Für Ledersättel, insbesondere mit Federung konnte ich mich eigentlich sehr lange überhaupt nicht begeistern. Die nostalgische Optik gefiel mir nicht und Federungen hatte ich eher immer zu nachgiebig und unbequem und mit nervötenden Qietsch- und Knarzgeräuschen in Erinnerung.
Aber diese Erfahrungen hatte ich nicht mit einem Sattel von Brooks gemacht, sondern stammten von billigen Sätteln aus meiner Kindheit während der 80er Jahre auf billigen Rädern, deren Komponenten von minderwertiger Qualität waren.
Meine Sättel, an die ich mich noch mit Marke und Modell erinnern kann, sind in der Reihe folgende: Zuerst hatte ich an meinem ersten Mountainbike 1989 einen für mich damals zu breiten Iscaselle Mountain von bescheidener Qualität und Haltbarkeit, der heute vielleicht eher auf einem City- oder Hollandrad eher zu finden wäre.
Diesen Sattel tauschte ich 1993 gegen einen sportlicher und schmaler geformten Selle Royal Uno, der zwar viel besser passte, aber auch irgendwann durchgesessen und abgenutzt war. Jedoch hielt dieser immerhin fast 6 Jahre. Schmerzfreies fahren war aber auf langen Strecken über 60km auch mit ihm nicht möglich.
1995 probierte ich mit dem Vetta TT Trishock meinen ersten Rennsattel, der mir bei meinen breiten Oberschenkeln bisher die beste Bewegungsfreiheit bot und mir schmerzfreie Fahrten bis knapp über 100km ermöglichte. Zudem war er mit seinen etwa 250g sehr leicht Doch nach immerhin 8 Jahren riss er leider an der Rückseite auf und die Kunststoffschale war durchgesessen und machte Geräusche. Schade, denn das edle Titangestell hielt noch immer und sah wie neu aus. Leider gibt es diesen Sattel nicht mehr neu.
Ich brauchte 2003 also wiederum einen neuen Sattel und mein ebenfalls trekkingradbegeisterter Cousin empfahl mir damals seinen Selle Royal Lookin Moderate. Zu der Zeit herrschte der Trend zu Gelsätteln. Aber trotz der im Grunde eigentlich zu Anfang angenehmeren Breite gegenüber dem Vetta TT schmerzte der Sattel im Dammbereich egal bei welcher Ausrichtung des Sattels immer pünktlich nach 3 Stunden bzw. 60km. Zudem heizte sich das Gel im Sommer während der Fahrt wie auch im Stand in der Sonne unangenehm auf. Bei Regen wurde der Sattel unangenehm rutschig und auch dann, wenn man mal vor Anstreungung auf langen sportlichen Touren im Gesäßbereich schwitzte. 2009 war der Selle Royal Look In Moderate an seiner breiten Nase entgültig verschlissen und ich brauchte erneut einen Sattel.
Ich informierte mich im Internet und beobachtete, das in zahlreichen Radforen unter Radreisenden und Tourenfahrern sehr häufig mit Begeisterung der Brooks B17 und sein Brudermodell, der Flyer (der B17 mit Federung) sehr empfohlen wurden.
Auch sollte nach zahlreichen Empfehlungen für die Sattelwahl wie vom ADFC, von SQLab und Selle Royal die Sattelbreite von 17cm für meinen Sitzknochenabstand und meine moderat sportliche Körperhaltung ideal passen, somit weder zu breit und auch nicht zu schmal sein. Um den B17 zu testen begab ich mich 2010 im März zu meinem Stammhändler und auch zu anderen Hädnlern. Der B17 war insbesondere in schwarz zu Beginn der Fahrradsaison wohl nicht ohne Grund restlos ausverkauft. Deshalb griff ich dann als Alternative zu dem schwereren und gefederten schwarzen Brooks Flyer (weil ich den Sattel nicht ohne Testfahrten kaufen wollte, verzichtete ich auf einen Kauf im Internet).
Die Entscheidung für den Flyer bereue ich bis heute keinesfalls!
Vorurteile gegenüber Ledersätteln und wie ich damit umgehe:
"Ledersättel sind hart wie Holz und deshalb unkomfortabel!"
Nein das stimmt absolut nicht. Sättel müssen hart sein, damit sie nicht scheuern. Scheuerungen von zu weichen Sätteln führen sogar zu schmerzhaften Unterleibsverletzungen." Für mehr Komfort ist es aus meiner Sicht das beste, eben eine klassische Sattelfederung oder eine hochwertige Federsattelstütze wie von Cane Creek, Suntour oder Airwings zu verwenden, die zudem auf das eigene Körpergewicht anpassbar sind und somit nur dann federn, wenn es auch erwartet wird. Eine weitere Alternative sind hochwertige, einstellbare und blockierbare Federgabeln oder völlig wartungsfrei und altbewährt breite Reifen ab 37mm aufwärts mit einem auf die Gewichtsbelastung von Fahrer und Gepäck ideal angepaßtem Luftdruck.
Mit der Zeit passte nach etwa 400km der Brooks Ledersattel wie angegossen und ist zudem ein atmungsaktiv, wenn auch tierisches Naturprodukt. Im Sommer und auch im Winter möchte ich den Brooks nicht mehr missen. Auf Sommertouren bildet sich kein Schweißfilm auf der Satteloberfläche. Schweiß und Körperwärme werden sehr gut abgeleitet und im Winter reflektiert das Leder schon nach wenigen Minuten Fahrt die Körperwärme und ich friere im Gesäßbereich nicht mehr. Solche Vorteile kenne ich von keinen anderen Sätteln.
"Ledersättel sind pflegeaufwendig und vertragen keinen Regen!"
So pflegeaufwendig sind Ledersättel auch wieder nicht. Im Gegenteil! Das Fetten kann am Anfang zwar helfen, den Ledersattel schneller einzusitzen. Allerdings läßt sich eine gewisse Patina, damit meine ich eine optische Alterung und Mattung des Leders, leider nicht verhindern, was ich erfolglos versucht hatte.
Die pianolackartige Hochglanzoptik verblasst leider trotz regelmäßiger Pflege irgendwann doch. Übertreibt man es mit dem Lederfett, wird das Leder irgendwann zu weich und verliert an Spannung. Dies ging bei mir so weit, dass mein Flyer durchsackte, läßtige Knarzgeräusche beim Kurbeln erzeugte und der Spannbolzen zumindest anbrach, was bei über 5000km nach nun zwei Jahren geschah. Diese Bolzenschraube konnte zum Glück problemlos ersetzt werden, weil Brooks für alle seine Sättel Ersatzteile bereit hält. Zudem lassen sich die Sättel mit haushaltsüblichem Werkzeug schnell und einfach selbst reparieren.
Eine Regenhaube hatte ich nicht immer Griffbereit. Aber dem Leder hat dies bisher nicht geschadet. Das Lederfett verhindert auch nach langer Zeit noch das Eindringen von Wasser ins Leder und perlt ab.
Wenig und sparsam zu fetten nur wenn es nötig ist, auch mit günstigem und farblosem Schuhfett auf Bienenwachsbasis wie von Erdal, reicht aus und genügt. Es muss nicht das farblose teure Spezialfett von Brooks sein. Aber man sollte es mit dem Fett nicht übertreiben und stattdessen sich an die optische Alterung des Leders gewöhnen.
"Ledersättel sind nicht mehr zeitgemäß!"
OK, modischen Trends scheint sich Brooks nicht zu unterwerfen. Dafür werden sie aber auch in einer langen Tradition von Hand gefertigt und manche Modelle haben sich seit Jahrzehnten und teils auch über einem Jahrhundert bewährt. Warum sollte man etwas radikal aufgeben, was hervorragend und heute fast konkurrenzlos gut funktioniert? Brooks Sättel sind hochwertige Produkte und in ihrer Nachhaltigkeit dank über den Fachhhandel verfügbarer Ersatzteile heute sehr beispielhaft. Viele fahren ihre Ledersättel seit Jahrzehnten oder einen nicht nur einmal vererbten Ledersattel mit großer Zufriedenheit, wenn man Erfahrungsberichten im Internet Glauben schenken darf.
Was die Optik angeht, so ist dies Geschmacksache und beim Geschmack hat man keine Freunde. Mir gefällt heute noch ein Vetta TT oder Selle Italia Classic Flite aus den 90er Jahren, den es ebenfalls seit 2010 wieder gibt, optisch zwar immer noch am besten. Doch meine Bedürfnisse wurden noch von keinem Sattel so erfüllt wie von meinem Brooks Flyer. Für das Rennrad und das MTB überlege ich ebenfalls Brooks Sättel anzuschaffen, eventuell einen B15 Swallow, Swift oder andere Modelle.
"Ledersättel sind sehr schwer!"
OK, im direkten Vergleich zu ähnlich geformten Sätteln anderer Hersteller für den gleichen Einsatzzweck der jeweiligen Modell mögen Ledersättel vielleicht eher schlecht abschneiden. Aber letztendlich muss der Sattel immer zum eigenen Hintern passen und nicht anderen Leuten gefallen. Für einen guten Sitz und Halt auf dem Rad sowie für die Atmungsaktivität und die einmalige Anpassungsfähigkeit der Ledersättel nehme ich gern ein paar wenige Gramm mehr in Kauf. Und wem die Form des Flyers zusagt, nicht aber sein Gewicht, greift stattdessen zum 340g leichteren und günstigeren B17 ohne Federung, auf dem der Brooks Flyer basiert.
"Ledersättel färben ab!"
Ja das tun sie, aber meiner Erfahrung nach nur am Anfang. Irgendwann läßt das nach. Ich trage fast nur schwarze Radhosen oder die zumindest im Bereich des Sattels schwarz sind. Inzwischen kann ich nach über Tausenden von Kilometern auch gelegentlich in einer blauen Jeans problemlos auf dem Sattel platznehmen, ohne das der Sattel abfärbt. Am Anfang, als der Sattel noch neu war, hatte er mir auf einer roten Latzhose einen Abdruck hinterlassen, der sich aber herauswaschen ließ.
Ansonsten fahre ich bis auf diese Ausnahmen immer mit atmungsaktiver und ergonomischerer Radsportbekleidung.
"Ledersättel sind nichts für Vegetarier oder Veganer!"
Das stimmt leider! Echtes Leder stammt von Tieren. Ich argumentiere aber, wenn schon Tiere zum Verzehr geschlachtet werden, sollte man auch alles nützlich Verwertbare nutzen. Leder läßt sich für sinnvolle Zwecke hervorragend einsetzen.
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