brahma-Establishment, es gab Proteges und es gab, mit zunehmendem Einfluss seiner Lehre interne Machtkämpfe. Auch der Buddhismus hat seinen „Judas“: Buddhas Schwager Devadatta. Auch Buddha hatte seine „Apostel“: Sariputta und Mogallana – die Begründer der beiden Hauptströmungen Theravada- und Mahajana-Buddhismus und seine tragischen Gestalten – wie zum Beispiel Ananda, der die Predigten seines Lehrers verstand, aber am Ende seines Lebens, im hohen Alter, einsehen musste, dass er nichts gelernt hatte und weit weniger in der Meditation talentiert war, als seine Mönchsbrüder. Armstrong erweckt durch viele, oft gleichnishafte Geschichten, aus unterschiedlichsten buddhistischen Quellen, das unmittelbare Umfeld Buddhas zum Leben. Das hört sich vielleicht albern an: aber plötzlich wurde mir klar, das eine Idee „aus sich heraus“ natürlich überzeugend sein muss – aber durch ihre Entwicklung, die durch sie verursachten Ereignisse, durch ihre Verfechter noch liebenswerter, lebendig wird.
Diese Geschichte ist im Fall des Buddhismus auch ambivalent. So wäre ihm beispielsweise unsere Vorstellung von Familie – laut Armstrong – ein Graus. Es ist unmöglich im Netz alltäglicher Verpflichtungen „Erleuchtung“ zu erlangen. Konsequenterweise nannte Gotama seinen Sohn Rahula, was „Fußfessel“ bedeutet. Dies bedeutet auch, dass man sich als buddhistischer Laie keine Hoffnung machen muss: Erlösung kann man nur als Mönch erlangen – und Frauen übrigens, sind Mönche zweiter Klasse. Inwieweit diese Form von Diskriminierung – Buddhas Zugeständnis an seine Zeit war, später hinzugedichtet wurde oder was auch immer, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Noch einmal: Für das Ideen-Verständnis ist dies nicht wichtig zu wissen – für das Kulturverständnis schon.
Bei aller Schilderung äußerer Ereignisse, kommt die Beschreibung des Gedankengebäudes nicht zu kurz. Denn das eine ist ohne das andere nur sehr ungenau zu erfassen. Mit ein Grund, weshalb Armstrong ihrem Buch einen Text Buddhas voranstellt: „Wer mich sieht, sieht den dhamma (die Lehre), und wer den dhamma sieht, sieht mich“.
Ich kann dieses Buch jeden empfehlen, der sich für das Thema interessiert. Idealerweise als Zweitlektüre, zu einem Einstieg, der sich primär mit der Ideenlehre beschäftigt. Hier ist meiner Meinung nach „Buddhismus kurz und bündig“ von Steve Hagen das Beste – bitte nicht von dem nach Esoterik riechenden Cover abschrecken lassen. Zugegeben viel Om, aber wenig blabla – bei Hagen.