Wer Heine mag und genügend Platz im Regal hat, findet hier ein sehr gutes Angebot.
Das Buch der Lieder ist Heines berühmteste Gedichtsammlung, sie erschien erstmals 1827 und erlebte noch zu seinen Lebzeiten 13 Auflagen, die er teilweise selber redigierte und veränderte.
Die vorliegende Ausgabe enthält anscheinend die zweite Auflage (erschienen 1837) und ist mit einer Vielzahl von kolorierten Stichen aus dem 19. Jahrhundert illustriert, die speziell für das Buch der Lieder angefertigt wurden (also nicht einfach irgendwo entlehnt und nur notdürftig angepasst).
Der Klappentext weist darauf hin, dass die 20 berühmtesten Gedichte des Buches insgesamt 2300 mal vertont worden sind, was wohl genug über ihre (zumindest ehemalige) Popularität aussagt. Mehrere davon habe ich in einer Ausgabe der 100 Lieblingsgedichte der Deutschen (aus dem Jahr 2001) wiedergefunden, eines von diesen ist so kurz, dass ich es als Kostprobe hier zitieren will:
Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.
Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.
(Lyrisches Intermezzo, Nr. 1)
In dieser Großdruckausgabe füllt das kurze Gedicht, zusammen mit einer Illustration, eine ganze Seite, das heißt, es geht nicht zwischen anderen Gedichten unter wie in den üblichen platzsparenden Drucken. Man hat so die Gelegenheit, die Gedichte zu würdigen. Dafür kann man aber das Buch, das an Größe und Gewicht einen Weltatlas erreicht, nicht einfach in die Tasche stecken und im Eisenbahnabteil darin schmökern.
Beim Lesen der Gedichte fiel mir auf, dass Heine fast monomanisch die Liebe in den Mittelpunkt rückt, und dazu meist die unerfüllte oder die letzlich unerfüllbare, so dass sie in der Mehrzahl eigentlich den Liebesschmerz oder das unerfüllte Verlangen und die unerfüllbare Sehnsucht thematisieren. Dazu kommt eine Gräber-, Todes- und Gespensterromantik, einmal z. B. die Vorstellung, nach ihrem Tod bei der Geliebten im Grab liegen zu dürfen. Am jüngsten Tag will er dann mit ihr ewig vereint liegen bleiben, wenn die übrigen Toten fröhliche Auferstehung feiern. Es spritzt viel Herzblut, aber nicht selten äußert sich der Dichter auch ironisch über das Treiben der Welt und die eigene Verfassung.
Muss man noch erwähnen, dass es ein Buch ganz und gar aus der männlichen Perspektive ist? FeministInnen müssen die Haare zu Berge stehen, wenn sie in vielen Variationen lesen dürfen, wie die Männer unter der Arglist und Kälte der jungen schönen Frauen und Mädchen zu leiden haben. Die Frau als Verführungs- und Vernichtungsmonster, als lockende Hexe und tödliches Schicksal, wird z. B. deutlich im berühmten Gedicht über die Lorelei, das auch in dieser Sammlung steht.