"Ich selbst bin ein Nichts, aber ich tue mein Nichts mit einem Stückchen von allem zusammen." Das schreibt 1840 der französische Schriftsteller Victor Hugo in seiner "Rheinreise" und 169 Jahre später wählt diesen Satz ein gleichfalls französischer Autor als voranführendes Zitat seines neuen Romans. Philippe Claudel, der bereits mit "
Die grauen Seelen" (2004) oder "
Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung" (2006) das Thema des Krieges, der Vertreibung, der Fremde zum Gegenstand seiner Erzählung wählte, gelingt erneut ein eindrucksvoller, beklemmender und erschütternder Roman.
"Ich heiße Brodeck, und ich kann nichts dafür." In diesem kurzen, aber gleichwohl äußerst expressiven Satz, der Claudels Roman einrahmt - er beginnt und endet mit diesen Worten - wird knapp, aber vollendet das gesamte Hauptthema umrissen: Schuld, Verantwortung, Unrecht, Trauer, Leiden, Scham, Schweigen, Renitenz, Animositäten und Wut. Entstanden ist eine schwergewichtige Parabel über den Krieg und seine Folgen, das Vergessen und Erinnern sowie die Definition des Heimatbegriffs. Der Ich-Erzähler Brodeck ist von den Dorfbewohnern auserkoren worden, einen Bericht, eine Chronik der Ereignisse über ein schreckliches "Vorkommnis" zu schreiben und somit die Schuld und Sühne der Menschen abzuwaschen und ihr Vergehen als ein gerechtes, ja notwendiges Agieren zu deklinieren. Es geht um den gewaltsamen Tod, den Mord an einem geheimnisvollen und vieldeutigen Mann, der als "Fremder", "Anderer", als "Hergekommener" in die Gemeinschaft "eingebrochen" ist und ihr homogenes, abgegrenztes Gefüge empfindlich gestört hat, indem er ihr einen Spiegel vor die Nase hält und ihre Schuld durch die Betrachtung der eigenen "Fratze" an die Oberfläche holt.
Brodeck wurde dereinst selbst Opfer (un)menschlicher Verhaltensweisen der Dorfbewohner, als es darum ging während der deutschen Besatzung das Dorf zu "säubern". Denn auch er kam dereinst - zwar noch ein Kind - als "Fremder" in diese Gegend. Durch einen Verrat verbrachte er zwei Jahre in einem Konzentrationslager, wo er nur überleben konnte, indem er sich ständig demütigen ließ. Während er an dem offiziellen Bericht schreibt, brechen alte Wunden auf. Brodeck erinnert sich und verfasst nebenher ein zweites, wesentlich längeres Schriftstück: ein literarisches Dokument der Geschehnisse und Reflexionen. In unsteten Rückblenden, unregelmäßiger zeitlicher Abfolge, beinahe gestaltloser Form, mit kurzen, knappen Sätzen und einfachen Worten, jedoch einer ungeheuer intensiven und wunderbaren Sprache, sanft und gleichzeitig kraftvoll, poetisch und hintergründig, ein Gemisch aus Gerüchen, Geräuschen und visuellen Reizen, die Christiane Seiler wunderbar ins Deutsche übertragen hat, erzählt Philippe Claudel alias Brodeck seine Geschichte und setzt sie wie ein Puzzle oder bizarres Mosaik nach und nach zusammen.
Der Zweite Weltkrieg, die deutsche Okkupation, Pogromnacht und Holocaust sind die - ohne klar benannt zu werdenden - deutlich erkennbaren, alles bedrohlich überschattenden Themen. Claudel wählt dafür metaphorische Bezeichnungen. So sind die deutschen Besatzer die "Fratergekeime" und der "Kazerskwir" ist eindeutig als Konzentrationslager zu erkennen. Letztendlich kann dieser fiktive Roman überall auf der Welt angesiedelt sein und ist leider auch heute noch erschreckend aktuell.
Fazit:
"Nicht immer gibt es die Dinge wirklich, die man in Büchern findet. Manchmal lügen die Bücher...", stellt der "Andere" in einem Gespräch mit Brodeck fest. Philipp Claudels Buch kommt trotz seiner Fiktion der Wahrheit erschreckend nahe. Denn der Mensch ist zwar groß, aber manchmal ist er sich selbst nicht gewachsen.
Ein eindringliches, ein großartiges Buch.