Der Zipfel der Wahrheit
Ulrich Peltzers neue Erzählung «Bryant Park»
In den letzten Zeilen des Buches begegnet der Erzähler sich selbst. Er ist auf dem Weg nach Hause von der Avenue A auf Manhattans East Side in die Neunte Strasse abgebogen und findet sich plötzlich vor einem Schaufenster, aus dem mehrere Reihen beleuchteter Reklamebuchstaben ein mattes Licht ins Freie werfen. «Tritt man einen Schritt vor», heisst es im Text, «sieht man in der Scheibe den eigenen Umriss, eine grünlich bestrahlte Figur, die eine dünne Nylonjacke trägt, eine Mappe unter den Arm geklemmt, hat sie wahrscheinlich Papiere drin. Was denn sonst? Irgendwelche Blätter, Kopien, Geschichten. Ein erster Satz aus dem Nichts.» Diese «Figur» hat es über einen Grossteil des Buches erfolgreich vermieden, dem Leser und der Welt als eine Person, die «ich» sagt, entgegenzutreten. Man sieht nur einen «Umriss». Auch als der Erzähler sich am Ende selbst gegenübersteht, spricht er von sich noch in der allgemeinsten Form. Die deutsche Sprache kennt dafür das Wort «man». Ein beobachtendes Erzählen, das die Gegenstände bei sich lässt, nicht eingreift und sie in einem minuziösen Prozess in das Medium der Beschreibung überführt, kann auf ein Ich getrost verzichten. Jeder Beobachter macht die Erfahrung, dass die Dinge auch ausserhalb seiner selbst existieren. Die Metropole ist der Paradefall dieser Erkenntnis. Erst in der Anonymität der grossen Stadt findet das Ich die Freiheit, sich selbst zur Disposition zu stellen. Peltzers Erzähler macht es vor. Er ist nach New York gekommen, um in der Public Library alte Familienregister auf Grund von Hinweisen, die er in einem Brief seines Ururgrossvaters gefunden hat, zu durchforsten. Wir erfahren über die Hintergründe dieser Recherche nicht viel. Auch die Liebesgeschichte, die den Protagonisten mit einer Schauspielerin verbindet, ist kein zentrales Motiv. Eine innengeleitete Entwicklungsgeschichte interessiert den Erzähler nicht. Er will uns zeigen, was er sieht. Sein Spielfeld ist die grosse Stadt: Strassenszenen, das Interieur eines Schnellrestaurants, die lastende Schwüle in den Hochhausschluchten und immer wieder Bildschirme. In der Wahrnehmung des Erzählers wird die Stadt zu einem komplexen Zeichenraum. Es ist weniger eine Erzählhandlung, die das jüngste Buch Ulrich Peltzers auszeichnet, als vielmehr eine Erzählhaltung. Während der Protagonist in der Public Library die Fragmente des Familienromans zu rekonstruieren versucht, werden neben der Bibliothek im titelstiftenden Bryant Park die Vorbereitungen zu einem Open-Air-Kinoabend getroffen. Peltzer beschreibt diesen Park, der in dem umtriebigen Geschäftsviertel zwischen Fifth und Sixth Avenue eine kleine Oase des Rückzugs darstellt, wie eine Art Weltinnenraum, der umgeben ist von den gewaltigen Steinfassaden Midtown-Manhattans. Hier treffen sich pflastermüde Touristen, lunchende Büroangestellte, Mütter mit Kinderwagen und flanierende Leser aus der angrenzenden Bibliothek. «Von einem seltsamen Theater, dem das Dach fehlt», sagt der Erzähler, «hat der Park etwas an sich.» So wird der Himmel über New York zum Assoziationshorizont für zwei parallel geführte Erzählstränge, die der Text über dem offenen Dach von Bryant Park zusammenführt. Die eine Spur der Erinnerung führt nach Neapel, wo der Protagonist sich in einen seltsamen Handel mit Drogen, Geld und Freundschaft verstrickt, die andere Assoziationslinie führt an das Sterbelager seines todkranken Vaters, der noch in seiner letzten Stunde den Sohn damit zu beschwichtigen versucht, bei seiner Krankheit handle es sich um nichts Ernsthaftes. Erst in diesen beiden Rückblenden, die in das Beobachtungsfeld der Stadt hineinverwoben sind, führt der Autor das erzählende Ich ein. Im Kontext einer Biographie, des Mediums der Erinnerung, wird der Raum für ein Ich frei, das die Ereignisse mit seiner Person beglaubigt. Immer wieder greifen die verschiedenen Erzählstränge ineinander, verzahnen sich, laufen parallel oder werden gegeneinander geschnitten. So wird die Wahrnehmung der Gegenwart mit Assoziationssplittern und Erinnerungspartikeln aus der Vergangenheit verdichtet und zu einer artifiziellen Textur geformt. Bis in die Interpunktion hinein hat Peltzer den Bauplan seines Textes durchstrukturiert. Der Vermeidung des Punktes (als Satzzeichen) entspricht eine Inflation des Kommas. Der Textfluss darf nur unter-, aber nicht abgebrochen werden, damit die Fäden aus Beobachtung und Erinnerung miteinander verwoben werden können. Einmal allerdings kommt die Textmaschine zum Stillstand. Da setzt der Autor im Satzspiegel keinen Punkt, aber er bricht mitten im Satz ab, um mit einem neuen Kapitel anzuschliessen. In den Fluss der Erzählung sind die Ereignisse des 11. September in Amerika geplatzt und haben auch den Text gesprengt. Der Erzähler ist mittlerweile wieder in Berlin und wird nun mit der realen Person des Autors identisch. Er hat alle literarischen Ambitionen seines Textes aufgegeben, spricht in der ersten Person Singular und wird zum Zeitzeugen und Betroffenen. Das Textgewebe ist gerissen. Das mag konsequent sein und der Situation angemessen erscheinen, der Erzählung schadet es. Nur mühsam findet der Autor nach diesem Bruch in seinen Duktus zurück, kann die verschiedenen Stränge noch einmal aufgreifen und zu Ende führen, doch der ästhetische Gewinn dieser Zäsur bleibt fraglich. Stärker aber bleiben die Bilder, die Peltzer im Projektionsraum der grossen Stadt und im Radius der Erinnerung evoziert. In langen Kamera-Einstellungen tastet er Gegenstände und Erfahrungen ab, leuchtet Beobachtungs- und Erlebnisräume aus und zeigt uns Ansichten einer Wirklichkeit, die erst im verlangsamten Gestus ihrer Beschreibung zu leben beginnen. Gegen Ende des Textes hören wir den Erzähler sagen: «Fände man nur die richtigen Worte, gelänge es nur, alles in Schrift zu verwandeln bis zurück an den Anfang. Besässe man vielleicht einen Zipfel der Wahrheit.» Über dem Himmel von Bryant Park hat er ihn gefunden. Punkt.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.