Zwar ist Volker Weidermann nicht der erste, der nach Spuren der von den Nazis verbrannten Autoren sucht, aber seine Spurensuche war nicht nur erfolgreich, sondern liest sich auch hervorragend. Freilich hätte er außer Jürgen Serkes "Verbrannte Dichter" noch weitere, nicht minder verdienstvolle Fährtensucher wenigstens nennen müssen, zum Beispiel Walter Zedak, Jost Hermand oder Richard Drews und Alfred Kantorowicz, oder die von Jarmatz, Barck und Diezel herausgegebene "Exil in ..."-Reihe, die in den 70er Jahren in der DDR erschienen war (und noch einige andere). Und freilich hätte er noch eine Bibliographie anfügen können, denn man bekommt schon während der Lektüre Lust, sich mit dem ein oder anderen Autor näher zu beschäftigen -- aber wird oder wurde der inzwischen auch irgendwo wieder verlegt? Auch ein systematischer bibliographischer Nachweis der Erinnerungsliteratur wäre mehr als sinnvoll gewesen. Dass Weidermann all das ohne viel Mehraufwand hätte anführen können, liegt auf der Hand, denn man merkt nahezu jeder Seite an, dass er bemerkenswert gründlich und zeitaufwendig recherchiert hat. Damit wären aber auch schon die wind- und wetterfesten Kritikpunkte abgehakt; die Habens-Seite wiegt weitaus schwerer.
Im Gegensatz zu anderen Autoren geht Weidermann nämlich systematisch vor, und das System liegt eigentlich nahe: Sein "Buch der verbrannten Bücher" beruht auf der "Wolfgang-Herrmann-Liste", die den vor allem studentischen Bücherverbrennern 1933 makabre "gute" Dienste leistete. Alles, was der mediokre Bibliothekar Wolfgang Herrmann mit Feuereifer auf seine Schwarze Liste gesetzt hatte, kam nämlich auf den Scheiterhaufen. Aus dieser Vorgehensweise erklärt sich auch, dass man in diesem Buch zahlreiche nicht minder verfemte Autoren vermisst, beispielsweise Gertrud Kolmar, Erich Mühsam, Else Lasker-Schüler oder Franz Hessel. Die hat der eifrige Bibliothekar übersehen... (andere Brandstifter haben das aber leider nicht)
In den intelligent zusammengestellten Kapiteln stellt Weidermann sämtliche Autoren der Herrmann-Liste vor, mit biographischem Abriss, literaturkritischen Anmerkungen, gelegentlich Auszügen aus den Werken des Autors und Kommentaren ihrer Zeitgenossen. Kapitelintern ist der Ansatz ebenfalls erfreulich: Die Anzahl der Seiten, die Weidermann einem Autor zugesteht, lässt nicht auf die literarische Wertung schließen. Schließlich kann man sich über Heinrich Mann, Anna Seghers, Kurt Pinthus, Lion Feuchtwanger oder Joseph Roth (und noch etliche weitere) auch andernorts gründlich informieren. Wo hingegen findet man allein schon die Namen Gustav Regler, Gina Kaus, Günther Birkenfeld, Karl Schröder, Bernhard Kellermann und noch einige weitere? Gerade ihre Biographien und Werke überhaupt ausfindig zu machen, dürfte bibliographische und detektivische Schwerstarbeit gewesen sein, die man hoch genug nicht einschätzen kann. Dass einige Autoren auch unter zivilisierten Bedingungen heute vergessen wären, steht hier nicht zur Debatte; schließlich wurde ihnen eben die Debatte damals verwehrt, und auch der schlechteste Autor hat das Recht, zur Kenntnis genommen und gegebenenfalls von der Kritik verrissen zu werden -- wohlgemerkt: von der Kritik. Nicht von tollwütigen selbsternannten Großinquisitoren.
Außerdem findet man unter den restlos Vergessenen zahlreiche Autoren, deren Vorstellung sich höchst appetitanregend liest: Alexander Moritz Frey z.B., dem es zum Verhängnis wurde, dass er zusammen mit Hitler im Schützengraben lag. Das war aber auch die einzige Gemeinsamkeit; seinen Anti-Kriegsroman "Die Pflasterkästen" schätzten viele Zeitgenossen sogar mehr als Remarques "Im Westen nichts Neues". Oder Heinrich Eduard Jacob, der viel früher als C.W: Ceram oder Henry Hobhouse erzählende Sachbücher schrieb; oder den Chronisten der jüdischen Kultur Georg Hermann, oder den feinen Beobachter Rudolf Braune; und noch einige mehr.
Ebensowenig wie über die literarischen Qualitäten der einzelnen Autoren sagt die ihnen gewidmete Seitenzahl etwas über ihren Charakter aus: Auf des Bibliothekars unfreiwilliger Ehrenliste befinden sich nicht nur zahlreiche berühmte und unberühmte Persönlichkeiten mit Charakter, vom standhaften Güglinger Forstmeister Otto Linck bis zu Oskar Maria Grafs berühmtem "Verbrennt mich!" in der "Wiener Arbeiter-Zeitung", oder gar zu Armin T. Wegeners geharnischtem Brief an Hitler 1933 (wenigstens einmal musste der so deutliche Worte lesen). Weidermann liefert auch Aufschlussreiches über Autoren, die eher versehentlich auf Herrmanns Liste geraten sein mussten und/oder bemerkenswertes Talent für radikalen Gesinnungswechsel bewiesen.
So sehr sich die Autoren und ihre Werke unterscheiden, von fahnenschwingender Arbeiterliteratur hinauf zur Weltliteratur aller Genres und Themen und wieder herunter zur Freiluft-Innerlichkeit, so unterhaltsam lesen sich alle (alle!) Kapitel im "Buch der verbrannten Bücher" -- wiewohl "unterhaltsam" in diesem Zusammenhang etwas fehl am Platze scheint. "scheint", denn gute Sachliteratur muss nicht mit steifem Kragen daherkommen; Weidermann beweist es. Bei allem Engagement geht er nicht blauäugig ans Werk: Den Werdegang charakterflüssiger Opportunisten schönt er nicht, und eher mäßig begabte Autoren lobt er nicht über den Schellenkönig. Schließlich geht es vor allem bei den Letztgenannten nicht um ihre Fähigkeiten, sondern darum, dass man ihnen und ihrem Werk zu Lebzeiten eine wie auch immer geartete Resonanz verwehrt hat, wenn nicht Schlimmeres. Dass Weidermann das nun nachholt, dabei durchaus auch mal zur spitzen Feder greift, ist nicht nur recht und billig, sondern auch allemal anregender zu lesen als inhaltsschwangere Vorträge in akademisch einschläferndem Tonfall.
Weidermann geizt nicht mit charakteristischen oder auch skurrilen Randbemerkungen und Anekdoten, mal emphatisch, mal hinterhältig, und er dosiert sie genau richtig. Nicht alles liest sich so unschuldig komisch wie die Anekdote über Hans Sochaczewer mit seinen quasi-adoptierten sephardischen Wurzeln: Emil Ludwig bot Stalin ebenso couragiert die Stirn wie den Nazis und machte sich mit seinem Buch über den verzweifelten Mörder des NSDAP-Granden Wilhelm Gustloff (genau: der, nach dem jenes Schiff benannt werden sollte) auch im Exil unbeliebt. Dass wiederum Hitler einmal ausgerechnet Lion Feuchtwanger beflissen in den Mantel half, liest sich wie ein Treppenwitz der Geschichte; dass Thomas Mann seinen Schriftsteller-Kollegen Arthur Holitscher im "verwesten Säugling" Detlev Spinell für jedermann erkennbar porträtierte, spricht bei allem unbestrittenen Genie nicht für Manns Charakter. Der Autor der "Roten Zora" Kurt Held hieß in Wirklichkeit Kurt Kläber und war mit Lisa Tetzner verheiratet; und nicht nur B. Travens wahre Identität lag lange im Dunkeln -- über den Schlump weiß man nicht einmal den Namen, geschweige denn etwas über sein Leben. Schade, denn was Weidermann über Schlumps Buch "Schlump" schreibt, klingt enorm verheißungsvoll.
Weidermanns Wissensschatzkiste ist, wie man sieht, prall gefüllt, und er stellt die Preziosen haargenau an den richtigen Platz.
Das glückliche Zusammentreffen von viel Engagement, Sachkenntnis und Stilsicherheit hat zur Folge, dass das "Buch der verbrannten Bücher" auch Leser fesseln dürfte, die zunächst wenig oder nichts mit dem Thema am Hut haben. Alle schon vorher Interessierte dürfte dieser Glücksfall erst recht begeistern.