Das Schlechte an Bachs Passionsvertonungen ist, daß sie so großartig sind, daß andere Werke dieses Genres im Musikleben lange keinen Platz hatten, obwohl sie auch sehr gut sind, aber eben musikalisch und theologisch nicht an Bach heranreichen.
Das gilt auch für diese Passionsvertonung von Telemann. In der Überschrift zur Einführung, die den 2 CDs (neben einem Heftchen Werbung) beiliegt, wird sie als "absolutes Meisterwerk" bezeichnet. Das würde man nicht schreiben, wenn es sich beim Hören von selbst zeigen würde. Auch der Dirigent scheint von dem Werk nicht ganz überzeugt zu sein, sonst hätte er nicht etliche Nummern "aus Gründen der dramatischen Geschlossenheit" gestrichen.
Telemann hat nicht den Bibeltext, sondern die damals beliebte Nachdichtung von Brockes vertont. Ob Sätze wie "Mein Eingeweide kreischt auf glimmen Kohlen!" große Literatur sind, mag jeder selbst entscheiden. Jedenfalls entfällt hier die Grenze zwischen biblischer Geschichte und Betrachtung; auch Petrus, Maria und Jesus singen Arien. Die Stärke - oder jedenfalls das Typische - von Text und Musik ist die opernhafte Theatralik, die bei dieser Aufnahme durch die Interpretation noch verstärkt wird.
Das Orchester spielt auf alten Instrumenten im historischen Stil. Die Sänger (Chor und Solisten) singen aber eher "konventionell". Das geht über weite Strecken erstaunlich gut zusammen, wenn auch der Chor teilweise sehr breit und behäbig wirkt. Unangenehm empfand ich mindestens eine der zwei Sopranistinnen (es ist nicht genau angegeben, wer was singt): angestrengt und schrill in der Höhe, mit zu viel Vibrato in der Mitte und schwach in der Tiefe.
Ansonsten: ein Meisterwerk, ja, aber kein absolutes.