Das musikalische Schaffen der 1995 gegründeten Würzburger Progressive Metal-Band Crises steht auf deren ersten kompletten Album „Broken Glass" ganz im Zeichen von Vorbildern wie Fates Warning und vor allem Dream Theater. Diverse Einflüsse von der Crème de la Crème des Progressive Metal machen die Überzeugungskraft von Crises aus, bilden aber auch einen kleinen Kritikpunkt wegen mangelnder Eigenständigkeit. In Sachen Instrumentenbedienung ist die Band in Gitarren-Keyboard-Besetzung über alle Zweifel erhaben. Schon bevor der Opener SAVE ME in die erste Strophe startet gibt es eine Kostprobe des anspruchsvollen Feuerwerks, das in den acht Songs abgebrannt wird: heavy Gitarrenriffs, spannende Keyboard-Teppiche, ein kurzes virtuoses Gitarrensolo und schon der erste Rhythmuswechsel. Alle Elemente, die einem Prog-Fan Freude bereiten, werden mit größter Exzellenz vorgetragen und fügen sich optimal und songdienlich in die Kompositionen ein. Rhythmische Finessen, Soli - durchaus auch mal von einer Portion Double Bass begleitet - und präzise Läufe führen einzelne Songsegmente passgenau ineinander, kein Rhythmuswechsel wirkt übertrieben oder deplatziert. Insbesondere die Instrumentalparts klingen wie direkt aus Dream Theaters Jam-Sessions für „Images And Words" oder „Awake" entnommen; der Keyboardstil ähnelt stark und durchaus gekonnt dem eines Kevin Moore. Über ihr spielerisches Können hinaus bieten Crises auch in Sachen Songwriting ganz großes Tennis. Zur großen Bandbreite gehören einerseits eingängige, relativ straighte Songs wie SAVE ME oder THE ONLY ONE, das mit einem ohrwurmartigen Heavy-Rock-Refrain samt toller Backings-Arrangements ausgestattet ist und im Gesamteindruck an Yes der 80er Jahre und auch ein wenig an Rush erinnert. Das etwas komplexere THE BLAME besticht dagegen durch längere Spannungsbogen; und das ebenfalls episch angehauchte IN MY SLEEP mit großartig eingängigem Refrain ist gleich von einem balladesken Rahmen eingefasst. Das wunderbare LAST CANDLE mit toller dynamischer Entwicklung könnte auf Fates Warnings „Parallels"-Album Platz haben. Das philosophisch nachdenkliche DROPS OF RAIN („Do you know, Where our life comes from? Answers from man, are like drops of rain, drying in the sun...") mit lautmalerischen Regentropfen ist mit seiner getragenen Atmosphäre und dem lang gestreckten Refrain ein prima Schlusspunkt des Albums. Auch bei der sich zu expressiven Höhepunkten steigernden Ballade AM I AWAKE haben sich Crises ein Beispiel an Dream Theater genommen und alles andere als eine Standardballade entworfen, wenngleich Atmosphären wie in „Another Day" natürlich nicht erreicht werden.
Jeder Song für sich ist ein kleines Kunstwerk; und der 20-Minuten-Kracher CRISES - DESCENT INTO PARADISE gleich ein ganz großes. Viele überzeugende Parts reihen sich in komplexen Arrangements aneinander, gespickt mit zauberhaften Breaks, faszinierenden Rhythmus- und Tempospielchen sowie unter die Haut gehenden Melodien, die in einigen magischen Momenten gipfeln.
Es bleibt nach den 67 Minuten Spielzeit voller progressiver Feinkost der kleine Makel, dass man die Marke „Crises" am allerbesten mit besagten Prog Metal-Bands beschreiben kann, die es halt eben schon gibt. Der ausgeprägte individuelle Stil lässt auf der Suche nach der deutschen ‚Antwort' auf Dream Theater den Pfälzern Vanden Plas doch noch ein Stückchen die Nase vorn, wenngleich sich Crises mit komplexeren und anspruchsvolleren Strukturen befassen. Außerdem spielt Russel Gray am Mikrofon nicht in einer Liga mit James LaBrie, Ray Alder & Co., da seine Stimme nicht so facettenreich ist und in hohen Lagen ein paar Schwächen offenbart. Anno 2005, ohne festen Keyboarder und mit neuem Sänger, haben Crises mit „Cubical" inzwischen ihren Pfad übrigens leicht korrigiert - ein wenig weg von vertrackten Kompositionen hin zu eingängigerem Songwriting und breiter beeinflusst. Nichtsdestotrotz besteht auch bei „Broken Glass" zu keinem Zeitpunkt die Gefahr von Plagiat. Denn die Songs auf „Broken Glass" klingen in den wenigsten Fällen nach Kopien, sondern sind der beeindruckende Beweis, dass Crises ein komplettes Album mit einer Kreativität tatsächlich beinahe auf Dream Theater-Niveau komponieren konnten. „Broken Glass" bleibt trotz - oder gerade wegen - der durchgängigen Marschroute „Dream Theater & Co." für Fans eben dieser Prog Metal-Götter ein ganz heißer Tipp.