Aus der Amazon.de-Redaktion
Seit 100 Jahren erscheinen bei S. Fischer die Werke Thomas Manns. Diesen Anlass nutzt der Verlag, um die sechs meistgelesenen Romane des Nobelpreisträgers in einer schönen Kassette herauszugeben.
Neben den Buddenbrooks, Doktor Faustus, dem Zauberberg, Königliche Hoheit und dem schmalen Band Lotte in Weimar finden sich auch die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Es lohnt sich, wieder einmal in den Werken eines hervorragenden Stilisten zu schmökern, der noch dazu gut Geschichten erzählen konnte. Für die Leser, die sich näher mit der Person Thomas Manns beschäftigen möchten, hat der S. Fischer Verlag die gesamten Tagebücher, es sind immerhin zehn Bände, in einer schönen Kassette zusammengefasst. Herausgegeben werden sie von Peter de Mendelssohn und Inge Jens, auf stattlichen 9500 Seiten. --Manuela Haselberger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2002
Rezensent Edo Reents vergibt eine Höchstwertung an die beiden Buddenbrooks-Bände der ersten, kommentierten und vollständigen Mann-Ausgabe. Was Editionsphilologie leisten könne, lasse sich hier beispielhaft illustrieren. Der vorliegende Roman-Text ist Reents zufolge etwa um ein Zehntel länger als der "bisher in der Forschung gebräuchliche" und folgt dem Druck der Erstausgabe von 1901. Besonders dem "üppigen" Kommentar widmet der Rezensent große Aufmerksamkeit. Die Briefe, die zum Roman gewechselt wurden, fand er in der "Entstehungsgeschichte" ebenso ausführlich zitiert und kommentiert, wie Hinweise auf literarische und geistesgeschichtliche Quellen und Anregungen. Dazu Familienchroniken, einen Auszug aus Meyers Konversationslexikon, der für das Typhuskapitel genutzt wurde, sogar die "Textstellen, die dann im Roman doch nicht auftauchten". Der Leser bekomme hier "in einer essayistischen, also ungemein lesbaren und großangelegten Chronik" alle wichtigen Quellen: "die bekannten wie auch die unbekannten oder bisher nur in der Fachliteratur mitgeteilten". Nach all den geglätteten Fassungen der vergangenen hundert Jahre habe man, so Reents, nun wieder die etwas rauere, kulturgeschichtlich nach hinten offene vor sich.
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Buchnotiz zu : Die Zeit, 04.07.2002
Was hat es nur mit den Buddenbrooks auf sich, dass der Roman von Thoams Mann so lange nach seinem Erscheinen nichts an Attraktivität eingebüßt hat, fragt Thomas E. Schmidt und verweist auf die Frankfurter kommentierte Ausgabe, in der man nun detailliert nachlesen könne, was Mann alles in diesem Familienepos untergebracht hat. Ein kleines Problem hat der Rezensent allerdings damit: Der Kommentar schwebt über dem Roman "wie dichtes Gewölk über der Trave", seufzt Schmidt. Damit will er die Leistung des Kommentars nicht schmälern, im Gegenteil. Ohne Zweifel sei hier ein "großes wissenschaftliches Werk" entstanden, und zwar ein "verdienstvolles", "reifes" und "erschöpfendes", lobt Schmidt. Und doch! Er ist "ein großer Sieg der Philologie über die zauberhaft-verschämte Neigung der Literatur", ihr Geheimnis wohl zu hüten, erklärt der Rezensent melancholisch. Gott sei Dank könne er die Lektüre des Romans nicht ersetzen. Thomas Mann habe nicht für "informierte", sondern für "gebildete" Leser geschrieben. Diese sollten, wenn wir Schmidt richtig verstehen, den Kommentar einfach beiseite lassen.
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Buch der 1000 Bücher
Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Buddenbrooks
OA 1901 Form Roman Epoche Moderne
In seinem Erstlingsroman, für den er 1929 den Literaturnobelpreis erhielt, entwickelt Thomas Mann das schon in seinen ersten Erzählungen aufgeworfene Kardinalthema des Gegensatzes des Bürgers und Künstlers fort, das er vor dem Hintergrund der Lübecker Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in Form eines bürgerlichen Familienromans ausbreitet. Obwohl am Rande auch zeitgenössische Ereignisse wie die Revolution von 1848 Erwähnung finden, liegt der Schwerpunkt des Romans auf der psychologisch genauen Beobachtung der Charaktere des Romans, deren Schwächen und Eigenheiten bereits hier mit der charakteristischen, wenn auch noch zurückhaltend-verstehenden mannschen Ironie begegnet wird.
Inhalt: Der Untertitel des Romans Verfall einer Familie bezeichnet den wesentlichen Handlungsverlauf der vier Generationen umfassenden Geschichte der Lübecker Patrizierfamilie, die Thomas Mann in Anlehnung an seinen eigenen familiären Hintergrund fiktiv ausgestaltet hat. Obwohl der ethisch fundierte Kapitalismus der Buddenbrooks im Verlauf des Romans der neureichen, ökonomisch überlegenen Konkurrenz der Familie Hagenström weichen muss, liegen Untergang und Scheitern der Buddenbrooks nicht in ökonomischen Sachverhalten begründet. Trotz verschiedener wirtschaftlicher Fehlspekulationen und dem auch finanziell nachteiligen Scheitern mehrerer Ehen der Familienmitglieder ist die Hauptursache für den Verfall ein kontinuierlicher Prozess der Degeneration, der im sukzessiven Verlust von Vitalität, einer Verfeinerung der Nerven, zunehmender Reflexivität und wachsender künstlerischer Neigung seine Ausdrucksformen findet.
Aufbau: Die männlichen Familienoberhäupter, die zwischen 1835, dem Beginn des Romans, und 1877, dem Tod Hanno Buddenbrooks, innerhalb einer Zeitspanne von 42 Jahren auftreten, verlieren sukzessive an Lebenskraft und erleiden entsprechend in steigender Verfallslinie einen jeweils früheren Tod. Während der lebensfrohe Johann Buddenbrook senior 70-jährig stirbt, deutet die pietistische Frömmigkeit seines Sohnes Jean bereits eine dekadente Verfallslinie an.
Die Hauptfigur des Romans, Thomas Buddenbrook, ist, der äußerlich präsentierten bürgerlich-puritanischen Haltung zum Trotz, ein Ästhet, der noch vor seinem 50. Geburtstag stirbt. Der lebensuntüchtige, früh an Krankheiten leidende Hanno schließlich, der Musik vor allem von Richard Wagner (181383) als Traum- und Rauscherlebnis von Kindesbeinen verfallen, stirbt 16-jährig an Typhus. Neben diesen männlichen Protagonisten lebt der Roman nicht zuletzt von einer Reihe anschaulich geschilderter, bekannt gewordener Charakterfiguren, die Mann in teils karikaturhafter Zuspitzung geschildert hat. Sie verleihen dem Roman über das Künstler- und Verfallsthema hinaus einen durch die Breite der dargestellten Charaktere einen allgemeingültigen Zug.
Wirkung: Der Roman wurde mit der Anfang 1903 erschienenen zweiten Auflage ein großer Erfolg, der sich mit dem Nobelpreis noch einmal erheblich steigerte. Dreimal 1923, 1959 und 1979 wurde das Buch verfilmt. Sein Erfolg gründet nicht zuletzt auf den Vorlieben einer im Wesentlichen bürgerlichen Leserschaft, die sich selbst und ihre eigenen Lebensformen dank der realistischen Darstellungsform großbürgerlichen Lebens und Denkens wiedergegeben fand, während die Verfallsthematik im Vergleich nur am Rande zur Kenntnis genommen wurde. . -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Buddenbrooks
OA 1901 Form Roman Epoche Moderne
In seinem Erstlingsroman, für den er 1929 den Literaturnobelpreis erhielt, entwickelt Thomas Mann das schon in seinen ersten Erzählungen aufgeworfene Kardinalthema des Gegensatzes des Bürgers und Künstlers fort, das er vor dem Hintergrund der Lübecker Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in Form eines bürgerlichen Familienromans ausbreitet. Obwohl am Rande auch zeitgenössische Ereignisse wie die Revolution von 1848 Erwähnung finden, liegt der Schwerpunkt des Romans auf der psychologisch genauen Beobachtung der Charaktere des Romans, deren Schwächen und Eigenheiten bereits hier mit der charakteristischen, wenn auch noch zurückhaltend-verstehenden mannschen Ironie begegnet wird.
Inhalt: Der Untertitel des Romans Verfall einer Familie bezeichnet den wesentlichen Handlungsverlauf der vier Generationen umfassenden Geschichte der Lübecker Patrizierfamilie, die Thomas Mann in Anlehnung an seinen eigenen familiären Hintergrund fiktiv ausgestaltet hat. Obwohl der ethisch fundierte Kapitalismus der Buddenbrooks im Verlauf des Romans der neureichen, ökonomisch überlegenen Konkurrenz der Familie Hagenström weichen muss, liegen Untergang und Scheitern der Buddenbrooks nicht in ökonomischen Sachverhalten begründet. Trotz verschiedener wirtschaftlicher Fehlspekulationen und dem auch finanziell nachteiligen Scheitern mehrerer Ehen der Familienmitglieder ist die Hauptursache für den Verfall ein kontinuierlicher Prozess der Degeneration, der im sukzessiven Verlust von Vitalität, einer Verfeinerung der Nerven, zunehmender Reflexivität und wachsender künstlerischer Neigung seine Ausdrucksformen findet.
Aufbau: Die männlichen Familienoberhäupter, die zwischen 1835, dem Beginn des Romans, und 1877, dem Tod Hanno Buddenbrooks, innerhalb einer Zeitspanne von 42 Jahren auftreten, verlieren sukzessive an Lebenskraft und erleiden entsprechend in steigender Verfallslinie einen jeweils früheren Tod. Während der lebensfrohe Johann Buddenbrook senior 70-jährig stirbt, deutet die pietistische Frömmigkeit seines Sohnes Jean bereits eine dekadente Verfallslinie an.
Die Hauptfigur des Romans, Thomas Buddenbrook, ist, der äußerlich präsentierten bürgerlich-puritanischen Haltung zum Trotz, ein Ästhet, der noch vor seinem 50. Geburtstag stirbt. Der lebensuntüchtige, früh an Krankheiten leidende Hanno schließlich, der Musik vor allem von Richard Wagner (181383) als Traum- und Rauscherlebnis von Kindesbeinen verfallen, stirbt 16-jährig an Typhus. Neben diesen männlichen Protagonisten lebt der Roman nicht zuletzt von einer Reihe anschaulich geschilderter, bekannt gewordener Charakterfiguren, die Mann in teils karikaturhafter Zuspitzung geschildert hat. Sie verleihen dem Roman über das Künstler- und Verfallsthema hinaus einen durch die Breite der dargestellten Charaktere einen allgemeingültigen Zug.
Wirkung: Der Roman wurde mit der Anfang 1903 erschienenen zweiten Auflage ein großer Erfolg, der sich mit dem Nobelpreis noch einmal erheblich steigerte. Dreimal 1923, 1959 und 1979 wurde das Buch verfilmt. Sein Erfolg gründet nicht zuletzt auf den Vorlieben einer im Wesentlichen bürgerlichen Leserschaft, die sich selbst und ihre eigenen Lebensformen dank der realistischen Darstellungsform großbürgerlichen Lebens und Denkens wiedergegeben fand, während die Verfallsthematik im Vergleich nur am Rande zur Kenntnis genommen wurde. . -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Klappentext
"Mein in Deutschland populärstes Buch sind ja ohne Zweifel die Buddenbrooks, und es kann sein, daß in meinem eignen Lande mein Name immer vorzugsweise mit diesem Werk verbunden bleiben wird." Thomas Mann an Bedrich Fucik, 15. April 1932
Über den Autor
Michael Neumann ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Katholischen Universität Eichstätt. Er beschäftigt sich vorrangig mit Literatur der Klassik und Romantik, mit der Geschichte der Erzählliteratur sowie mit Literatur und Anthropologie. Ein weiterer Schwerpunkt bildet das Werk Thomas Manns, zu dem er zahlreiche Aufsätze veröffentlicht hat.
Auszug aus Buddenbrooks von Thomas Mann. Copyright © 1989. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die allgemeine Munterkeit hatte nun ihren Gipfel erreicht, und Herr Köppen verspürte das deutliche Bedürfnis, ein paar Knöpfe seiner Weste zu öffnen; aber das ging wohl leider nicht an, denn nicht einmal die alten Herren erlaubten sich dergleichen. Lebrecht Kröger saß noch genau so aufrecht an seinem Platze wie zu Beginn der Mahlzeit, Pastor Wunderlich blieb weiß und formgewandt, der alte Buddenbrook hatte sich zwar ein bißchen zurückgelegt, wahrte aber den feinsten Anstand, und nur Justus Kröger war ersichtlich ein wenig betrunken.
Wo war Doktor Grabow? Die Konsulin erhob sich ganz unauffällig und ging davon, denn dort unten waren die Plätze von Mamsell Jungmann, Doktor Grabow und Christian frei geworden, und aus der Säulenhalle klang es beinahe wie unterdrücktes Jammern. Sie verließ schnell hinter dem Folgmädchen, das Butter, Käse und Früchte serviert hatte, den Saal - und wahrhaftig, dort im Halbdunkel, auf der runden Polsterbank, die sich um die mittlere Säule zog, saß, lag oder kauerte der kleine Christian und ächzte leise und herzbrechend.
"Ach Gott, Madamchen!" sagte Ida, die mit dein Doktor bei ihm stand, "Christian, dem Jungchen, ist gar so schlecht... "
"Mir ist übel, Mama, mir ist verdammt übel!" wimmerte Christian, während seine runden, tiefliegenden Augen über der allzu großen Nase unruhig hin und her gingen. Er hatte das "verdammt" nur aus übergroßer Verzweiflung hervorgestoßen, die Konsulin aber sagte:
"Wenn wir solche Worte gebrauchen, straft uns der liebe Gott mit noch größerer Übelkeit! "
Doktor Grabow fühlte den Puls; sein gutes Gesicht schien noch länger und milder geworden zu sein.
"Eine kleine Indigestion... nichts von Bedeutung, - Frau Konsulin!" tröstete er. Und dann fuhr er in seinem langsamen, pedantischen Amtstone fort: "Es dürfte das beste sein, ihn zu Bette zu bringen... ein bißchen Kinderpulver, vielleicht ein Täßchen Kamillentee zum Transpirieren ... Und strenge Diät, - Frau Konsulin? Wie gesagt, strenge Diät. Ein wenig Taube, - ein wenig Franzbrot..."
"Ich will keine Taube!" rief Christian außer sich. "Ich will niemals wieder etwas essen! Mir ist übel, mir ist verdammt übel!" Das starke Wort schien ihm geradezu Linderung zu bereiten, mit solcher Inbrunst stieß er es hervor.
Doktor Grabow lächelte vor sich hin, mit einem nachsichtigen und beinahe etwas schwermütigen Lächeln. Oh, er würde schon wieder essen, der junge Mann! Er würde leben wie alle Welt. Er würde, wie seine Väter, Verwandten und Bekannten, seine Tage sitzend verbringen und viermal inzwischen so ausgesucht schwere und gute Dinge verzehren... Nun, Gott befohlen! Er, Friedrich Grabow, war nicht derjenige, welcher die Lebensgewohnheiten aller dieser braven, wohlhabenden und behaglichen Kaufmannsfamilien umstürzen würde. Er würde kommen, wenn er gerufen würde, und für einen oder zwei Tage strenge Diät empfehlen, - ein wenig Taube, ein Scheibchen Franzbrot... ja, ja - und mit gutem Gewissen versichern, daß es für diesmal nichts zu bedeuten habe. Er hatte, so jung er war, die Hand manches wackeren Bürgers in der seinen gehalten, der seine letzte Keule Rauchfleisch, seinen letzten gefüllten Puter verzehrt hatte und, sei es plötzlich und überrascht in seinem Comptoirsessel oder nach einigem Leiden in seinem soliden alten Bett, sich Gott befahl. Ein Schlag, hieß es dann, eine Lähmung, ein plötzlicher und unvorhergesehener Tod... ja, ja, und er, Friedrich Grabow, hätte sie ihnen vorrechnen können, alle die vielen Male, wo es "nichts auf sich gehabt hatte", wo er vielleicht nicht einmal gerufen war, wo nur vielleicht nach Tische, wenn man ins Comptoir zurückgekehrt war, ein kleiner, merkwürdiger Schwindel sich gemeldet hatte... Nun, Gott befohlen! Er, Friedrich Grabow, war selbst nicht derjenige, der die gefüllten Puter verschmähte. Dieser panierte Schinken mit Chalottensauce heute war delikat gewesen, zum Teufel, und dann, als man schon schwer atmete, der Plettenpudding - Makronen, Himbeeren und Eierschaum, ja, ja... "Strenge Diät, wie gesagt, - Frau Konsulin? Ein wenig Taube, - ein wenig Franzbrot..."
Wo war Doktor Grabow? Die Konsulin erhob sich ganz unauffällig und ging davon, denn dort unten waren die Plätze von Mamsell Jungmann, Doktor Grabow und Christian frei geworden, und aus der Säulenhalle klang es beinahe wie unterdrücktes Jammern. Sie verließ schnell hinter dem Folgmädchen, das Butter, Käse und Früchte serviert hatte, den Saal - und wahrhaftig, dort im Halbdunkel, auf der runden Polsterbank, die sich um die mittlere Säule zog, saß, lag oder kauerte der kleine Christian und ächzte leise und herzbrechend.
"Ach Gott, Madamchen!" sagte Ida, die mit dein Doktor bei ihm stand, "Christian, dem Jungchen, ist gar so schlecht... "
"Mir ist übel, Mama, mir ist verdammt übel!" wimmerte Christian, während seine runden, tiefliegenden Augen über der allzu großen Nase unruhig hin und her gingen. Er hatte das "verdammt" nur aus übergroßer Verzweiflung hervorgestoßen, die Konsulin aber sagte:
"Wenn wir solche Worte gebrauchen, straft uns der liebe Gott mit noch größerer Übelkeit! "
Doktor Grabow fühlte den Puls; sein gutes Gesicht schien noch länger und milder geworden zu sein.
"Eine kleine Indigestion... nichts von Bedeutung, - Frau Konsulin!" tröstete er. Und dann fuhr er in seinem langsamen, pedantischen Amtstone fort: "Es dürfte das beste sein, ihn zu Bette zu bringen... ein bißchen Kinderpulver, vielleicht ein Täßchen Kamillentee zum Transpirieren ... Und strenge Diät, - Frau Konsulin? Wie gesagt, strenge Diät. Ein wenig Taube, - ein wenig Franzbrot..."
"Ich will keine Taube!" rief Christian außer sich. "Ich will niemals wieder etwas essen! Mir ist übel, mir ist verdammt übel!" Das starke Wort schien ihm geradezu Linderung zu bereiten, mit solcher Inbrunst stieß er es hervor.
Doktor Grabow lächelte vor sich hin, mit einem nachsichtigen und beinahe etwas schwermütigen Lächeln. Oh, er würde schon wieder essen, der junge Mann! Er würde leben wie alle Welt. Er würde, wie seine Väter, Verwandten und Bekannten, seine Tage sitzend verbringen und viermal inzwischen so ausgesucht schwere und gute Dinge verzehren... Nun, Gott befohlen! Er, Friedrich Grabow, war nicht derjenige, welcher die Lebensgewohnheiten aller dieser braven, wohlhabenden und behaglichen Kaufmannsfamilien umstürzen würde. Er würde kommen, wenn er gerufen würde, und für einen oder zwei Tage strenge Diät empfehlen, - ein wenig Taube, ein Scheibchen Franzbrot... ja, ja - und mit gutem Gewissen versichern, daß es für diesmal nichts zu bedeuten habe. Er hatte, so jung er war, die Hand manches wackeren Bürgers in der seinen gehalten, der seine letzte Keule Rauchfleisch, seinen letzten gefüllten Puter verzehrt hatte und, sei es plötzlich und überrascht in seinem Comptoirsessel oder nach einigem Leiden in seinem soliden alten Bett, sich Gott befahl. Ein Schlag, hieß es dann, eine Lähmung, ein plötzlicher und unvorhergesehener Tod... ja, ja, und er, Friedrich Grabow, hätte sie ihnen vorrechnen können, alle die vielen Male, wo es "nichts auf sich gehabt hatte", wo er vielleicht nicht einmal gerufen war, wo nur vielleicht nach Tische, wenn man ins Comptoir zurückgekehrt war, ein kleiner, merkwürdiger Schwindel sich gemeldet hatte... Nun, Gott befohlen! Er, Friedrich Grabow, war selbst nicht derjenige, der die gefüllten Puter verschmähte. Dieser panierte Schinken mit Chalottensauce heute war delikat gewesen, zum Teufel, und dann, als man schon schwer atmete, der Plettenpudding - Makronen, Himbeeren und Eierschaum, ja, ja... "Strenge Diät, wie gesagt, - Frau Konsulin? Ein wenig Taube, - ein wenig Franzbrot..."