Im Frühjahr 2010 lasen wir fast täglich, dass in katholischen Internaten, in evangelischen Kinderheimen und in der Odenwaldschule Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht wurden, und in den meisten Fällen auch körperlich misshandelt. Wie konnte so etwas über so einen langen Zeitraum so häufig passieren?
Dieser Frage sind die beiden Autoren, Bastian Obermayer und Rainer Stadler, am Beispiel des Klosters Ettal nachgegangen. Dort sind zwischen 1950 und 1990 weit mehr als hundert Schüler von ihren Erziehern misshandelt und missbraucht worden.
Als Redakteure des SZ-Magazins hatten Obermayer und Stadler schon einmal in Ettal recherchiert und ihre Ergebnisse veröffentlicht. Aus diesem Erstkontakt mit Opfern ergaben sich weitere Kontakte und sehr viele, über Stunden sich hinziehende Gespräche. Auch das Gespräch mit Kirchen- und Ordensoberen haben sie gesucht, Dokumente aus vier Jahrzehnten Ettal haben sie ausgewertet, und mit Eltern und Schülern haben sie gesprochen.
Ihr Buch besteht aus vier großen Abschnitten.
Der erste rekapituliert die dramatischen Geschehnisse des Frühjahrs 2010,
als nicht nur Ettal, sonder auch andere bis dato hochangesehe Erziehungs-Institutionen plötzlich mit Missbrauchs- und Gewaltvorwürfen konfrontiert wurden. Da ging es besonders um
das Canisius-Kolleg in Berlin,
die Odenwaldschule,
das Bonner Aloisius-Kolleg,
die Benediktinerklöster St. Ottilien, St. Blasien und eben auch Ettal.
Was schon fast wieder vergessen ist, auch der Bruder des Papstes, Georg Ratzinger, hatte zugegeben, öfter mal 'hingelangt' zu haben, und auch der Bischof Mixa war mit Prügelvorwürfen konfrontiert. Die Prügelstrafe hat in den Kirchen beider Konfessionen Tradition eingedenk des Bibelspruches: 'Wen der Herr liebt, den züchtigt er'. Das steht nicht nur im Alten Testament der Juden, sondern auch im Neuen der Christen. Und wurde von katholischen Erziehern bis in die sechziger Jahre hinein genauso beherzigt wie von evangelischen, in katholischen Internaten noch ein paar Jahrzehnte länger. Auf evangelische Seite waren nicht Elite-Internate betroffen, sondern Kinderheime, Waisenkinder, denen dort ein Martyrium beschieden wurde. Darüber wissen wir noch immer verhältnismäßig wenig.
Der zweite Abschnitt dokumentiert Berichte von Schülern zu Ereignissen am Kloster Ettal in den Jahren 1950 bis 1990.
Im dritten Abschnitt wird das 'System Ettal' beschrieben und gefragt, welche Strukturen den jahrzehntelangen Missbrauch und die systematische Gewalt förderten. Was ist daran ettal-spezifisch, was ist kirchenspezifisch, und welche Mechanismen sind ganz allgemein überall am Werk?
Der vierte und letzte Abschnitt widmet sich der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals durch das Kloster Ettal seit dem Frühjahr 2010.
Mich hat das Buch in doppelter Weise erschüttert.
Das Erste: Als Spät-68er, der ich bin, war ich bis vor kurzem noch der Meinung, zu den paar Dingen, die wir 68er hingekriegt haben, gehört die Abschaffung der Rohrstock-Pädagogik. Und nun las ich in dem Buch von Obermayer und Stadler, dass es 1968 in Ettal erst richtig los ging mit dem Kinderverprügeln und bis 1990 anhielt. Und Ettal war nicht die einzige Elite-Institution, in der die schwarze Pädagogik bis in die 90er Jahre hinein noch praktiziert wurde.
Natürlich hatte ich das auch zuvor schon in der Zeitung gelesen, aber erst, nachdem ich durch dieses Buch in geballter Form damit konfrontiert wurde, trat dieser Erschütterungs-Effekt ein, der noch dadurch gesteigert wurde, dass es nicht nur die Gewalt gab in Ettal, sondern auch den sexuellen Missbrauch, dies oft auch miteinander verbunden und eben nicht eine seltene Ausnahme war. Von 'bedauerlichen Einzelfällen' kann man nach dem, was man heute weiß über die kirchliche Erziehung - nicht nur in Ettal, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Irland und in den USA - nicht mehr sprechen. Man wundert sich eher, dass man nichts aus Polen hört, nichts aus Italien, Spanien und anderen katholischen Ländern.
Über Ettal berichten die Autoren:
Im Unterricht in der Schule immer wieder Ohrfeigen, dass die Schüler zu Boden geschleudert wurden und die Trommelfelle platzten,
im Internat immer wieder Hiebe mit der Rute auf den nackten Hintern,
und dann abends und morgens im Bett die Priester, die unter die Bettdecke griffen. Oft waren es dieselben Priester, die eine Prügelstrafe in Vorfreude ankündigten und sich an der Angst der Schüler weideten.
Und das ereignete sich nicht vor dem Ersten Weltkrieg, nicht in der Zeit, in der Michael Hanekes 'Weißes Band' spielt, sondern in den siebziger und achtziger Jahren, als Prügeln an staatlichen Schulen und in den Familien längst aus der Mode gekommen war.
Wer das Buch liest, fragt sich: Waren da wirklich Mönche am Werk, die vom Gott der Liebe und Barmherzigkeit motiviert sind, oder Perverse, die sich von den Obsessionen eines Marquis de Sade inspirieren ließen?
Die Welt, in der die Schüler aufwuchsen, hatte etwas Totalitäres an sich. Sie waren eigentlich nie ohne Aufsicht, immer unter Kontrolle, sogar ihre Briefe wurden gelesen, ihre Päckchen geöffnet, und manchmal vergriffen sich die Mönche auch an dem Inhalt, nahmen für sich eine gute Leberwurst heraus, ein Päckchen Lebkuchen oder Süßigkeiten.
Den Leser beschleicht während der Lektüre das Gefühl, dieses Ausleben der sexuellen Lust an Schülern und diese ständigen Gewaltorgien wurden hingenommen wie lästige Fliegenschwärme, die man zwar eindämmen, aber nicht ausrotten kann. Man fragt sich unwillkürlich: Gehört das vielleicht einfach irgendwie dazu zum Klosterleben, vielleicht schon lange, möglicherweise schon immer?
Auf jeden Fall müssen sehr viele Menschen über sehr viele Jahre hinweg sich sehr angestrengt haben, um nichts zu sehen, nichts zu hören und nichts zu sagen. Auch die Vorgesetzten, die Kirchen- und Ordensleitungen sind nach diesem Prinzip verfahren, und die meisten Eltern und Schüler auch. Viele von denen wollen noch heute nichts davon wissen und den Mythos aufrechterhalten, von Elite-Mönchen zu Elite-Menschen ausgebildet worden zu sein. Tatsächlich befand sich diese 'Elite' mindestens ein halbes Jahrhundert hinter dem geistigen Stand ihrer Zeit.
Wenn man das Buch liest, wird einem klar, dass man diese Geschichten eben nicht - wie manche es versuchen - als bedauerliche Einzelfälle und Ausnahmeerscheinungen abtun kann, sondern dass da ein System dahintersteckt, das mit der Abschottung der Klöster von der Welt zusammenhängt, mit dem Selbstverständnis der Orden, nicht Teil der bösen Welt zu sein, vor allem aber mit dem Umstand, dass hinter den dicken Klostermauern eine eigene Welt errichtet wurde, die zu errichten so nur möglich ist, wenn keine Frauen da sind, sondern nur zum Zölibat verpflichtete Männer. Die Gewalt und der Missbrauch verschwanden in dem Moment, in dem immer mehr weltliche Lehrer und auch Lehrerinnen in Ettal einzogen. So gesehen ist die katholische Kirche auch Opfer ihrer strukturellen Misogynie, die sich im Zölibat und in der Ablehnung weiblicher Priester ausdrückt. Wenn diese Kirche noch etwas retten kann, dann sind es Frauen.
Das zweite, was in mir erschüttert wurde, war mein Verhältnis zur Kirche. Dieses Verhältnis war jahrzehntelang von einem Sympathie-Überschuss getragen, der aus meiner Kindheit herrührt. In dem fränkischen Bauerndorf, in dem ich aufwuchs, war das protestantische Pfarrhaus der einzige Ort, an dem ich so etwas wie Kultur erlebte, Texte und Lieder von hoher Qualität kennenlernte, Schönheit erlebte, über Gott und die Welt nachdachte, Bücher bekam.
Als Jugendlicher war ich oft mit einem katholischen Pfarrer unterwegs, der mir von moderner Theologie erzählte und meinen Denkapparat in Gang setzte. Nie hatte ich mit einem Pfarrer - egal ob evangelisch oder katholisch - ein negatives Erlebnis. Deshalb erinnerte ich mich immer dankbar meiner kirchlichen Sozialisation. Und deshalb war die Kirche für mich immer die Organisation, die bei aller berechtigten Kritik jene notwendige Kraft ist, die wir brauchen, damit die Nächstenliebe, das Gute, die Wahrheit nicht unter die Räder kommen.
Viele Eltern, die ihre Kinder nach Ettal schickten, ins Canisius Kolleg, ins Aloisius Kolleg, in die Benediktinerklöster St. Ottilien oder St. Blasien hatten ebenfalls diese hohe Meinung von der Kirche und waren überzeugt, ihre Kinder Elite-Priestern anzuvertrauen, die bestens wissen, worauf es bei Bildung und Erziehung ankommt. Statt dessen haben diese Elite-Priester die ihnen anvertrauten Kinder einfach nur eingeschüchtert, verängstigt, mit Hilfe von Zuckerbrot und Peitsche gefügig gemacht, und immer an den jeweils Schwächsten ihre Lust auf Sex und Gewalt abreagiert.
Hätte mir jemand erzählt, dass in Ettal ein ehemaliger Soldat, der im Koreakrieg kämpfte als Erzieher eingesetzt wurde, hätte ich das als böswillige Unterstellung abgetan.
Lesen Sie weiter... ›