Es gibt sehr viele Gründe, dieses Buch zu lesen. Die Sprache ist sehr genau, jedes Wort, jede Pointe passt. Dabei wirkt dies alles wie selbstverständlich und leicht, die Geschichte ist einfach gut erzählt.
Im Kern geht es um die Frage: wie soll man selber mit der NS-Vergangenheit leben? Und konkreter: wie geht das, wenn man zur deutschen Nachkriegsgeneration gehört und zugleich zur jüdischen? Erzählt wird die Geschichte von Hans, einem Abiturienten in Ost-Berlin Anfang der 70er Jahre. Hans ist seit einem Jahr Vollwaise, die Mutter ist schon sehr früh nach seiner Geburt gestorben.
Der Tod des Vaters aber ist der Wendepunkt in Hans' Leben. Erzählt wird im Rückblick, wie es zu diesem tragischen Ereignis kommen konnte. Hans lebte mit seinem Vater allein. Beide entfremdeten sich zunehmend, als der Vater - als - jüdisches- sog. Opfer des Antifaschismus" in der DDR zwar privilegiert, aber nie angenommen gemeinsam mit zwei Freunden, die die gleiche Biographie mit ihm teilen, eher zufällig auf einen früheren Lagerwärter stossen. Die Drei entführen ihn in das Wochenendhäuschen des Vaters und halten ihn dort mit Verhören fest, ohne recht zu wissen, mit welchem Ziel. Hans wird zum Zeugen und gerät zunehmend mit seinem Vater in Gegnerschaft, weil er das sichere Gefühl hat, das die Erwachsenen kein Recht für ihr Handeln haben.
In der gewissen Leere nach seinem Abitur hat Hans bei der Suche nach eigener Identität ein besonderes Problem: er will nicht zum Juden gemacht werden, der immer Opfer des Faschismus bleibt. Damit entfremdet er sich zunehmend auch von seiner Freundin, die als Jüdin aufgrund ihres typischen" Aussehens als Statistin bei einem Film mitwirken darf und keinerlei Problembewusstsein hat. Und dann ist da noch die sehr viel ältere Schwester, die in einem Heim für psychisch Kranke dahin dämmert, aber auch eine eigene Geschichte hat...
Die Geschichte soll nicht zu Ende erzählt werden, aber sie endet tragisch. Ein Buch, über das ich viel nachgedacht habe.