Erst seit Ende der Neunziger ist Nick Drake einer breiteren Hörerschaft ein Begriff. Posthume Berühmtheit erlangte er 1999 in Deutschland durch den Fernsehspot von Volkswagen, zu dem Drakes "Pink Moon" lief. Seitdem ist Nick Drake als zu Lebzeiten verkannter Folkpoet verklärt und wird als Vorläufer zeitgenössischer Folkbands wie Belle & Sebastian gefeiert.
Alle drei Alben, die der 1974 im Alter von nur 26 Jahren tragisch verstorbene Drake veröffentlicht hat, sind Meisterwerke. BRYTER LAYTER, das mittlere Studiowerk, 1970 erschienen, gilt als das leichteste der melancholischen Drake-Trilogie. Von Joe Boyd produziert, bastelten neben Drake rund ein Dutzend Studiomusiker am Sound mit, darunter Richard Thompson von der befreundeten Folkgruppe Fairport Convention. Auf zwei Tracks ist Multiinstrumentalist John Cale zu hören. BRYTER LAYTER ist großzügig produziert: Elegische Streicherklänge verschönern Drakes einleitendes Instrumental, daneben ergänzen eine Rhythmusgruppe, Piano, Orgel, Trompete, Saxophon, Flöte und einiges mehr Drakes filigranes Spiel auf der Akustikgitarre. Auf "Poor Boy" sind sogar weibliche Backgroundsängerinnen zu hören.
Was schätzt man an Nick Drake, diesem seltsamen Einzelgänger? Der in Burma geborene Sohn eines Kolonialbeamten war ein mittelmäßiger Sänger und gab zu Lebzeiten fast keine Konzerte, weshalb seine LPs allesamt floppten. Diese Schwächen machte Drake aber wett durch hochsensible Musikalität und Erfindergeist. Wer sich als Amateurgitarrist je an Drake-Songs versucht hat, weiß, wie ungeheuer komplex seine Kompositionen sind. Wie Joni Mitchell - musikalisches Vorbild in seiner Jugend - schrieb Drake in ausgefallenen Open Tunings; mehr noch als seine kanadische Kollegin bestach er mit filigranen Arpeggi und enorm komplexem Fingerpicking. Mit Fug und Recht darf man Nick Drake einen der größten Gitarristen der Rockgeschichte nennen. Und Drakes raffiniertes Songwriting sowie seine jazzbeeinflusste Vokalphrasierung haben gar Musikwissenschaftler auf den Plan gerufen.
Angesichts der durchwegs hohen Qualität bleibt es in BRYTER LAYTER wohl dem Hörer selbst überlassen, seine persönlichen Highlights zu bestimmen. Meine Favoriten sind "At The Chime Of A City Clock" (sublimes Streicherarrangement), "Poor Boy" (geniale Folk/Jazz-Kreuzung) und die beiden Instrumentals "Bryter Layter" und "Sunday".