Sicher, Arno Holz ist kein Goethe oder Rilke, seine Reime sind vergleichsweise ungehobelt und nicht gerade das, was man unter typisch lyrisch versteht, aber das hat er auch selber erkannt und macht sich darüber lustig. Aber der Mann hat untypischerweise für einen Lyriker sowohl Witz und Verstand, und seine Verse sind durch eine in der deutschen Lyrikgeschichte eher unerwartete Frechheit gekennzeichnet.
Eines seiner Hauptmotive sind Spottgedichte über seine dichtenden Zeitgenossen und seine Kritiker. Sein Opus Magnum dürfte ein ellenlanges Werk dieser Art über diejenigen Zeitgenossen sein, die ihren "aufgewärmten Sauerkohl' an die Verlage und Kritiker zu bringen wissen. Das könnte man heute auch noch unterstreichen.
Holz nimmt kein Blatt vor den Mund: Wagners Nibelungenringdichtung kennzeichnet er als "stellenweise hirnverbrannt", er verspottet Platen wie Voss im gleichen Atemzug wie er Heine und Keller über den grünen Klee lobt. Er preist Tolstoi, Zola ("Shakespeare des Romans" und Ibsen, was ihn allein schon sympathisch macht.
Der Dichter ist darüber hinaus sozialpolitisch engagiert. er kontrastiert wirkungsvoll das effektvolle Leiden unter der "Migräne" im Herrenhause mit dem der Kinder, deren Mutter in der ärmlichen Mietwohnung verstorben ist, weil der Armendoktor zu spät kam, oder er beschreibt den Tag und Nacht schuftenden Schuster im Nachbarhaus, dessen Kinder dennoch vor Hunger weinen.
Die Sammlung heißt nicht umsonst "Lieder eines Modernen", diese Lieder klingen tatsächlich wie für die Moderne geschrieben, wie Engelke ist Holz ein Dichter des Industriezeitalters, seine Gedichte sind undenkbar ohne das Lebensgefühl des späten 19. Jahrhunderts und den sozialen Folgen der Industrialisierung. Holz ist der Dichter, der am vehementesten das Jahrhundert der Wissenschaft und Revolution ausruft.
Frei von antiquierten Formen in Stil und Lyrik ist Holz freilich noch nicht, was insbesondere im Mittelteil deutlich wird. Seine seitenlangen Kaiser-Rotbart-Exkurse vermitteln ein eindringliches Bild davon.
Im berühmten "Ecce homo" hat er schließlich tatsächlich den Rhythmus der neuen Zeit meisterhaft verkörpert und dem Proletarier, der sich aus eigener Kraft aus dem Elend zum Bildungsbürger hocharbeitet und die Massen bewegt, ein unvergleichliches Denkmal gesetzt.
Sicher, diese Sammlung ist ziemlich lang und enthält zwangsläufig einige Redundanzen und überflüssige Beiträge. So referiert Holz auch gefühlte zig Seiten über den Stand der Dichtung Ende des 19. Jahrhunderts, die Klassik mit der Moderne konfrontierend und diskutierend.
Aber sie lohnt sich wie kaum eine zweite des 19. Jahrhunderts wegen ihrer Meisterwerke, die ein Abbild ihrer Zeit geben, wie es kaum ein zweiter Dichter zu geben in der Lage war. Ich würde Holz hier sogar noch über Jacobi stellen.
Ein letzter Aspekt ist der religiöse: diese Dichtung hat für die Zeit eine verblüffende atheistische Tendenz. Holzens Spott macht auch vor dem "lieben Gott" nicht Halt.