„Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite/ mich verlierend, mir selbst aus der Hand...". Man sieht sie förmlich vor sich, die Menschen und Situationen, die Rainer Maria Rilke oft mit nur wenigen Zeilen hinaufbeschwört. Doch es ist mehr als nur ein Sehen. Die Liebende, Der Sohn, der Lesende - man sieht sie, man fühlt sich wie sie, man wird für kurze Augenblicke zu dieser Person. Fast werden sie einem zu Freunden, die deren kleine Eigenheiten man kennt und nicht mehr missen möchte. Im nächste Gedicht entführt Rilke einen in den Herbst, oder Sturm, man befindet sich auf einmal in einer anderen Landschaft, doch kommt einem alles so bekannt, so selbsterlebt, so wahr, vor. Diese treffenden Bilder, die oft mehr sagen als Photos oder lange Aufsätze, sind es, die meiner Meinung nach die Genialität Rilkes ausmachen. In manchen Gedichten drückt er genau das aus, was ich fühle, was ich sagen würde, fände ich nur die richtigen Worte dafür. Und das alles kommt mit einer ungeheuren Leichtigkeit, ja Eleganz, daher. Das „Buch der Bilder" ist in zwei Bücher unterteilt, die jeweils aus zwei Teilen bestehen. Die Gedichte des ersten Buches sind ausnahmslos kurz und leicht zugänglich. Dagegen sind die Gedichte des zweiten Buches zum Teil etwas schwerer zu verstehen, doch auch die Beschäftigung mit ihnen lohnt sich. Denn auch sie zeigen uns wunderbare kraftvolle Bilder, bis wir uns so fühlen wie Der Lesende: „Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe, wird nichts befremdlich sein und alles groß. Dort draußen ist, was ich hier drinnen lebe, und hier und dort ist alles grenzenlos"