Für die einen gilt er immer noch als "Märtyrer der Geistesfreiheit", für die anderen war er der "König der Ketzer" schlechthin. Die Rede ist von Giordano Bruno, der am 17. Februar 1600 nach Urteil der Inquisition auf dem römischen Campo de' Fiori am Scheiterhaufen verbrannt worden war.
Das Buch weist trotz der hochinteressanten Materie einen Fehler auf: Jochen Kirchoff hat die Monografie über den großen Renaissance-Denker allzu sehr mit eigenem Gedankengut überlagert. Daher ist Brunos abenteuerliches Leben nur kurz abgehandelt. Kirchhoff, der eine sehr negative Haltung zur analytisch-empirischen Naturwissenschaft einnimmt (er macht sie für Hiroshima ebenso verantwortlich wie für die ungeheuerlichen Verbrechen gegen Tiere), sieht in Giordano Bruno eine Art Leitfigur zur Überwindung der neuzeitlichen "technokratischen" Mathematik/Physik durch ein "auf den Kosmos bezogenes Ganzheitsdenken".
Dabei setzt Kirchhoff bei Brunos Überzeugung an, dass das Universum kein Mechanismus, sondern ein Organismus wäre. Dies zu beweisen ist natürlich nicht einfach, weshalb es dem "Intellekt" a priori abgesprochen wird, jemals in der Lage zu sein, wesentliche Aussagen über die Welt zu machen, sofern er nicht in einem "metaphysischen Ganzheitsdenken kosmischer Art" eingebunden ist. Hier kommt klar zum Ausdruck, dass Kirchhoff Bruno nicht als Naturwissenschafter einreiht, sondern als Holisten, Metaphysiker oder Esoteriker.
Giordano Bruno stand tatsächlich in der Tradition der Pythagoräer oder Hermetiker, was sich in seiner Begeisterung für die Kabbalah und Zahlen niederschlug. In der Zahl sah er das Symbol der Monaden, jener kosmischen Ur-Bausteine, aus denen heraus alles geschaffen ist. Das Universum ist für ihn ohne Anfang und Ende, es ist ein ewiger Kreislauf, eine permanente Schöpfung aus sich selbst. Die Vorstellung eines anthropomorphen Gottes war für Bruno absurd. Die Natur selbst ist führ ihn vom Göttlichen durchwirkt, wenngleich sie nur das Spiegelbild, nicht die Substanz selbst sei. Giordano Bruno war mit seinem Pantheismus und seiner Monadenlehre Wegbereiter für große Philosophen wie Spinoza oder Leibniz und beeinflusste auch Goethes Denken. Im krassen Gegensatz dazu steht Descartes mechanistisches Weltbild. Von seinem Zeitgenossen Galileo Galilei (1564-1642), der mit der katholischen Kirche ebenso wie er übers Kreuz stand, unterschied sich Bruno hauptsächlich durch seinen Mathematik-feindlichen Zugang.
Giordano Bruno (geb. 1548) war Zeit seines Lebens ein wortgewaltiger Provocateur und Querdenker. Schon bald verwarf er die engen Glaubenssätze des Dominikaner-Ordens und floh durch ganz Italien nach Genf, wo er von den Calvinisten interniert wurde. Weitere Stationen waren Toulouse, Paris, London, Prag, Helmstedt, Frankfurt und Venedig. In der Dogenstadt wurde er am 23. Mai 1592 schließlich arretiert und später in die römische Engelsburg überstellt. Dort war er acht Jahre Haft und Folter ausgesetzt.
Giordano Bruno sprach die Sprache der Großen, weshalb er mit Heinrich III. von Frankreich ebenso gut klarkam wie mit Elizabeth I. von England und Rudolf II. von Habsburg. Bruno besaß außergewöhnliche mnemonische Fähigkeiten, weshalb viele ihn für einen Magier hielten, und er verfügte über großen Mut, am damals herrschenden Weltbild zu rütteln. Für ihn war die Erde nicht das Zentrum des Universums, sondern er hielt den Kosmos mit abertausenden bewohnten Welten ausgestattet. Ob Brunos Naturphilosophie ihrer Zeit nun hinten nach oder weit voraus war, darf jeder bei der Lektüre des Buches selbst für sich beantworten.