Dalai Lama. Endlich habe ich mich an eines der Bücher dieses für mich sehr faszinierenden Menschen getraut. Mit meiner leichten Prädisposition zum buddhistischen Glauben und ausgestattet mit der Wissbegierigkeit, mehr darüber zu erfahren, startete ich mit dem ‚Buch der Menschlichkeit'. Umso verwirrter war ich, dass ich mich bereits nach wenigen Seiten von Konzepten wie Religion verabschieden sollte, denn „religiöser Glaube ist kein Garant für moralische Integrität". Folglich war dies nicht das Buch was ich erwartete, aber es sollte ein Buch sein, das mich zu erwarten schien....
Hier werden einfache Gedanken in einfache Worte gefasst und genau das ist die hohe Kunst: Die Reduktion auf den einfachen Kern einer Sache und die Auseinandersetzung damit in eine verständliche Sprache zu bringen. Zugegeben, habe ich mit dem Kapitel über die ‚bedingte Entstehung' definitiv noch Verständnisprobleme, aber ansonsten bin ich begeistert und ich kann diese Lektüre nur jedermann ans Herz legen.
Meine eigenen Gedanken über unser Leben in dieser neuen total vernetzten und leistungsorientierten Konsumgesellschaft fanden sehr schnell einen Spiegel in diesem Buch. Entwaffnend einfach zeigte er mir, wie wenig das Streben nach immer mehr materiellem Besitz mit Glück zu tun hat und wie sehr es sogar das Glück verhindert. Wie sehr wir mit dem bereits erreichten Besitz auch die Angst mitgeliefert bekommen haben, ihn wieder zu verlieren. Ganz klar sind die Ursachen für Ängste, Stress und Depressionen, wird man sich erst der Funktionsweise des Sinnesrausches bewusst. Doch von überall her wird uns ein anderes Bild vermittelt, nämlich das des Glücks durch Konsum.
Ich möchte den vielen schönen Momenten, die das Lesen des Buches einem bereitet nicht vorweg greifen, aber der Dalai Lama hat mich wirklich inspiriert.
Seine Ideen bezüglich des bewussten Verzichtens. Seine Orientierung an den Kindern, die in ihrer Reinheit und Ursprünglichkeit hervorragende Vorbilder abgeben. Oder die detaillierte Ausarbeitung seiner Kernaussage, dass wir alle nur Glück erlangen und Leid von uns fernhalten wollen. Warum gerade das für soviel Leid verantwortlich ist und wie es mittels der uns angeborenen Fähigkeit des Mitfühlens zum genauen Gegenteil führen kann. Wie mit einigen wenigen Hypothesen und leicht nachvollziehbaren Schlussfolgerungen Ideen vom Weltfrieden angegangen werden können, das hat mich oft mit offenem Mund dasitzen lassen.
Aber er räumt auch eigene Schwächen bei der Umsetzung des Prinzips ein und gibt auch klar zu, dass Massen-Vernichtungslager oder nicht zu bändigende Gewaltbereitschaft und die dahinter stehende emotionale Distanz in seinem ethischen Denkansatz keine abschließende Erklärung finden.
Für den geneigten Leser, der gerne mehr Glück und mehr Liebe erfahren möchte hat dieses Buch noch viele wunderbare Lesemomente auf Lager und meist sind es Zitate, die der Dalai Lama anführt, die einen weiteren Schalter in mir umgelegt haben. Während des Buches erwähnt er auch, dass er all diese Gedanken nicht ‚erfunden' habe und dass er sie unter anderem auch stellvertretend für all die Menschen niederschreibt, die es nicht in Worte fassen können oder nicht den erforderlichen Bekanntheitsgrad haben, ein solches Buch einer breiten Masse zugänglich zu machen, die aber durchaus all das von ihm Geschriebene unabhängig von seinen Veröffentlichungen emotional begriffen und auch gelebt haben und jeden Tag leben.
Glauben Sie nicht, die Thesen und Tipps seien der Realität entrückt...für mich ‚sind' sie die Realität und auf jeden Fall möchte ich eine Veränderung. Dazu werde ich das Buch und weitere Bücher von ihm mehr als einmal lesen müssen, denn ich wurde über 30 Jahre lang zu einem anderen Denkmuster geführt. Über 30 Jahre nagten immer wieder andere Wertvorstellungen an meiner Natur. Jahre in denen mir Geiz als etwas geiles angepriesen wurde und meine Ängste, mein Neid und meine Gier geschürt wurden. Das Gehirn ist gewaschen und ich muss nun fast alles wieder neu lernen, aber ich bin froh, erkennen zu dürfen und handeln zu können.