Zunächst einmal verdient das Land nicht weniger literarische Zuwendung als die Stadt, und als 'Blut und Boden' würde der Charakter des Romans verkannt: Schließlich ist Landwirtschaft unerläßlich zur Ernährung, auch dafür wächst unserer Tage das Bewußtsein. Überdies läßt sich aus ihrer Wetterabhängigkeit mehr Frustrationstoleranz lernen; körperliche Arbeit lehrt Kummer zurückzudrängen und fruchtloses Grübeln beiseitezuschieben: kein schlechtes Rezept.
Das harte Bergbauernleben ist nur mit Willenskraft und Gewöhnung zu bewältigen, früh verschleißt es die Menschen; überdies rettet sich die ganze Geschichte gerade noch über Spekulation und andere Zivilisationssegnungen. Hier wird keine innere Idylle vorgelogen, denn in fast unmenschlicher Anstrengung rekultiviert und erweitert der Held alleine aufgelassene Flächen, die ihm gar nicht gehören, also in eigentlich ungesetzlicher Landnahme. Trotz Klugheit und Willensstärke kennt er dunkle Regungen, er versteht, handelnd zu hassen, daß es eine Freude ist, aber eben auch seinen Weg unbeirrt zu verfolgen. Keineswegs hinterwäldlerisch, erzeugt er endlich sogar eigenen Strom.
Um ihn herum begegnen tüchtige Frauen mit unangefochtenem Selbstverständnis, selbst Abtreibungsversuche werden unbedenklich unternommen, Untreue, Dorfintrigen, unerfreuliche Machtstrukturen, ein brüderlicher Taugenichts, uneheliche Kinder, aber auch Gäste, entfremdet vom Stadtleben: Nichts wird beschönigt, Lebenswahrheit überall, auch Nebenfiguren erhalten deutliches Profil. Man kann sich der Anteilnahme an ihren Schicksalen nicht entziehen, und das beinahe symbiotische Verhältnis zu den Nutztieren ruft schmerzhaft ihren Mißbrauch in industrieller Produktion ins Bewußtsein.
Nun pflegt Waggerl keinen ausgeprägten Werkstil, eigentlich poetische Mittel begegnen nicht häufig, wie wohl auch im Bewußtsein ländlicher Menschen außer Vergleichen wenig davon zu finden ist. Als konservativ auktorialer, doch bescheidener Erzähler vertritt er den realistischen Hauptstrom seiner Zeit, schildert und beschreibt schlicht, doch anschaulich und lebendig, doch vor allem beherrscht er staunenswert die Kunst, wie sonst nur Stifter, die Psychologie seiner meist wortkargen Gestalten durch nichtsprachliche Kommunikation, Handlungsweisen und Umgebung aufzufächern und zu vertiefen: So geben sich z.B. Interieurs als Seelen-Innenräume zu erkennen. Dialekt wird vermieden, doch wenn gesprochen wird, dann idiomatisch schlicht und kraftvoll. Sentimentalität kann sich niemand leisten, auch die Geschlechter - und mit ihnen der Erzähler - kommen ohne Umschweife zur Sache: '»...kommst du?...« Oh, Eva hat ihm den Apfel gereicht, und er, Adam, hat den Apfel genommen. Werden nun Dornen wachsen in Eben?' So einfach ist das.
Welche Wohltat gegenüber dem endlosen Geschwätz und Geschwafel unserer Tage!
'Brot' ist vergleicht sich als gute Literatur am ehesten wohl mit Hamsun und geriet, wie so manches Wertvolle, sehr zu Unrecht nicht nur gegenüber kurzlebigen 'Berühmtheiten' von heute ins Abseits, sondern auch gegenüber gegenwärtig gefeiert Minderwertigem von ehedem wie Marai. Mäße man den Roman an den Absichten seines Verfassers, so verdiente er 5 Sterne, doch weil seine Welt, die man in der langen Friedenszeit vor dem ersten Weltkrieg anzusiedeln hat, heute eng begrenzt und bis auf Reste entschwunden erscheint, werden die meisten Leser das Paradeigmatische daran verkennen: Fast 5 Sterne.