"Wenn nun der Schlaf unsere Glieder in süßen Schlummer gebunden hat und der ganze Körper in völliger Ruhe liegt, scheint uns doch, als wachten und bewegten wir die Glieder, und im blinden Dunkel der Nacht glauben wir, die Sonne und das Tageslicht zu sehen, und liegen wir auch zwischen den Wänden eines Zimmers, scheinen wir doch zu neuem Himmel, neuem Meer, neuen Strömen und Bergen zu gelangen und Ebenen zu durchwandern und Töne zu hören, während uns die strenge Stille der Nacht umgibt, und zu antworten, wenn wir doch nicht reden."
Titus Lucretius Carus
Jeder macht unterschiedliche Erfahrungen mit Träumen - so geht es den Menschen seit hunderten von Jahren und man kann an der Geschichte Traumdeutung/-rezeption sogar die Entwicklung der Restgeschichte beinahe mit ablesen. Am Anfang war der Traum wie der Wind, die Geburt, das Wachsen der Pflanzen ein Wunder, ein Geschenk oder eine Gabe der Götter, Fluch oder Gnade; dann wurde der Traum in den Dienst instrumentalisierter Religionen gestellt und erlangte prophetische Kraft, wurde zur göttlichen Eingebung; mit dem Aufkommen der Rationalisierung und der Psychologie wurde er erst zum Abladeplatz der Seele, dann zur Konstruktion und zum Spielplatz unseres Unterbewusstseins; gleichsam wurde das Wort Traum aber auch erweitert und verkörperte plötzlich auch den tiefsten Ausdruck unserer liebsten Wünsche.
Doch durch all dies, hat er seine persönliche Magie nie verloren und jeder der träumt oder gerade geträumt hat, wird mit keiner der historischen Deutungen wirklich in Kohärenz stehen, "denn alle Sinne ruhen in tiefem Schlaf, die Wahrheiten können die Irrtümer nicht widerlegen." Träume sind immer noch eine der persönlichsten Erfahrungen, die wir machen können, erleben wir sie doch scheinbar nicht in der Welt, die wir mit anderen teilen.
"Dass alle Menschen, solange sie wachen, in einer gemeinsamen Welt leben; dass aber jeder von ihnen, wenn er schläft, in einer ihm eigenen Welt zu leben glaubt; wach verkehrt er mit der natürlichen, schlafend mit seiner eigenen Welt."
Dieses Buch ist eine Anthologie der verschiedensten Betrachtungen, Überlieferungen, Geschichten und Anmerkungen zu Träumen. Vom Gilgamesch-Epos, dem wohl ältesten Buch der westlichen Hemisphäre, über die Bibel bis zum Herausgeber Borges selbst, finden sich hier kurze Essays, Gedichte, Legenden, Anekdoten und anderes über das Thema Traum - als Prophezeiung, Mythos und persönliche Erfahrung.
Es ist ein Buch zum darin Blättern, taugt aber auch zur durchgehenden Lektüre. Da die zeitlich-historische Bandbreite sehr groß ist, ist dementsprechend die Lektüre manchmal einfach, manchmal komplex, manchmal anstrengend. Doch tatsächlich finden sich trotzdem kaum überflüssige Texte; praktisch jeder ist eine neue Sicht auf das Phänomen und jede Geschichte ist so etwas wie eine klassische Anekdote, die lesens- und wissenswert ist.
Ich empfehle diese Anthologie ' uneingeschränkt.
"Der schattige Nil
die dunklen Schönen
flüssig gekleidet
verspotten den Zug
vorbei."
Giuseppe Ungaretti