Wie viele Minuten auf einer CD müssen ein Geschenk sein, den Hörer aktivieren und begeistern, damit er einen womöglich fahlen Tonrest nicht nur verkraften, sondern auch vergessen kann? Ich kenne CDs mit Neuer Musik, auf denen ist nur ein einziges, formidables Stück von 12 Minuten Dauer, und dann folgt eine 30-minütige Sauerei, ein Affront - aber der Ärger ist angesichts der Perle zuvor marginal. So ungefähr erging es mir mit dieser CD des zweifachen Wunderkindes Widmann (Komponist/Solist). Natürlich sind die "Freien Stücke" für Ensemble keine musikalische Idiotie, doch trotzdem Bieder-Avantgarde, gebaut auf hauchdünnen Ideen. Wenn Klangflächen hin und her gewiegt werden, mal laut und mal leiser, dann ist das noch nicht Kunst. Warum muss diese CD, immerhin dauern die zehn Stücklein 25 Minuten, mit solchem Salat verunstaltet werden? Da kann man nur hoffen, dass die restlichen 32 Minuten den Hörer befriedigen. Bestenfalls befriedigend, gleichwohl kurzzeitig faszinierend, ist das Gott sei Dank nicht allzu lange Stück für Solo-Violine. Widmanns Schwester spielt, besser schrubbt dieses wundersame RaufundRunterSpiel, das mit einem gerade hörbaren Schaben beginnt und dann zu einem Tornado aus Tonleitern gerät. Hundert Jahre früher wäre man dafür ins Gefängnis gekommen. Irre! Leider kann man das nicht öfter als zwei Mal hören, denn hier beeindruckt eher die sportliche Leistung der Violinisten als die Partitur. Muss man diese CD also kennen? Ja, man muss.
Zwei gute Gründe: Die "Fünf Bruchstücke" sind der erste. Es mögen nur sieben Minuten sein, aber es gibt keine vorgeschriebene Mindestdauer für Meisterwerke. Für Klarinette und Klavier - fünf Eigenheiten, fünf Absonderlichkeiten, fünf ausdrucksstarke Ruhmesblätter. Nehmen wir das zweite Bruchstück. Nur eine Minute, und doch so genial, so schlüssig, und ich bin immer noch erstaunt über die jäh aufheulende Klarinette, den präparierten Flügel, das Fingerschnippsen am Schluss. Jeder Ton an der richtigen Stelle, nichts ist zuviel. Dann der eigentliche Grund zur Freude: Ein Werk für Klarinette (die erst nach sieben Minuten ihren ersten Auftritt hat!), Streichquartett und Klavier. Habe es eben beim Einkaufen im ALDI gehört, und es ist schon merkwürdig, bei einer profanen Verrichtung (festkochende Kartoffeln begucken) dieses siebzehnminütige Glück zu hören. Es ist schwierige Musik, auch wenn es am Ende fast ein wenig nach "Fremde Szenen" von Rihm klingt. Die "Fieberphantasie" hat so viele eigenwillige, plastische Phasen, dass ich sie mit meinem dann doch begrenzten Wortschatz minutiös beschreiben will. Halte mich aber zurück, erwähne nur die Situation, an der das Klavier insistiert und fast zu grooven beginnt, oder das andere Mal, wo ein sanfter Pizzicato-Nieselregen (noch nie so differenziertes Streichergezupfe gehört, auf diese ganz spezielle Art) den Hintergrund für die zärtliche Klarinette bildet, dann diese Statik im cembalisierten Klaviersound an anderer Stelle, wie Widmann es immer wieder schafft, den Hörer zu fesseln mit Ideen, die immer, wirklich immer zum richtigen Zeitpunkt geliefert werden, diese unvorhersehbaren Wendungen, dieser Sinn für Proportionen und für Spannung ohne Vordergründigkeit. Ich übertreibe nicht: Die "Fieberphantasie" gehört zu den fünf großartigsten Kammermusikstücken, die mir bis dato bekannt sind (im Bereich der Neuen Musik). Wer schon einiges an Hörerfahrung mitbringt, sollte es sich besorgen. Jetzt weiß ich endlich, was alle an Widmann finden! Punktabzug gibt es freilich trotzdem. Die "Freien Stücke" haben mich wegen ihrer Beschränktheit (im wahrsten Sinne gemeint) ein wenig verstimmt. Doch ich bin allmählich dabei, sie zu vergessen.