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Bruder Zwilling.
 
 
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Bruder Zwilling. [Taschenbuch]

Nuruddin Farah , Martin Hielscher
3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)

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Taschenbuch, 2002 --  

Produktinformation

  • Taschenbuch: 346 Seiten
  • Verlag: btb Verlag (2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442729211
  • ISBN-13: 978-3442729210
  • Größe und/oder Gewicht: 18,9 x 12,1 x 2,5 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.698.624 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Die Sackgasse zur Freiheit

Nuruddin Farah rechnet mit einem Diktator ab

Kleinkinder kommen häufig vor in den Prosavignetten, welche die Kapitel von Nuruddin Farahs Roman «Bruder Zwilling» einleiten: ausgesetzt in einer Mülltonne, an einem trockenen Knochen lutschend, mit Kabelsträngen tändelnd oder von bunten, achtlos liegengelassenen Tabletten verführt. Die surreal-sinistren Momentaufnahmen haben auf den ersten Blick nichts zu tun mit der kompakten, vorandrängenden Romanhandlung: Eher hat der Autor sie als triste Embleme über seinem Abbild der moribunden somalischen Gesellschaft aufgesteckt.

Im Original ist der Roman unter dem Titel «Sweet and Sour Milk» 1979 erschienen: drei Jahre nach «A Naked Needle», Farahs zweitem Buch, dessen unverhohlene Kritik am Militärregime Siad Barres den Schriftsteller in Somalia umgehend auf die schwarzen Listen des Geheimdienstes brachte. Das folgende, jahrzehntelange Exil hinderte ihn nicht an der insistenten literarischen Auseinandersetzung mit den Zuständen in seiner Heimat, die ihm zunehmend als repräsentatives Abbild der condition (in)humaine schlechthin erschienen. Zwei Trilogien sind aus diesem Impetus entstanden: zwischen 1979 und 1983 die «Variations on the Theme of an African Dictatorship», welche – eingeleitet vom hier anzuzeigenden Band – nun erstmals integral auf Deutsch veröffentlicht werden sollen; zwischen 1984 und 1998 die «Blood in the Sun» genannte Werkgruppe, von welcher bis anhin der erste und der dritte Band – «Maps» und «Geheimnisse» – in Übersetzung vorliegen.

Im Schlagschatten der Macht Die «Dictatorship»-Trilogie hat Farah konsequent, aber unaufdringlich als Dreischritt von These, Antithese und Synthese geschaffen. «Sweet and Sour Milk», der von männlichen Figuren dominierte erste Band, handle von jenen, die keine Kompromisse eingehen; «Sardines», der von einem weiblichen Ensemble bestrittene zweite, von jenen, die dazu bereit seien, sagte der Schriftsteller in einem Radiointerview. Aus dieser Rollenverteilung eine sexistische Grundeinstellung abzulesen, täte gerade diesem Autor freilich Unrecht: Nicht nur hat Farah schon mit seinem Erstlingsroman, «From a Crooked Rib», ein klares Plädoyer für die Frauenemanzipation vorgelegt und später in «Maps» die Grenzen zwischen männlicher und weiblicher Identität und Körperlichkeit weitgehend durchlässig gemacht; auch in der «Dictatorship»-Trilogie sind die Charaktere mit einer Vielschichtigkeit dargestellt, die dem Urteil des Lesers den soliden Boden entzieht.

So agitieren die Widerstandskämpfer in «Sweet and Sour Milk» im Schlagschatten destruktiv-potenter Vatergestalten, der gleichzeitig das finstere Zentrum der Staatsmacht markiert; in scheinbarer Kollusion mit dem Regime wollen sie dieses von innen her angreifen – aber die revolutionäre Zelle zerbricht bald an Meinungsverschiedenheiten, und die wahren Loyalitäten der Mitglieder sind keineswegs immer eindeutig auszumachen. Unter den Protagonistinnen von «Sardines» wiederum kommt die «kompromisslose» und progressiv denkende Medina am Ende menschlich nicht weiter als ihre noch in der Enge der islamischen Purdah befangene Mutter. – Einen in sich selbst und seinem menschlichen Umfeld ruhenden Charakter entwirft Farah erst im dritten Band, mit Deeriye, dem greisen und weisen, längst über Macht- und Geschlechterkämpfe hinaus gereiften Patriarchen. Doch die glückliche Synthese öffnet keine Perspektive auf die Zukunft: Deeriye stirbt am Ende des Romans – und «Close Sesame» lautet, in resignativer Umkehr der Zauberformel aus Tausendundeiner Nacht, dessen Titel.

In «Sweet and Sour Milk», das auf Deutsch den Titel «Bruder Zwilling» trägt, bestreicht Nuruddin Farah die hässlich protzende Front diktatorialer Machtentfaltung mit einem Sperrfeuer, das eher subtil und zynisch perforiert denn grobe Brocken poltern lässt. Er stemmt den «General», Siad Barres fiktionales Abbild, in blasphemische Nähe zum Gott seiner muslimischen Untertanen, indem er ihm, wie Allah, «neunundneunzig Jubel-Namen» zuschreibt; er lässt ebendiese Untertanen im strammen Drill des «Rendez-vous der Besen» zur Strassenreinigung antreten – im Schatten staatlich finanzierter architektonischer Monstrositäten, die vom Baustil der Mussolini- oder Stalin-Ära inspiriert sind. Er gewährt einen gelegentlichen Blick in kalte, dämmergraue Zellen, wo zusammengesunkene Gestalten mit verhülltem Kopf und um so deutlicher sprechenden Folterspuren der Visite des Arztes harren. Er lässt seinen Protagonisten beim einen Gastgeber diskret auf ein offeriertes Getränk verzichten, beim anderen bemerken, dass ihm die Cola-Flasche mit betonter Geste ungeöffnet vorgesetzt wurde: Denn wo soeben ein Mitglied des engeren Familien- kreises an rätselhaften «Komplikationen» verschieden ist, geht die Angst um, dass man sich den Magen ähnlich letal verderben könnte.

Soyaan hiess jener Verstorbene, der sich zuvor mit subversiven Absichten ins Herz der Macht vorgearbeitet hatte. Vorgearbeitet? Der knappe Abriss seiner Karriere zeigt ihn vielmehr als Spielball höherer Interessen, der zu geheimdienstlichen Nachforschungen eingesetzt – und dabei selbst von der Gegenseite nach Noten und Kanten ausgenommen wurde. Und nach seinem Tod geht Soyaan mitsamt seiner Lebensgeschichte lautlos ins Eigentum des Staates über.

Das posaunt Loyaan, dem Zwillingsbruder des Toten, die Zeitung entgegen, die unter Entstellung sämtlicher Tatsachen den Ermordeten zum «Märtyrer der Revolution» ernennt; das wird ihm auf dem Amt dargetan, wo er vergeblich die Papiere des Bruders einfordert; und das bestätigt ihm noch der leibliche Vater, ein autoritätshöriger Haustyrann, der mit dem Tod des Sohnes die eigene Karriere befördert: Indem er die Travestierung des heimlichen Revolutionärs Soyaan in einen offiziellen Staatshelden beglaubigt, handelt er sich den Ablass für einen früheren beruflichen Fehltritt ein.

Diese jämmerliche Karikatur eines Patriarchen steht im eigentlichen Fadenkreuz von Farahs Gesellschaftskritik: Hier überschneidet sich die vom Schriftsteller immer wieder eingeklagte Unterdrückung von Frauen und Kindern in der traditionellen somalischen Gesellschaft mit den politischen Missständen in der neueren Geschichte des Landes. Zeichnet die erste Romantrilogie insbesondere die Parallelen zwischen patriarchalen Machtstrukturen und den Repressionsmechanismen der Militärdiktatur nach, so wird sich die folgende mit dem verhängnisvollen Kult der Blutbande auseinandersetzen, der sich in den Clan-Fehden der neunziger Jahre niederschlug.

Repressionen ohne Spuren

Das Aufzeigen solch unseliger Kollusion zwischen familiären und politischen Konstellationen ist nicht der einzige kritische Reflex, den Farah auf die traditionelle somalische Kultur fallen lässt. Schlug sich staatliche Repression im Westen – von den Dossiers der McCarthy-Ära bis zu den Stasi-Archiven – zumindest in und nachweisbarer Form nieder, so entwirft Farahs Roman eine Tyrannis, die der Dokumentation ihrer eigenen Untaten weislich enträt. Unter Nutzung der spezifischen Fähigkeiten einer nicht alphabetisierten, oralen Gesellschaft lebt das Spitzelsystem des «Generals» von scharfen Ohren, unbelasteten Gedächtnissen und der Folgsamkeit der Ungebildeten:

Die Staatssicherheit in diesem Land rekrutiert den Hauptteil ihrer Truppe aus Analphabeten, Männern und Frauen, die der oralen Tradition angehören und die weder lesen noch schreiben können, aber jeden Tag berichten, berichten was sie gehört haben, und zwar so berichten, wie sie es gehört haben, Wort für Wort. (. . .) Sie brauchen keinen Haftbefehl, um jemanden festzunehmen. Alles wird mündlich erledigt.

Indirekt stirbt durch diese Aussage der ermordete Soyaan einen zweiten Tod: Wo in diesem mürben, lichtlosen Ameisenhaufen hätten seine – schriftlich abgefassten – staatskritischen Memoranden und Pasquille einen Nährgrund gefunden, in dem ihre subversive Saat hätte aufgehen können? Wie hätte eine ganze Nation zum Umsturz mobilisiert werden sollen, wenn sich sogar die zehn Gebildeten, aus denen Soyaans revolutionäre Zelle ursprünglich bestand, nach wenigen Treffen zerstritten? Wer soll das Erbe des Ermordeten antreten in diesem Zwielicht stetigen gegenseitigen Misstrauens, das höchstens dann zur – todsicheren – Gewissheit gerinnt, wenn wieder einer (und irgendwann man selbst) von den Sicherheitskräften abgeholt wird? Mehr als diese Frage will – oder kann – Farahs Roman nicht stellen: «Es war sieben Uhr abends», endet das Buch auf einer leise drohenden Note. «Draussen wurde an die Tür geklopft.»

Angela Schader

Nuruddin Farah liest heute Abend um 20 Uhr als Gast der Erklärung von Bern im Zürcher Literaturhaus (Museumsgesellschaft), Limmatquai 62. Am 18. Oktober ist er in der Berner Kornhausbibliothek, am 19. Oktober im Englischen Seminar der Universität Basel zu hören, ebenfalls jeweils um 20 Uhr. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2000
Der jetzt als "Bruder Zwilling" erschienene Roman von Naruddin Farah (englisch: Sweet and Sour Milk") stammt eigentlich aus dem Jahr 1979, verrät Angela Schader; er bildet den ersten Band einer Trilogie, die der somalische Autor im Exil in den Jahren 1979 bis 1983 verfasst hat. Farah habe diese Trilogie, in der er die Parallelität von patriarchalischen Strukturen und politischen Repressionsmechanismen behandle, nach dem Prinzip von These -Antithese - Synthese geschrieben, zitiert Schader den Autor aus einem Rundfunkgespräch. Der erste Band der Trilogie handelt von einer nicht zum Kompromiss bereiten revolutionären Zelle, die jedoch an inneren Meinungsverschiedenheiten zerbricht. Einer der ihren, erzählt Schader weiter, wird vom Regime ermordet und zum "Märtyrer der Revolution" ernannt - Farahs Kritik an der somalischen Militärdiktatur käme subtil und zynisch daher. Der Autor verteilt seine Kritik nicht auf gut und böse: bei ihm haben sich auch die Widerstandskämpfer nicht von der Übermacht der Vaterfiguren lösen können, lobt Schader die differenzierte Sichtweise des Autors, der uns noch mehr über die somalische Gesellschaft verrät: dass sich das Spitzelsystem auf geradezu perfide Weise der oralen Tradition des afrikanischen Kontinents bedient.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Taschenbuch
„Bruder Zwilling" spielt im Somalia der 70er Jahre und erzählt in einfachen, streckenweise aber auch poetischen Worten die Geschichte von Loyaan, der sich auf die Suche nach den Hintergründen für den mysteriösen Tod seines Zwillingsbruders Soyaan macht, welcher für die somalische Regierung gearbeitet hatte. Schon bald erfährt er, daß der nun nach seinem Tode von der Regierung öffentlich zum Märtyrer stilisierte Soyaan in Wirklichkeit keineswegs regierungstreu war, sondern mit Gesinnungsgenossen Pläne für deren Umsturz schmiedete, die in verschiedenen Memoranden schriftlich niedergelegt sein sollen, die es nun zu finden gilt. Der Leser begleitet Loyaan auf dessen Suche nach der Wahrheit und erhält dabei interessante, aber auch tragische Einblicke in einzelne Schicksale, die durch den Einfluß von Staat und Gesellschaft geprägt oder gar zerstört wurden. Dabei stellt Nuruddin Farah schonungslos die Militärdiktatur mit ihren Spitzel- und Foltermethoden sowie die streng patriarchalisch organisierte somalische Gesellschaft mit ihrem Clandenken bloß. So wird das Familienoberhaupt, der ungeliebte tyrannische Patriarch, als das entlarvt, was er wirklich ist: ein jämmerliches kleines Männlein, das sich von seinem Gott all die Erklärungen erhofft, die es selbst nicht zu geben imstande ist und der Regierung die Seele seines toten Sohnes verkauft, um sich selbst von einer früheren Verfehlung reinzuwaschen. Auch richtet er sich gegen die ewigen Mitläufer der Regierung, den „kleinen Mann" von der Straße, der als Entschuldigung für sein Mitschwimmen im Strom immer nur „all die Mäuler", die er „zu stopfen" habe, vorschiebt. Doch auch die Revolutionäre werden nicht als Übermenschen oder geeinte Front gegen das Regime dargestellt, sondern sind nicht weniger uneins und unter sich zerrissen wie das Land selbst. Ein interessantes, spannendes, aber auch nachdenklich stimmendes Buch.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Taschenbuch
Wenn man sich den Klappentext durchliest, erwartet man einen spannenden Roman über eine hier leider wenig bekannte Kultur. Doch leider hält das Buch nicht, was es verspricht. Viele Passagen ziehen sich, die Hauptcharaktere, allen voran Loyaan, werden nicht in der erwünschten Tiefe durchleuchtet und ihr Verhalten bleibt so häufig irritierend. Wirklich sympathisch war mit, ausser dem verstorbenen Soyaan, der vom Leser noch am besten und eindringendsten erfasst wird, ehrlich gesagt keine Charaktere. Einziger Pluspunkt ist der, dass man viel über die damalige somalische Diktatur und ihre politischen Mittel (Folter, Propaganda, etc.) erfährt. Politisch gesehen also doch ein informatives Buch. Unterm Strich aber meiner Meinung nach nicht zu empfehlen. Ich selbst habe es nur bis zur Hälfte gelesen und hab es dann einfach sein lassen.
Schade, hoffentlich sind andere Werke Farahs besser!
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Immer noch zu entdecken 15. April 2011
Format:Taschenbuch
Nachdem 'Staatseigentum', die erste deutsche Übersetzung von Nuruddin Farahs 'Sweet and Sour Milk', vor zwanzig Jahren nicht sonderlich beachtet worden ist, bringt der Frederking & Thaler-Verlag den Roman des somalischen Schriftstellers jetzt ' neu übersetzt ' abermals heraus. Das ist würdig und recht ' mit einer kleinen Einschränkung: 'Staatseigentum' war ein aussagekräftigerer Titel als 'Bruder Zwilling'.

Denn der unter rätselhaften Umständen gestorbene Politiker Soyaan wird in Farahs Buch tatsächlich zum Staatseigentum gemacht. Weil seine Mutter Qumman einer Autopsie nicht zustimmt, bleibt ungeklärt, ob Soyaan ermordet worden ist oder nicht, auch wenn alles für einen gewaltsamen Tod spricht. Während Loyaan bei seinen Nachforschungen entdeckt, dass sein Zwillingsbruder ein Regimegegner gewesen ist, wird Soyaan zum Helden der Revolution (des Diktators) hochstilisiert. Er bekommt ein Staatsbegräbnis, eine Straße wird nach ihm benannt, und der in Ungnade gefallene Vater, der fälschlicherweise behauptet, die letzten Worte seines Sohnes seien 'Arbeit ist Ehre' gewesen, wird rehabilitiert.

Sechs Tage irrt Loyaan durch die Hauptstadt Mogadischu, auf der Suche nach einem regierungsfeindlichen Memorandum, an dem Soyaan angeblich gearbeitet hat, wird so lange mit dem Staatsterror konfrontiert, bis er auf offener Straße zu rebellieren beginnt und verhaftet wird. Im Kerker bietet man ihm den Posten an, den Soyaan übernehmen hätte sollen: Somalischer Rechtskonsulent in Belgrad zu werden. Man erfährt nicht mehr, ob Loyaan überhaupt zum Flughafen gebracht wird oder einfach verschwindet, wie so viele Somalier vor ihm.

Während Farah seine anderen Romane immer wieder mit mythischen Tierfiguren, politischen Kommentaren und Exkursen in das prä-islamische Religionsverständnis der frühen Somalier angereichert hat, erzählt er 'Bruder Zwilling' sehr geradlinig ' bis auf die Allegorien, welche er den einzelnen Kapiteln voransetzt und welche an die so genannte Oratur gemahnen, also an mündlich überlieferte Legenden, Geschichten und Sprichwörter afrikanischer Völker. Doch während diese Allegorien effektvoll auf das Folgende einstimmen, wirken manche Metaphern im Text oft allzu bemüht. Zum Beispiel: 'Eine Sekunde nachdem sie diese schneidende Bemerkung gemacht hatte, genauer, bevor die Guillotine der Sekunde überhaupt auf den tickenden Kopf der Minute herabgesaust war.'

Gleichwohl: Nuruddin Farah, 1945 geborener Exil-Schriftsteller und Universitätsdozent, der Ende der 70er Jahre in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde, hat mit 'Bruder Zwilling' ' dem erstem Teil seiner Trilogie 'Variationen über das Thema der afrikanischen Diktatur' ' einen spannenden verdeckten Kriminalroman geschrieben, der sich gegen Somalias früheren Diktator Siad Barre wendet. Und doch weist das Buch über seinen historischen Schauplatz hinaus: Gezwungen, sich mit Loyaan zu identifizieren, taucht der Leser selbst in eine Lebenssituation ein, in der man niemandem trauen kann, in der man die Wahrheit zwischen Tausenden Lügen und Halbwahrheiten herausfinden muss, während man mit Grausamkeiten konfrontiert wird und ständig damit rechnen muss, ebenfalls gefoltert oder ermordet zu werden.

'Bruder Zwilling' könnte auch in der Gegenwart, in einer anderen Diktatur, auf einem anderen Kontinent spielen. Somit ist das Buch viel mehr als ein Zeitdokument und sollte Farah endlich auch im deutschsprachigen Raum die ihm zustehende Geltung verschaffen können. Auch der Suhrkamp Verlag arbeitet daran: mit dem im Frühjahr 2000 erschienenen Band 'Geheimnisse', dem letzten Teil von Farahs zweiter Trilogie ' über Somalias Bürgerkrieg.
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