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Nuruddin Farah rechnet mit einem Diktator ab
Kleinkinder kommen häufig vor in den Prosavignetten, welche die Kapitel von Nuruddin Farahs Roman «Bruder Zwilling» einleiten: ausgesetzt in einer Mülltonne, an einem trockenen Knochen lutschend, mit Kabelsträngen tändelnd oder von bunten, achtlos liegengelassenen Tabletten verführt. Die surreal-sinistren Momentaufnahmen haben auf den ersten Blick nichts zu tun mit der kompakten, vorandrängenden Romanhandlung: Eher hat der Autor sie als triste Embleme über seinem Abbild der moribunden somalischen Gesellschaft aufgesteckt.
Im Original ist der Roman unter dem Titel «Sweet and Sour Milk» 1979 erschienen: drei Jahre nach «A Naked Needle», Farahs zweitem Buch, dessen unverhohlene Kritik am Militärregime Siad Barres den Schriftsteller in Somalia umgehend auf die schwarzen Listen des Geheimdienstes brachte. Das folgende, jahrzehntelange Exil hinderte ihn nicht an der insistenten literarischen Auseinandersetzung mit den Zuständen in seiner Heimat, die ihm zunehmend als repräsentatives Abbild der condition (in)humaine schlechthin erschienen. Zwei Trilogien sind aus diesem Impetus entstanden: zwischen 1979 und 1983 die «Variations on the Theme of an African Dictatorship», welche eingeleitet vom hier anzuzeigenden Band nun erstmals integral auf Deutsch veröffentlicht werden sollen; zwischen 1984 und 1998 die «Blood in the Sun» genannte Werkgruppe, von welcher bis anhin der erste und der dritte Band «Maps» und «Geheimnisse» in Übersetzung vorliegen.
Im Schlagschatten der Macht Die «Dictatorship»-Trilogie hat Farah konsequent, aber unaufdringlich als Dreischritt von These, Antithese und Synthese geschaffen. «Sweet and Sour Milk», der von männlichen Figuren dominierte erste Band, handle von jenen, die keine Kompromisse eingehen; «Sardines», der von einem weiblichen Ensemble bestrittene zweite, von jenen, die dazu bereit seien, sagte der Schriftsteller in einem Radiointerview. Aus dieser Rollenverteilung eine sexistische Grundeinstellung abzulesen, täte gerade diesem Autor freilich Unrecht: Nicht nur hat Farah schon mit seinem Erstlingsroman, «From a Crooked Rib», ein klares Plädoyer für die Frauenemanzipation vorgelegt und später in «Maps» die Grenzen zwischen männlicher und weiblicher Identität und Körperlichkeit weitgehend durchlässig gemacht; auch in der «Dictatorship»-Trilogie sind die Charaktere mit einer Vielschichtigkeit dargestellt, die dem Urteil des Lesers den soliden Boden entzieht.
So agitieren die Widerstandskämpfer in «Sweet and Sour Milk» im Schlagschatten destruktiv-potenter Vatergestalten, der gleichzeitig das finstere Zentrum der Staatsmacht markiert; in scheinbarer Kollusion mit dem Regime wollen sie dieses von innen her angreifen aber die revolutionäre Zelle zerbricht bald an Meinungsverschiedenheiten, und die wahren Loyalitäten der Mitglieder sind keineswegs immer eindeutig auszumachen. Unter den Protagonistinnen von «Sardines» wiederum kommt die «kompromisslose» und progressiv denkende Medina am Ende menschlich nicht weiter als ihre noch in der Enge der islamischen Purdah befangene Mutter. Einen in sich selbst und seinem menschlichen Umfeld ruhenden Charakter entwirft Farah erst im dritten Band, mit Deeriye, dem greisen und weisen, längst über Macht- und Geschlechterkämpfe hinaus gereiften Patriarchen. Doch die glückliche Synthese öffnet keine Perspektive auf die Zukunft: Deeriye stirbt am Ende des Romans und «Close Sesame» lautet, in resignativer Umkehr der Zauberformel aus Tausendundeiner Nacht, dessen Titel.
In «Sweet and Sour Milk», das auf Deutsch den Titel «Bruder Zwilling» trägt, bestreicht Nuruddin Farah die hässlich protzende Front diktatorialer Machtentfaltung mit einem Sperrfeuer, das eher subtil und zynisch perforiert denn grobe Brocken poltern lässt. Er stemmt den «General», Siad Barres fiktionales Abbild, in blasphemische Nähe zum Gott seiner muslimischen Untertanen, indem er ihm, wie Allah, «neunundneunzig Jubel-Namen» zuschreibt; er lässt ebendiese Untertanen im strammen Drill des «Rendez-vous der Besen» zur Strassenreinigung antreten im Schatten staatlich finanzierter architektonischer Monstrositäten, die vom Baustil der Mussolini- oder Stalin-Ära inspiriert sind. Er gewährt einen gelegentlichen Blick in kalte, dämmergraue Zellen, wo zusammengesunkene Gestalten mit verhülltem Kopf und um so deutlicher sprechenden Folterspuren der Visite des Arztes harren. Er lässt seinen Protagonisten beim einen Gastgeber diskret auf ein offeriertes Getränk verzichten, beim anderen bemerken, dass ihm die Cola-Flasche mit betonter Geste ungeöffnet vorgesetzt wurde: Denn wo soeben ein Mitglied des engeren Familien- kreises an rätselhaften «Komplikationen» verschieden ist, geht die Angst um, dass man sich den Magen ähnlich letal verderben könnte.
Soyaan hiess jener Verstorbene, der sich zuvor mit subversiven Absichten ins Herz der Macht vorgearbeitet hatte. Vorgearbeitet? Der knappe Abriss seiner Karriere zeigt ihn vielmehr als Spielball höherer Interessen, der zu geheimdienstlichen Nachforschungen eingesetzt und dabei selbst von der Gegenseite nach Noten und Kanten ausgenommen wurde. Und nach seinem Tod geht Soyaan mitsamt seiner Lebensgeschichte lautlos ins Eigentum des Staates über.
Das posaunt Loyaan, dem Zwillingsbruder des Toten, die Zeitung entgegen, die unter Entstellung sämtlicher Tatsachen den Ermordeten zum «Märtyrer der Revolution» ernennt; das wird ihm auf dem Amt dargetan, wo er vergeblich die Papiere des Bruders einfordert; und das bestätigt ihm noch der leibliche Vater, ein autoritätshöriger Haustyrann, der mit dem Tod des Sohnes die eigene Karriere befördert: Indem er die Travestierung des heimlichen Revolutionärs Soyaan in einen offiziellen Staatshelden beglaubigt, handelt er sich den Ablass für einen früheren beruflichen Fehltritt ein.
Diese jämmerliche Karikatur eines Patriarchen steht im eigentlichen Fadenkreuz von Farahs Gesellschaftskritik: Hier überschneidet sich die vom Schriftsteller immer wieder eingeklagte Unterdrückung von Frauen und Kindern in der traditionellen somalischen Gesellschaft mit den politischen Missständen in der neueren Geschichte des Landes. Zeichnet die erste Romantrilogie insbesondere die Parallelen zwischen patriarchalen Machtstrukturen und den Repressionsmechanismen der Militärdiktatur nach, so wird sich die folgende mit dem verhängnisvollen Kult der Blutbande auseinandersetzen, der sich in den Clan-Fehden der neunziger Jahre niederschlug.
Repressionen ohne Spuren
Das Aufzeigen solch unseliger Kollusion zwischen familiären und politischen Konstellationen ist nicht der einzige kritische Reflex, den Farah auf die traditionelle somalische Kultur fallen lässt. Schlug sich staatliche Repression im Westen von den Dossiers der McCarthy-Ära bis zu den Stasi-Archiven zumindest in und nachweisbarer Form nieder, so entwirft Farahs Roman eine Tyrannis, die der Dokumentation ihrer eigenen Untaten weislich enträt. Unter Nutzung der spezifischen Fähigkeiten einer nicht alphabetisierten, oralen Gesellschaft lebt das Spitzelsystem des «Generals» von scharfen Ohren, unbelasteten Gedächtnissen und der Folgsamkeit der Ungebildeten:
Die Staatssicherheit in diesem Land rekrutiert den Hauptteil ihrer Truppe aus Analphabeten, Männern und Frauen, die der oralen Tradition angehören und die weder lesen noch schreiben können, aber jeden Tag berichten, berichten was sie gehört haben, und zwar so berichten, wie sie es gehört haben, Wort für Wort. (. . .) Sie brauchen keinen Haftbefehl, um jemanden festzunehmen. Alles wird mündlich erledigt.
Indirekt stirbt durch diese Aussage der ermordete Soyaan einen zweiten Tod: Wo in diesem mürben, lichtlosen Ameisenhaufen hätten seine schriftlich abgefassten staatskritischen Memoranden und Pasquille einen Nährgrund gefunden, in dem ihre subversive Saat hätte aufgehen können? Wie hätte eine ganze Nation zum Umsturz mobilisiert werden sollen, wenn sich sogar die zehn Gebildeten, aus denen Soyaans revolutionäre Zelle ursprünglich bestand, nach wenigen Treffen zerstritten? Wer soll das Erbe des Ermordeten antreten in diesem Zwielicht stetigen gegenseitigen Misstrauens, das höchstens dann zur todsicheren Gewissheit gerinnt, wenn wieder einer (und irgendwann man selbst) von den Sicherheitskräften abgeholt wird? Mehr als diese Frage will oder kann Farahs Roman nicht stellen: «Es war sieben Uhr abends», endet das Buch auf einer leise drohenden Note. «Draussen wurde an die Tür geklopft.»
Angela Schader
Nuruddin Farah liest heute Abend um 20 Uhr als Gast der Erklärung von Bern im Zürcher Literaturhaus (Museumsgesellschaft), Limmatquai 62. Am 18. Oktober ist er in der Berner Kornhausbibliothek, am 19. Oktober im Englischen Seminar der Universität Basel zu hören, ebenfalls jeweils um 20 Uhr. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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