Gebrochene Blüten (Broken Blossoms or the Yellow Man and the Girl). USA, 1919
Mit: Lillian Gish, Richard Barthelmess, Donald Crisp u. A. Regie: David Wark Griffith
Literarische Vorlage: nach der Erzählung "The Chink and the Child" von Thomas Burke (GB)
Der Stummfilm Broken Blossoms von D. W. Griffith vermag im Rahmen seiner zeitbedingten Kriterien eine Bedeutung zu haben, jedoch nicht im allgemein qualitativen Sinne. Im letzteren Fall besitzt er viel zu viele Mängel und klischeebelastete Tendenzen.
Der chinesische Jüngling, der als eine Art buddhistischer Missionar China verlässt, um sich in London zu bewähren, wird gemäß Griffiths Vorstellungen sehr blaß und schwächelnd dargestellt. Schon im China versucht er gemäß den pazifistischen Idealen des Buddhismus einen Streit zu beenden. Vermittelnd und beruhigend setzt er sich ein für die Beilegung des Konfliktes und wird im Nu zu Boden geschleudert.
In dieser Art mögen Westler früher die Chinesen angesehen haben, wohl aber sind Chinesen nie so gewesen. Was stört, ist das stereotype Bild des buddhistischen Chinesen. Wenn er schon Buddhist ist, dann muß er auch total sanftmütig, gewaltlos und aufgrund dessen auch schwach, blaß, unmännlich und wehrlos sein. Und solch ein Chinese wird in London zertreten - sein deprimierendes Ende ist vorhersehbar, was zu Lasten der filmischen Dramatik geht.
Obwohl Lillian Gish wahrlich eine wunderbare Schauspielerin ist, so wurde sie vom Regisseur in diesem Film zu einer putzigen Puppe umgeschminkt, welche als die Tochter eines Brutalos die Leidensmiene aufzuziehen hat bis zum Exzess. Diese Szenen sind derart lang, dass sie die Handlung verkitschen. Als der Vater dem Mädchen befiehlt, dass es lächeln solle, so vermag das mißhandelte Mädchen die Lippen ausschließlich mittels der Finger zu verziehen. Es geht hier um einen visuellen Effekt, der weit jenseits der Realität steht. Ein selbst erzwungenes Lächeln wird wohl auch ohne die Hilfe von Fingern zu bewerkstelligen sein. Was der Regisseur dem Zuseher suggerieren will, ist die Tatsache, dass das Mädchen keinen Grund zur Freude hat und infolgedessen nicht in der Lage ist, zu lächeln, auch wenn es das will. Da aber Lillian Gish im Film die Finger mehrmals zu Hilfe nimmt und darin das hilflose Opfer leidlich überhöht, wirkt die Geste aufgesetzt.
Weiters ist der Gang des chinesischen Jünglings in London derart vermeintlich orientalisiert, dass es wiederum einen lächerlichen Eindruck macht, wie er geht. Er geht nämlich in kürzesten Schritten, mit nach innen gebogenen Beinen, wie ein Waschlappen und kein Mann. Auch das die Form, wie der Regisseur einen Chinesen ansah. Der amerikanische Schauspieler, welcher den Chinesen mimte, hat eben alle Anstrengung aufgewendet, um den Gang eines Chinesen möglichst falsch und klischeebehaftet zu persiflieren. Darin aber will wiederum vermeintlich die Friedfertigkeit des Buddhisten visuell in Erscheinung treten. Einer, der so geht, langsam, bedarflos, absichtslos, muß erstens einen solchen Gang haben, und zweitens, ein friedliebender Mensch sein.
Im krassen Gegensatz dazu, der Vater des Mädchens als Ultraprimitivo und seelenloser Brutalo. Die Gestik der Mundpartien mit der hängenden Lippe auf einer Seite, der Boxkampf mit dem alles niederfäustenden Totschläger (lächerlichst aussehende Boxszenen). Klar, dass Lillian Gish alle Register einer inflationären Angstmimik zu ziehen hat, wodurch der Anspruch der Ernsthaftigkeit ins Lächerlichste gezogen wird.
Hat denn ein Stummfilm die Notwendigkeit zu übertreiben, nur weil ihm die Möglichkeit akustischer Mitteilung abgeht? Nein, es ist das Gegenteil. Der Stummfilm hätte die besten Voraussetzungen mittels sparsamer aber deutlicher Bilder zu zeigen, was Sache ist. Eine Überladung der Dramatik mit ständig sich wiederholenden Stimmungssequenzen verdirbt den cineastischen Wert und lässt die Gesamthandlung verschwimmen.
Wenn ein Stummfilm so gemacht wird, so muß er in einer Tragödie enden. Statt dass der chinesische Held das Mädchen wirksam schützt, bekniet und beweihräuchert er es endlos mit seinen schmachtenden Gesten. In eine solche Geschichte gehört mehr Pfeffer und nicht der Gang in die Katastrophe.
Das hat Griffith in diesem Film nicht begriffen.