... sondern voll auf die zwölf! Mit diesem Live-Album führte Springsteen zwar die Idee der MTV unplugged Serie ad absurdum (das Konzert fand zwar unter dem Logo dieser Kult-Reihe statt, die ersten beiden Buchstaben von unplugged wurden aber demonstrativ durchgestrichen), lieferte so aber, durch stellenweise besonders betonten Einsatz von E-Gitarren, im April 1993 sein lautestes Album seit Mitte der Achtziger ab.
Vermutlich wollte er nach den zum Teil heftigen und unsachlichen Kritiken an den beiden aktuellen Alben "Human touch" und "Lucky town", sie seihen zu glatt und zu Pop lastig, den öffentlichen Beweis antreten, dass der Boss noch Zähne hat und kräftig zubeißen kann. Da erschien ihm damals eine relaxte Unplugged-Veranstaltung im Sitzen wohl kontraproduktiv.
Eigentlich wirklich bedauerlich, denn was sind zu Beginn der Neunziger Jahre nicht legendäre "MTV unplugged" Alben von den Göttern entstanden. Paul McCartney (1991), Eric Clapton (1992), Rod Stewart (1993), Neil Young (1993), Nirvana (1994), Bob Dylan (1995) und nicht zu vergessen Herbert Grönemeyer als der erste Germane (1995).
All diese Alben haben Musik-Geschichte geschrieben und das kann man von jenem Springsteen Album nun ganz und gar nicht behaupten. Schlimmer noch, es ist das einzige Springsteen Album was nach Strich und Faden unterging. Es ist bis heute mit großem Abstand das am wenigsten verkaufte Album von allen Tonkonserven mit seinem Namenszug.
Diese Schmach hat die Platte dabei wahrlich nicht verdient, denn sie rückt einen Großteil der Songs der beiden 1992 veröffentlichen Studio-Alben ins rechte Licht, oder besser, in den rechten Sound. Springsteen nutze die Plattform zur Promotion seiner aktuellen Werke und spielte kein Greatest Hits Programm. Ganze 12 von insgesamt 19 Songs auf der fast zweistündigen DVD-Version des Albums, stammen von "Human touch" und "Lucky town" (bei der CD und Doppel-LP sind es 8 von 13)! Aber diese kommen hier wesentlich energischer daher als bei den Studioproduktionen, die Handbremse ist losgelassen. Wer also mit den beiden im März 1992 veröffentlichten Alben auf Kriegsfuß steht und dieses Live-Album noch nicht kennt, kann sich hier den Songs noch einmal aufs Neue nähern und wird vermutlich überrascht sein.
Auch der ohnehin schon kleinere Rest von sieben (fünf) Songs, liefert nicht ausschließlich Greatest Hits Material. Denn zwei der Songs (auf CD, LP & DVD) sind gänzlich neu!
Der akustische Einstieg mit "Red headed woman" ist der erste Song der nur hier auftaucht, noch eindrucksvoller aber ist mit "Light of day" der zweite Neuling des Albums. Ein zum Lied gewordener Orkan! Wahnsinns Rocknummer und, ja, gewaltig, auch ohne E-Street-Band.
Alles in allem war das Album sicher nicht wichtig, der Anlaß verwirkt, die Setlist für ein breites Publikum sicher nicht magnetisch, aber es war dennoch unverschämt gut was da am 11. November 1992 in Club-Atmosphäre aufgenommen wurde und ich meine, unverzichtbar.
In jedem Format zu empfehlen, insbesondere natürlich als DVD, nicht weil Bruce so irre schön ist, sondern der sechs Songs mehr und der längeren Zwischenmoderationen wegen.