Hinweise auf Bücher
Kant contra Eberhard
upj. Diese Arbeit hervorgegangen aus einer Münchner Dissertation enthält die Analyse von Immanuel Kants Streitschrift gegen den Schriftsteller Johann August Eberhard (17391809). Dieser stellte sich, durch das Erscheinen von Kants «Kritik der reinen Vernunft» philosophisch provoziert, an die Spitze der Vertreter einer Ontologie, die sich vor allem rückwärts, am Dogmatischen Rationalismus eines Leibniz, orientierte. An der sich nun, 1790, erbittert entwickelnden Kontroverse zwischen der «neuen» Philosophie gemeint ist der noch junge Kritizismus Kantscher Prägung und den Vertretern der Leibniz-Wolffschen Tradition hier taten sich neben Eberhard vor allem Johann Christoph Schwab (Stuttgart) und Johann Friedrich Flatt (Tübingen) hervor lassen sich gleichsam die Fallgesetze der akademischen Erneuerung studieren. Die Eberhardianer vertreten das philosophische Establishment, das sich durch Kant und seine Anhänger gleich mehrfach bedroht fühlte: philosophisch durch Kants Aufforderung, das Geschäft der Kritik sei vor aller Metaphysik durchzuführen; psychologisch und institutionell durch die Notwendigkeit, umzulernen und sich mit einer neuen «Schule» abzufinden.
Aus dem jüdischen Wilna
tsp. In seiner entsetzlichen Einsamkeit legt Schuster Prenzik einen Zoo an, um Gott und der Welt zu beweisen, dass man verschiedene wüst hässliche Geschöpfe des Tierreichs wie in der Botanik kreuzen und veredeln könne. Kein selbstloses Unternehmen «auch ihn selbst, den Schuster, hätte der Allmächtige durchaus etwas gleichmässiger herausbilden dürfen, als er ihn schuf, und ihn nicht so belassen müssen, wie er jetzt war: ein Auge näher am Ohr als bei der Nase». Prenziks Experiment scheitert, wie auch die Hoffnungen von Lejke der Schwarzen, einem Mädchen aus dem Wilnaer Bordell, zunichte werden oder die selbstbemalte jüdische Währung eines Tages gefälscht wird und so ihren Wert verliert. Abraham Karpinowicz lässt in seinen Erzählungen das jüdische Wilna mit seinen Luftmenschen, seinen Meschuggenen, mit seinen phantastischen Begebenheiten wiedererstehen, vor allem aber mit dem ganz eigenen, von Melancholie wie Ironie, von drastischer Zartheit getragenen Ton des Jiddischen. «Wilna hat uns für immer geprägt.» Das Wilna aber, von dem Abraham Karpinowicz erzählt und in dem er 1918 geboren wurde, haben die Deutschen für immer zerstört, seine jüdischen Bewohner vertrieben und ermordet. Die Zerstörung einer ganzen Welt zerschneidet seine Erzählungen wie, auf ganz andere eigene Weise, die Texte seines Landsmanns Abraham Sutzkever. Johannes Luzius Brosi aus Klosters, der heute in Oxford Jiddisch lehrt, hat die Erzählungen aus dem jüdischen Wilna angemessen übersetzt, ihnen einen Ton gelassen, der das Original zu Gehör bringt, und mit instruktiven Anmerkungen versehen.
Frankreich im Spiegel seiner Schriftsteller
P. Sc. Paris wird für einmal ausgelassen; dafür kommen die Provinz mitsamt Korsika und Übersee zum Zuge. Der Leser entdeckt bekannte und unbekannte Orte, Städte, Gegenden: die Touraine (mit Balzac), Nohant (mit George Sand), die Kathedrale von Bourges (mit Stendhal), die sanfte Beauce (mit Zola). Und Vierzon mit Alain-Fournier, Combray mit Proust. Aber er braucht sich nicht ausschliesslich im «Centre» aufzuhalten. An allen Regionen Frankreichs orientiert sich diese Anthologie, auch ein handfester «Guide littéraire», der den Beweis erbringt, dass es neben (aber auch vor und nach) einer Reise auch eine literarische Auseinandersetzung mit besuchten (zu besuchenden) Orten geben kann, die deren Wahrheit miterschliessen hilft. Kartenskizzen, Orts- und Schriftstellernamen (mitsamt Porträts) veranschaulichen die literarische Reise. Kurze Biographien ermöglichen ferner, die zitierten Autoren zu situieren. Von dieser anregenden Textsammlung wurden Essay, Theater und Lyrik ausgeklammert: vielleicht brachliegendes Material für weitere Anthologien diese nicht zu unterschätzenden Orientierungshilfen in nachrichtengesättigten Zeiten wie der unsrigen? Vielfalt japanischer Musik heute
zm. Eine Publikation der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens befasst sich in einer Reihe von Einzelaufsätzen mit den verschiedensten Aspekten von Musik im heutigen Japan. Der an der Osaka-Gakuin-Universität lehrende Schweizer Musikwissenschafter Silvain Guignard als Herausgeber verstand es, hier alle Seiten heutiger Musikpraxis in Japan aufzuzeigen, von der Pflege der traditionell überlieferten Musik über die Dominanz der traditionellen westlichen Musik, die wichtige Stellung der Japaner in der westlich ausgerichteten avantgardistischen Musik, die amerikanisch beeinflusste Popmusik bis zu Schlagern verschiedenster Provenienz und zur Karaoke-Praxis, der seit zwei Jahrzehnten herrschenden musikalischen Modeerscheinung, die im Westen nicht ohne Echo blieb. Es ist erklärte Absicht, mit der Darstellung der wesentlichsten Einzelphänomene ein möglichst vollständiges Bild zu vermitteln, sich dabei auch an ein breites, fachlich nicht spezialisiertes Leserpublikum zu richten. Das ist bestens gelungen; einzig das Fehlen des geplant gewesenen Beitrags über den Jazz in Japan ist zu bedauern. Auf geschichtliche Grundlagen vor 1868, vor Beginn der Meiji-Zeit, wird nur eingegangen, wo nötig, zum Beispiel wenn der Schweizer Andreas Gutzwiller über die Entwicklung der Shakuhachi-Musik berichtet. Akkulturationsprobleme in Kunst- wie Unterhaltungsmusik erörtern vor allem japanische Autoren. Alle Übersetzungen (aus dem Japanischen oder Englischen) sind tadellos und trotz oft komplexen Verhältnissen ausgesprochen leicht lesbar.
Genf im Morgenlicht?
lx. Aufforderungen zu Objektivität und Wahrheit klingen jenen, die sich einer skeptischen Denkhaltung verpflichtet fühlen, nicht nur angenehm im Ohr. Noch dazu, wenn es sich um die «Wahrheit» über eine Stadt handelt, die so vielgesichtig ist wie die Rhonestadt Genf. Was also ist das Anliegen des Genfer Theologen Henry Babel? Es geht um nicht weniger als um die Skizze einer Philosophie der Geschichte der Stadt Genf denkerisch gleichsam zwischen Hegel und Jacques Maritain angelegt. Ausgehend von einem «Genfer Paradoxon» will heissen, dass die Geschichte der Stadt Genf in keinem Verhältnis zur gegenwärtigen Bedeutungslosigkeit der Rhonestadt stehe , ruft Henry Babel in Erinnerung, was einmal von Genf ausgegangen ist. Der Rousseauismus hat von Genf her die Welt erobert; der «Contrat Social» hat zum «ersten Laboratorium der modernen Demokratie» geführt; die Diderotsche Enzyklopädie widmet der Stadt Genf einen viereinhalbseitigen Artikel (und nur einen eineinhalbseitigen ganz Frankreich); nicht zu vergessen der Wirtschaftsmotor des Calvinismus; Voltaire, Sismondi, Henry Dunant, Jean Piaget . . . Kurz: Die Wahrheit über Genf besteht darin, dass es «seinen Geist» wieder finden und «in die Zukunft» richten müsse.
Schlüsselloch zum Schlüsselwerk
ms. Eher einen Blick durchs Schlüsselloch als den versprochenen «Schlüssel zum Werk Helmuth Plessners» bietet Gerhard Arlts «Anthropologie und Politik». Die Darstellung bemüht sich zunächst um die getreue Wiedergabe der frühen Arbeit über die «Einheit der Sinne», ein «merkwürdiges und auf den ersten Blick irritierendes Gebilde». Arlt gelingt es, das philosophische Anliegen dieses Entwurfs zu vergegenwärtigen, wird aber von dessen Zug ins systematisch Zwanghafte affiziert, so dass die Lektüre einige Ausdauer verlangt. Der Abschnitt über die anthropologischen Schriften fällt gemessen an deren Gewicht zu kurz aus und hätte durch einen Vergleich mit konkurrierenden Entwürfen an Profil gewonnen. Der «Geschichte, Gesellschaft, Politik» überschriebene zweite Teil der Arbeit gewinnt an Schwung und enthält interessante Querverweise auf Merleau-Ponty und Foucault. Arlt beklagt, dass der Nazi-Mitläufer Gehlen die anthropologische Debatte beherrsche, während Plessners tiefsinniger Beitrag noch weitgehend exiliert sei: «Nur eine moralische Frage? Auch eine Frage deutscher Geisteskultur (. . .)», heisst es im Buch. Das Bedürfnis, Plessner Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist ehrenwert. Doch wäre ihm mit einem konzentrierten Essay wohl mehr gedient gewesen als mit dem gehetzten Besichtigungstermin, zu dem die Studie leider geraten ist.
Streiflichter auf Stanislav Lem
rbl. Die Zeitschrift «Juni» hat aus Anlass des 75. Geburtstages von Stanislav Lem (21. September) in ihrem jüngsten Heft ein Dossier zum polnischen Science-fiction-Autor zusammengestellt. Dass der inzwischen berühmte Unbekannte und vielgelesene Geheimtip mit seinen futuristischen Romanwelten nur gerade den Eskapismus phantastisch veranlagter Gemüter bediene, mag ein verbreitetes, aber im vorliegenden Heft nachdrücklich widerlegtes Vorurteil sein. In seiner «Metaphysik des Kriminalromans» zeigt Bernd Gräfrath, wie Lem in seinem Antikriminalroman gleichsam das in der Gattung reproduzierte Wissenschaftsverständnis des 19. Jahrhunderts (keine Wirkung ohne Ursache) unterläuft und als noch heute wirkungsmächtige Sehnsucht nach geregelter Ordnung entlarvt. Dieter Mersch weist in seinem Beitrag auf das zeitkritische Potential in Lems Science-fiction-Erzählungen hin: Die technische Bewältigung menschlicher Unvollkommenheit endet nicht etwa in der umfassenden Beglückung des Universums, vielmehr kippt sie in den Totalitarismus technischer Dämonologie um. Lems Science-fiction liest sich daher nicht als naive Verlängerung der Gegenwart in die Zukunft, vielmehr als «parodistische Metaphern des Unheils der Perfektion». Wie rigoros sich Lems Kalkül der fingierten Authentizität und authentischen Fiktion auch der Vergangenheit zuwenden kann, belegt Thomas Taterka in seinem Essay zu Lems «Provokation». Lem rezensiert darin das fingierte Werk des fingierten Historikers Horst Aspernicus über die anthropologischen Zusammenhänge des Völkermords im Zweiten Weltkrieg. Die Provokation liegt in der Quintessenz des rezensierten Werks: der Holocaust stelle nicht einen einmaligen Zivilisationsbruch dar, sondern liege durchaus im Bereich der Entwicklungslinien dieser Zivilisation. Die so unterschiedlichen Beiträge des Dossiers weisen damit dezidiert auf den Fokus von Lems Werk hin: Aufklärung und Zivilisationskritik.
Moralische Strapazen
rox. Wiewohl längst strapaziert, garantiert das Wort «Moral» im Titel einer Publikation noch immer ein interessiertes Lesepublikum. Anders wäre es wohl kaum zu erklären, dass ein Reader, der erstmals 1993 erschienen war und ein rundes Dutzend unterschiedliche Erkundungen zur Gegenwartsmoral enthielt, nun, drei Jahre später (und «aktualisiert», wie der Fischer-Verlag versichert), nochmals erscheint. Neben Beiträgen von Paul Virilio er plädiert für eine «Ethik der Wahrnehmung» und Jean Baudrillard, der bestreitet, dass irgendein moralisches Postulat in einer zerfallenden Gesellschaft noch Bedeutung haben könne, ist der illusionslose Beitrag des jungen Exil-Rumänen Rudolf Herbert wohl am informativsten. Seine «moralischen Splitter aus Rumänien» beschreiben das nach dem Untergang einer staatlich vorgegebenen «Moral» entstandene Orientierungschaos. Der kommunistische Repressionsapparat hatte die Menschen über Jahrzehnte in eine doppelte Existenz hineingezwungen; man schwieg und war doch Täter und Opfer zugleich. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus habe sich keine neue «moralische» Ordnung, sondern Verstörung und Egoismus breitgemacht. Ein «moralischer» Ausgang aus der Unmündigkeit sei nicht auszumachen.
Das Jahr 1995 enzyklopädisch
haj. Zum drittenmal liegt das Jahrbuch der Brockhaus-Enzyklopädie vor, welches durch die lexikographische Erfassung des abgelaufenen Jahres den aktuellen Wissensstand des Nachschlagewerks sichert. Eingeleitet wird der Band durch einen Essay von Antje Vollmer, der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Sie beginnt mit der Erinnerung an das fünfzigste Jahr nach Kriegsende und endet mit dem Dayton-Abkommen. An die übersichtliche Chronik der Jahresereignisse schliesst der eigentliche Lexikonteil von «ABB Daimler-Benz Transportation» bis «Zypern» an, in welchen 14 vertiefende Essays von Fachspezialisten eingestreut sind. Da schreibt etwa Hans Koschnick, EU-Administrator in Mostar, über «Die Auswirkungen von Beschlüssen der internationalen Organisationen auf die Menschen in Bosnien und Herzegowina», Peter W. Jansen analysiert «Hundert Jahre Kino», Dietrich Ritschl berichtet über «Medizinethik in der Kontroverse», und Hanna Suchocka beleuchtet «50 Jahre Nachkriegsentwicklung aus polnischer Sicht». Die Verteilung der verschiedenen Bereiche (Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft) ist ebenso ausgewogen wie die Berücksichtigung der einzelnen Länder; der Schweiz sind dreieinhalb Spalten eingeräumt. Der nützliche Band wird abgeschlossen durch ein Verzeichnis der 1995 Verstorbenen und ein Personenregister.