Die gebrochene Lanze (Broken Lance). USA 1954
Mit: Spencer Tracy, Robert Wagner, Richard Widmark, Jean Peters, Katy Jurado, Eduard Franz, Hugh O'Brien, Earl Holliman u. A.
Story: Philip Yordan. Drehbuch: Richard Murphy. Regie: Edward Dmytryk
Bild: Farbe / Technicolor / Cinemascope / 16:9 / gut. Filmdauer: 92 Minuten
Genre: Western > Westerndrama > Ethno > American Natives
Auszeichnungen: Oscar für beste Story
Die obige Kurzbeschreibung entspricht nicht den Tatsachen.
Die Indianer verkörpern in diesem Western großteils angepasste, integrierte Cowboys für den Rancher Spencer Tracy, und sind wie Cowboys angezogen.
Das ist kein Actionwestern, sondern ein inhaltliches Westerndrama mit hintergründigen Botschaften, die wert sind, beachtet zu werden.
Die Konstellation ist interessant, weil es hintergründig immer auch um den Respekt und die Anerkennung geht gegenüber den amerikanischen Ureinwohnern. Sie bewegen sich im Film relativ unscheinbar, doch immer wesentlich. Der Vorarbeiter Two Moons ist immer zur richtigen Stelle, wenn es darum geht, zu helfen, beizustehen. Zunächst findet er im Wasser die Spur der Viehdiebe, welche sich bald darauf als zwei der eigenen Söhne Tracys herausstellen. Etwas später reitet er mit seinen Cowboys heran, um Tracy und seinen Söhnen aus der Patsche zu helfen. Am Ende rettet er Halbblut Joe (R. Wagner) das Leben. Die indianische Gattin von Tracy spielt eine zentrale Rolle in dessen gesamtem Handeln, weil sie den ruhigen Pol verkörpert, der ihm Behutsamkeit und Nachsicht suggeriert, wenn er zu weit geht. Kurz gesagt - die besseren moralischen Werte werden von Indianern vermittelt und vertreten. Je gebildeter und mächtiger die Weissen, umso korrupter und verdorbener sind sie bis hin zum Gouverneur, dem die Freundschaft zwischen seiner Tochter und dem Halbblut peinlich ist, weil jener indianischen Blutes ist. Die subtilen, unterschwelligen Vorurteile der Weißen gegenüber den Indianern kommen immer wieder unscheinbar, aber umso hässlicher zum Vorschein. Gerade aber Joe, das Halbblut, liebt seinen Vater wahrhaftig, und geht für ihn drei Jahre ins Gefängnis, um ihm eine solche Schmach zu ersparen, nachdem er gesehen hat, dass die anderen Brüder ihren Vater fallen lassen. Der alte Rancher zerbricht an der Tatsache, dass seine Zeit vorbei ist, wo er noch das Prinzip des Naturrechtes anwenden konnte. Jetzt, wo die Gesetze gemacht werden zum Zwecke einer rücksichtslosen Ausbeutung des Landes und die Vergiftung des Wassers im Kalkül der Bodenausbeuter keine Rolle spielt, hat auch er als einzelner Kämpfer für Recht keine Chance mehr. Diese Tatsache verkraftet er nicht.
Es geht um Moral und menschlichen Uranstand. Moderne Managmentmethoden offenbaren die Neigung zur Falschheit, Müßiggang und Korruption. Drei Söhne des verstorbenen Großranchers leiten die Viehgeschäfte von der Stadt aus, pressen ihre indianische Stiefmutter ins Reservat zurück - das Ranchgebäude verkommt. Nur das Halbblut verkörpert die natürliche Lebens- und Arbeitsweise nach dem Beispiel des verstorbenen Vaters.
Die drei Halbbrüder wollen ihn loswerden und weit von dannen schicken, mit Geld abspeisen und kaltstellen. Doch als sein rechtmäßiger Sohn widersetzt er sich den destruktiv-egomanischen Bestrebungen der schurkischen Brüder. Im Nachhinein kann man die despotisch strengen Manieren des Vaters aus der Vergangenheit kritisieren. Trotzdem ist es Tatsache, dass er zusammen mit seinen Söhnen eine gesicherte Existenz geschaffen hat, letztlich garantiert auch für sie selbst. Wenn ihn drei der Söhne insgeheim hassen, so nicht infolge der schlechten Erfahrungen aus der schweren Vergangenheit, sondern aufgrund ihrer Gier, als seine Erben mühelos reich zu werden. Denn all ihre Pläne, welche sie gegen ihren Vater und den indianischen Halbbruder schmieden, dienen nicht dem Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit, sondern eigensüchtigen Interessen. Und es ist von der Handlung her klar, dass Matt Devereaux ein Herrscher mit rauhen Sitten ist, aber ein gerechter, der auch einem streunenden Wolf sein Lebensrecht gönnt. Diese rauhe Gesittetheit, die vorbehaltlose Bejahung der indianischen Ethnie, des Landes, der Einheit mit dem Lebenskreis, das alles unterscheidet ihn von den drei Söhnen, welche die neue Zeit verkörpern, voller Gier nach schnellem Reichtum, sowie Vorurteile gegenüber bewährten Prinzipien, Indianern und alten Gebräuchen.
Sämtliche Hauptdarsteller agieren gut in dieser komplexen Auseinandersetzung. Spencer Tracy ist ganz glaubwürdig in seiner Patriarchenrolle und spielt den am Ende verbitterten Helden sehr solide. Die von Anbeginn souverän spielende Jean Peters, die bedauerlicherweise 1955 ihre Filmkarriere freiwillig beendete. Katy Jurado für Oscar nominiert. Robert Wagner unaufdringlich stark. Richard Widmark gewohnt faszinierend in der Riege komplexbehafteter Figuren. Fast alle erweisen sich als sehr gute Reiter, vor allem Spencer Tracy, dessen erstklassige Reitfähigkeit verblüfft.
Nun könnte man gewiß dem Film Dialoglastigkeit zuweisen, wenn man ihn als Actionwestern wünschte. Wenn man aber dem Film erlaubt, seine dramatische Geschichte zu erzählen, dann erweist er sich als ein sehenswertes und denkwürdiges Westerndrama mit humaner Botschaft.
Als Tracy halbtot an seinen drei unverbesserlichen Söhnen vorbeireitet, kommt einem schon die Gänsehaut hoch.
Schön, wie beim christlichen Begräbnis auch die Indianer aus naher Entfernung mit Trommel und Gesang die Zeremonie begleiten.
Robert Wagner bohrt beim Begräbnis die Lanze in den Boden, weil er Blutrache will. Er macht seine drei Brüder für den Tod des Vaters verantwortlich. Seine Mutter und gleichzeitig Stiefmutter der Dreien verbietet ihm jedoch, sich gegen seine Brüder zu wenden. Der ihm im Finale aufgezwungene Zweikampf mit Widmark ist mit guten Stunts packend choreographiert. Die Lanze wird am Ende als Zeichen des Friedens und der Versöhnung (vor allem mit sich selbst) gebrochen - Die gebrochene Lanze. Oscar für beste Story wohlverdient.