"Elizabeth hat eingeladen, genauer, Elizabeth Alexandra Maria Windsor, Königin von Gottes Gnaden des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland und ihrer anderen Reiche und Gebiete, Haupt des Commonwealth und Verteidigerin des Glaubens.
Alle waren ihrer Einladung gefolgt, denn sie ist die Seniorin der europäischen Herrschaftshäuser. Sie ist die einzige Monarchin, die gleichzeitig das Staatsoberhaupt von mehr als einer unabhängigen Nation ist ..."
So beginnt der neue Roman "Buckingham Palace" von Christoph Werner, und so führt der Autor sine Leser an die Ereignisse heran, die diese Geschichte bestimmen.
Der Roman führt in die Welt des Buckingham Palace und der Mächte, denen selbst die Königin ausgeliefert ist. Durch Zufall gerät Weimar in das Blickfeld des britischen Geheimdienstes, als dieser versucht, die englische Monarchie vor den Offenbarungen eines lange verschollenen Dokumentes zu beschützen, das in die Hände der Princess of Wales geraten ist.
Das Geschick, mit dem der Autor das geschichtlich gesicherte Faktenmaterial mit fiktionalen Elementen und Personen, die eine überzeugende Extrapolation der historischen und zeitgenössischen Wirklichkeit darstellen, verbindet, ist erneut beeindruckend. Der Wechsel der Handlungsorte Balmoral und Crathie in Schottland, Windsor Castle und Buckingham Palace in England, Hildesheim und Weimar in Niedersachsen und Thüringen und schließlich Paris in Frankreich ergibt sich ohne Willkür aus dem Gang der Handlung.
Besonders die Verbindung mit Weimar und Hildesheim gibt dem Autor zwanglose Gelegenheit, diese beiden Orte zugleich als konkrete Schauplätze des menschlichen Theaters und herausgehobene Lebensformen zu beschreiben.
Das Buch bezieht seine Spannung aus der Verbindung der Königsebene mit den Absonderlichkeiten des Täglichen, aus der distanzierten Nähe, aus der heraus der Autor den Leser Einblicke in die Welt des Königshauses und des englischen Geheimdienstes tun lässt sowie der unangestrengten Einbettung des historisch und zeitgenössisch Bedeutsamen in den vertrauten Alltag.
Wir wissen aus den Büchern Werners über Schinkel, Caspar David Friedrich und William Turner von dem Interesse des Autors und seiner Leserschaft für die Monarchie als Institution und die Monarchen als eine Gruppe von Menschen, die - vor allem in Großbritannien - außerhalb der normalen sozialen Ordnung stehen und dennoch gerade durch ihre Außerordentlichkeit in hohem Maße an sie gebunden und von ihr abhängig sind. Das ist besonders dann der Fall, wenn der Monarch oder die Monarchin - wie in Großbritannien - Teil des gesetzgebenden Systems ist und das Parlament ohne ihre Zustimmung nicht einmal ihre Abschaffung beschließen könnte. "King (oder Queen) in Parliament" heißt dieses Verhältnis im Vereinigten Königreich. Die - subtil ausgeübte - Macht der englischen Königin beruht allerdings weitestgehend auf dem Einvernehmen mit der Bevölkerung. Ist dieses gestört, dann würde auch keine verweigerte Unterschrift unter ein Gesetz helfen. Als Königin Elizabeth durch ihr Verhalten nach dem Tod Dianas, der Princess of Wales, den durch eine maßlose, teilweise sogar hysterische Trauer verstärkten Unwillen der britischen Bevölkerung hervorrief, stand die britische Monarchie vor dem Abgrund. Das stark von der Tradition geprägte kulturelle Verständnis der Briten ist jedoch noch immer aufs Innigste mit dem Königshaus verbunden und mit dem Glauben, in einem Land zu leben, in dem, wie Marcel Pagnol sagt, die Autorität eines Menschen die Freiheit aller garantiert.
Das, einschließlich einer spannenden und handlungsentscheidenden Verknüpfung mit Königin Viktoria, ihrem Gemahl Albert Franz August Karl Emanuel, Prinz von Sachsen-Coburg-Gotha sowie beider Reitknecht und späterem Leibdiener John Brown, bildet den Hintergrund von "Buckingham Palace".
Der Text ist, wie bei Christoph Werner mittlerweile nicht anders zu erwarten, in einem gediegenen, sogleich vorwärtsweisenden wie bewahrenden Stil geschrieben, der dankenswerter Weise keine falschen Zugeständnisse an heute so gern gebrauchte und zumeist unbegründete sprachliche Extravaganzen macht. Und dadurch passiert etwas im Leser. Er spürt, um den Autor selbst aus einem seiner früheren Bücher zu zitieren, dass das Faktische seine angemessene Existenzform - und als diese erscheint das Kunstwerk - durch das treffende Wort gewinnt. Das treffende Wort und die individuelle Wahrnehmung der Wirklichkeit vermitteln dem Leser sowohl ein unmittelbares Wirklichkeitserlebnis wie auch die subjektive Sicht des Autors.
Was Christoph Werner zudem von der Trauer über den Verlust eines Partners, von der Verantwortung des Einzelnen vor der Geschichte und von der wundersamen deutschen Sprache schreibt, macht die Geschichte noch lesenswerter, ohne ihr etwas von ihrer Spannung zu nehmen.
"Buckingham Palace" ist, auch angesichts des weiter gehenden Interesses am Leben und Sterben Dianas, unbedingt zu empfehlen.