Sigmund Freuds Fallstudie der jungen Dora ist kontrovers und doch genial; sie ist alles andere als simpel und geradlinig, sondern komplex, mit unterschiedlichsten Begehrlichkeiten und Intentionen befrachtet sowie (zumindest aus Freuds Sicht) letztendlich gescheitert.
Freud wird von einem gutbürgerlichen Industriellen gebeten, seine junge Tochter Dora zu therapieren - und im Verlauf der Fallgeschichte wird immer deutlicher, dass sich Freud zum Komplizen und Erfüllungsgehilfen des Auftraggebers macht; das Wort Therapie bekommt hier in den Anfängen der Psychoanalyse schon einen Beigeschmack. Dora weigert sich nämlich, die Geliebte des Ehemannes der Geliebten ihres Vaters zu werden; sie wehrt sich dagegen, im väterlichen Liebesreigen dem gehörnten Ehemann als Trostpreis zu dienen und so dessen Duldung des außerehelichen Verhältnisses seiner Frau zu erkaufen. Die hysterischen Symptome, die die pubertierende Dora zeigt, will Freud ihr hininterpretieren als Zeichen ihres Körpers, der sich nach sexueller Erfüllung mit dem gehörnten Ehemann sehnt, und Dora möge dies ihrem Körper nicht verweigern. So zum Beispiel bedrängt der Ehemann die 14-jährige Dora, indem er sie gegen die Wand drückt und zu küssen versucht - Dora ist schlicht entsetzt, doch Freud deutet ihr den Vorfall so hin, dass sie höchst erregt gewesen sei und ihr Körper auch neun Monate später eine Geburt simuliert hätte.
Dora bricht schließlich die Analyse ab, da sie sich von Freud unverstanden und manipuliert fühlt. Freud hingegen interpretiert den Abbruch der Analyse dahingehend, dass Dora ihr größtes Machtgefühl aus dem Akt der Verweigerung zieht und sie an Hysterie erkranken lässt; Dora verweigert sich den Wünschen ihres Vaters, den Avancen des gehörnten Ehemanns sowie der autoritativen Deutung der Ereignisse durch Freud. Doch Doras Verweigerung lässt Freud nicht los; fünf Jahre nach der Analyse verfasst er seine Fallstudie, in der er seine eigene narzisstische Kränkung durch Doras Abbruch der Analyse verarbeitet - und vielleicht auch seine Schuldgefühle.
Was die Fallstudie natürlich nicht beinhaltet, ist das tragische Schicksal, das sich für Dora aus der Analyse ergeben hat. Durch den Ruhm der Fallstudie macht sich Dora nämlich genau zu der Dora, die Freud beschrieben hat. So kultiviert sie ihre hysterischen Sypmtome, läuft von Analytiker zu Analytiker und testet ab, ob diese in ihr die berühmt gewordene Dora erkennen.
5 Sterne für dieses Juwel einer Fallstudie, die auch heute noch hitzig und kontrovers diskutiert wird. Nebenbei bemerkt: Sigmund Freud hat zusammen mit Thomas Mann das schönste Deutsch des beginnenden 20. Jahrhunderts!