"Brownian Movement" ist ein anspruchsvoller Film. Kein lärmendes Psychodrama, sondern ein Werk, dessen Wert sich erst langsam erschließt. Mit seinem Thema offen(siv) umzugehen kann an sich nur der Kunstfilm leisten. Ein Unterhaltungsfilm ist er nicht, dafür ist er zu strapaziös - wenn auch im besten Sinne. Das Werk ist Gewinner des renommierten niederländischen Filmfestivals 2011.
Der Film seziert kühl und birgt dennoch reichhaltig verborgene Emotionen. Die Regisseurin übersetzt Liebe und Begehren, erzählt von Geheimnissen die manche Menschen brauchen, ihren verborgenen Leidenschaften, Passionen, sexuellem Wahn- und Aberwitz und davon was es bedeutet, wenn all das plötzlich in Frage gestellt wird, da es herauskam. Faszinierend ist die Gegensätzlichkeit, mit der das scheinbar Unvereinbare miteinander in Einklang gebracht wird. In bestechend realistischen Szenen, in denen sich immer wieder neue Ebenen erschließen, verbirgt sich ein Rätsel, eine Unergründlichkeit, eine Zerbrechlichkeit, ein Schweigen, vor allem ein Entfremdungsprozess zwischen zwei Menschen, der manches andeutet und noch mehr verbirgt.
Worum geht es ? Wenn sich etwas zu erkennen gibt, wenn etwas beaobachtet wird, wenn etwas zu Tage tritt oder ganz einfach eine schlüssige Kontur aufzuweisen beginnt, werden im grellen Licht des beobachtenden und analysierenden Verstandes auch die Schatten stärker; dieses Licht vergrößert, vergröbert und verfeinert zugleich auch die kleinen Schwächen, die überall zu finden sind. Reaktion: wie war es möglich, dass man einem solchen Menschen vertrauen konnte ? oder: man hat es immer geahnt, vielleicht auch gewusst. Aber auch: hatte jemals einer einen Schaden oder Nachteil durch den, der jetzt nackt im harten Licht steht ? Zumeist nicht. Und hier setzt der Film an.
Darf man die Dächer so ohne weiteres einfach abdecken ? Kommt es dann nicht heraus: nicht nur die Infamie des Einzelnen, sondern die der Gesellschaft auch ? Die Menschen, letztlich wir alle, leben in ihr wie Tiere in einem verzweigten Riff. Wir suchen immer die Beleuchtung, die günstig ist. Ein Strahl der Wahrheit kann tödlich sein. Man darf oder sollte in den Zonen der Intimssphäre nur soviel Licht zuführen, wie es die konkrete Angelegenheit erlaubt und auch erfordert. Sonst besteht die Gefahr, dass sich die Wahrheit wie ein Wildfeuer ausbreitet. Dieser Blickwinkel ist einer von mehreren im Film.
Die Regie arbeitet kühl-analytisch ihre Versuchsanordnung über Liebe, Beziehung und Einsamkeit durch. Passend gewählt der Filmtitel, der die Regisseurin durch den Botaniker Robert Brown inspirierte. Nach Brown bewegen sich eigentlich leblose Teilchen in Flüssigkeit und werden von Molekülen des Wassertropfens hin- und hergestoßen. Diese willkürliche "Brownsche Bewegung" (Brownian Movement) ist jene für das bloße Auge unsichtbare Bewegung, jenes Vibrieren der Atome und Moleküle, das in früheren Zeiten zu der Annahme verleitete, die Materie sei von einer geheimnisvollen Lebenskraft erfüllt.
Auf den ersten Blick scheinen die Menschen, von denen der Film erzählt, statisch zu sein. Doch betrachtet man sie unter dem mikroskopischen Auge mit Röntgenblick und Radar, nimmt man die chaotischen Zick-Zack-Bewegung wahr, ihr Vibrieren, das Bewegung und Stillstand zugleich ist, Auf-der-Stelle-treten und Fluchtversuch in einem, Suche nach Identität mit den dunklen, unerklärbaren Anteilen der Seele, des beseelten Körpers und Unfähigkeit zum vollkommenen Aufgehen im Anderen.
Der Film ist eine radikale und freie Erfahrung, die lange nachwirkt und deren Erkenntnisse man auf den einzelnen Zuschauer schwerlich voraussagen kann. Ein Experiment mit offenen Ausgang - wie das Leben selbst. Die Besessenheit - die vielleicht nur deshalb als verstörend empfunden wird, weil es eine Frau ist, die sie auslebt ? - lastet zentnerschwer auf den Beteiligten, sorgt für bedrückende Atmosphäre. In schmerzlicher Langsamkeit und mit entsprechend gedämpften, fast regungslosen Bildern erlebt man den Versuch, ein schönes, aber langweiliges Leben aufregender zu gestalten sowie - nach dem Scheitern dieses Versuchs - das Bemühen, dieses schöne, aber langweilige Leben zurückzugewinnen. Glücklich ist am Ende irgendwie keiner. Höchstens man selbst, dem klar wird, dass man einen außergewöhnlichen Film gesehen hat. "Brownian Movement" wirkt trotz oder gerade wegen seiner vermeintlichen Längen und Leerstellen nach. Das liegt natürlich an dem Tabu-Thema, das er aufgreift, aber zum größten Teil an seinen Hauptdarstellern. Beeindruckend die Stille, Tiefe und Versehrtheit, mit der Dragan Bakema als Charlotte von Ribbecks Ehemann mit ausschließlich leisen Tönen seine Frau zu begleiten - und zu verstehen - versucht.
Allein aber wegen Sandra Hüllers überragender schauspielerischen Leistung und ihrer Vermittlung des Stoffs ist der Film es wert gesehen zu werden. Ihre Unnahbarkeit und Entschlusskraft ist markant, bewegend, irritierend, quälend. Sie bewegt sich im Äther: lauernd, selbstzufrieden, eine Meisterin des felinen Spiels.