Gemäß einer alten Vorstellung ist die Quintessenz das fünfte Element, das alles im Kosmos zusammenhält. Das Buch der Sehnsüchte ist die Quintessenz von Leonard Cohens Schaffen aus fünfundvierzig Jahren Künstlersein. Hier singt, sagt und zeichnet er wie es ist... Oder zumindest: wie es sich aus seiner Sicht zwischen den Polen von Liebe und Selbsterkenntnis ordnet.
Dazu braucht er nicht lange Reden oder viele Bleistiftstriche. Leonard bringt das große weite Universum des Menschseins in Wort und Zeichnung in wenigen essenziellen Entwürfen zu Papier. Wahrscheinlich weiß er sich nicht anders zu helfen als zu singen und zu sagen, wie er die Dinge wahrnimmt, die durch sein Bewusstsein irren und flirren. Das macht ihn zum Dichter: Dinge einfach sagen, einfach aussprechen zu müssen, ohne sie und sich in der unmittelbaren Verfertigung der Rede zu verstellen.
Und Leonard sieht die Dinge klarer als viele andere, manchmal scheint es: schwärzer. Aber das liegt nur daran, dass er Sachen nicht schön redet, die einfach unschön sind. Die Tatsache zum Beispiel, dass wir in einer Zeit der Lüge leben, des Zwanges und der Zwanghaftigkeit. Woran erkennt er das? Weil er seine Selbstlügen belächelnd durchschaut und den Leser am Spaß des Durchschauens in Wort und Bild teilhaben lässt. Wobei die vielen über das Buch verstreuten Selbstportraits alle Vorstellung die Leonard Cohen über Leonard Cohen haben könnte in schöner Doppeldeutigkeit karikieren.
So hält er uns den Spiegel vor. Ja, tatsächlich, man muss uns heutige Menschen lieben: Wie wir uns abquälen, mit unserem neuen Medien gerechten Gesicht, dem kommenden Gesicht ohne objektive Erfahrung, der Selbstdarstellung ohne Eigenwesen, nur um der Darstellung willen. Diese Menschen wie du und ich, sie müssen so unendlich viel einstecken von allen Seiten. Aber das Leben selbst auskosten, selbst wahrhaft schmecken, das können sie kaum. Es geht uns ab, weshalb wir uns, des Bildes wegen, das wir abgeben wollen, immer so mächtig anstrengen und deswegen die Zähne fest aufeinander beißen. Leonard sagt, dass er die junge Dame mit dem Kruzifix auf der Brust trösten möchte, die er so rennen sieht. Aber, wer ist diese junge Dame? Wer joggt so herzerbarmend verbohrt durch sein Dasein?
Dabei zeigt Leonard uns manchmal leise, wie es anders sein könnte, wo die Himmel über Paris so unendlich blau sind wie die Beine der Geliebten lang und die eigene Seele stark...
Leonard beschwört in knappen Zeilen, ist unser Musterbild ' und nicht einmal übermäßig traurig, auch ohne Selbstmitleid. Ein Dichter und Liedermacher, der sich nicht ernst nimmt, der seine Gitarre so schmerzlich schön findet, dass er sie gern würde wirklich spielen können.
Das Buch der Sehnsüchte: ein reiches Buch, das reich mit dem Wissen der Erfahrung macht. Man liest hier, man liest da ' und findet immer wieder sich, wie das, was gerade anliegt. Um ein großes und abgegriffenes Wort zu benutzen, beim Buch der Sehnsüchte handelt sich um ein Gesamtkunstwerk, das nicht sich selbst oder seinen Macher anpreist sondern stattdessen der Fähigkeit des Lesers huldigt, sein eigenes Leben zu leben ' nicht das der anderen.
Am Ende steckt in Leonard doch sehr viel von dem Zen-Meister, der er gar nicht sein will... Er zeigt es uns, indem er es verbirgt.