Die Meinungen zu diesem Buch gehen offensichtlich weit auseinander. Die Einen lieben es, die Anderen hassen es. Mich hat es verzaubert. Es hat mich entführt, entsetzt, schockiert, zu Tränen gerührt und zu herzhaftem Lachen gereizt.
Connollys Worte zogen mich von der ersten Seite an in ihren Bann. Ich kann mich an kein Buch erinnern, bei dem mir schon im ersten Kapitel dicke Tränen die Wangen herabkullerten. Dabei ist der Anfang weder sonderlich überraschend noch besonders gefühlsduselig geschrieben. Ein Junge, dessen Mutter stirbt. Das kennen wir. Das ist nichts Neues. Doch irgendetwas nahm mich gefangen. Rührte mich zutiefst. David gewann meine Sympathie, mein Mitgefühl. Er kam mir nahe.
Die Geschichte ist eine typische coming-of-age-Story - könnte man meinen. Ein tieftrauriger, verletzter, verstörter, trotziger Junge erlebt Abenteuer, begegnet Gefahren, lernt zu vertrauen und Dinge zu hinterfragen, um sich am Ende zu finden und die Wahrheit zu erkennen.
Sein Weg führt ihn durch eine Märchenwelt. Die Märchen wirken vertraut: Rotkäppchen Schneewitchen, Dornröschen, Hänsel und Gretel. Doch es sind nicht die Gutenachtgeschichten, die wir unseren Kindern heutzutage erzählen. Nein, sie sind blutig, bitterböse und brutal. Sehr explizit und oft an der Grenze des guten Geschmacks oder darüber hinaus. So waren Märchen wahrscheinlich, bevor wir sie mit Blümchen bestreuten und in Zuckerwatte packten. Geschichten, die Kinder wirklich davon abhalten, in den Wald zu gehen. Die Angst machen und verstören. Cinderellas little Horrorshop.
Dieser Horrorshop spiegelt auf phantastische Weise die Realität. Das Leben ist nicht fair (um ein anderes großartiges Buch zu zitieren). Das Leben ist oft blutig, bitterböse und brutal. Es gibt Menschen, die Hunger leiden, die gemein sind, die von Krankheiten gefressen werden oder sich gegenseitig umbringen. Es gibt Männer (und Frauen), die Kinder entführen und töten. Es gibt Männer (und Frauen), die schlimmere Dinge mit Kindern tun. Das ist (leider) die Realität. Und David verarbeitet sie auf seine Weise.
Dieses Buch ist KEIN Kinderbuch. Allenfalls ein Jugendbuch für Jungs und Mädchen ab zwölf. Kinder vertragen mehr als übervorsichtige Eltern ihnen zutrauen, verstehen viel mehr und haben einen offeneren Blick auf die Welt. Allerdings sind einige Bilder des Buchs wirklich verstörend. Besonders wenn kleine phantasiebegabte Köpfe sie sich farbenprächtig ausmalen. Doch wenn mutige Eltern ihren abenteuerlustigen Kindern dieses Buch vorlesen, bereit sind unangenehme Fragen zu beantworten und aufmerksam beobachten, ob vielleicht die ein oder andere Szene zensiert vorgelesen werden sollte ' dann ist es ein lehrreiches Buch für Vorleser und Zuhörer. Trotz der Horrorelemente ' die Geschichte atmet Moral. Ohne Zaunpfähle. Dafür mit Herz und Verstand.
Die kleine Schrift, die wenigen Absätze und die Dicke des Buches dürften viele Kinder ohnehin von der Lektüre abhalten.
Jeder halbwegs erfahrene Leser wird schnell erkennen, auf was die Erzählung hinausläuft. Sie ist vorhersehbar. Die Idee ist nicht neu und schon viele Autoren und Drehbuchschreiber haben sich an ihr versucht. Viele Geschichten sind sehr gut, wie "Alice im Wunderland" (Buch), "Pans Labyrinth" (Film), "Die Reise ins Labyrinth" (Film) oder "Coraline" (Buch), um nur einige zu nennen. "Das Buch der verlorenen Dinge" braucht sich vor diesen aber nicht zu verstecken.
Claudia Feldmann hat die Geschichte mit Verstand übersetzt.
Ein wunderbares Buch. Ein verstörendes Buch. Es brachte mich zum Lachen und zum Weinen und dazu, ungläubig den Kopf zu schütteln. Anderen wird es Alpträume bescheren. Und wieder andere werden sich langweilen, weil sie dem Zauber der Worte nicht erliegen und die Grundidee nichts Neues ist. Wer sich aber darauf einlässt, den erwartet ein phantastisches Lesevergügen.