Man mag die Erzählung Manns für symbolisch überhöht, den Visconti-Film für symbolisch überdehnt halten, die Britten-Oper jedoch als Beweis gelten lassen, dass eine Bearbeitung das Original ästhetisch übertreffen kann. Man kann sie sein Vermächtnis nennen, seine persönlichste Kreation, oder auf dem Teppich bleiben: Klangsprachlich passt das nicht in die 70er, aber Britten war schon immer eine Kategorie für sich und nie Neue Musik, obgleich jünger als Cage. Musikalisch ist er noch gewiefter, tiefgründiger als sein 1945er Geniestreich "Peter Grimes". Wer hätte damals gedacht, dass dieser Stoff opernfähig ist? Die ersten zehn Minuten scheinen zunächst den Verdacht zu bestätigen, dass es da gar nichts zu bebildern gibt. Doch eines wird, sehr selten bei Opern-DVDs, offensichtlich: Robert Tear ist auch ein guter Schauspieler. Selbst bei Nahaufnahmen überzeugt er (es handelt sich um die extra für die DVD aufgenommene Version ohne Publikum) als zerrissener, zaudernder Schriftsteller, der in Venedig strandet, kleben bleibt wegen eines minderjährigen Schönlings aus Polen, sich zum Affen macht und ein Toupet zulegt, der Cholera erliegt, obwohl er es hätte besser wissen müssen. Wenig Handlung für über zwei Stunden, möchte man meinen. Trotzdem kriegt Britten das mit Bravour hin. Die Inszenierung gewinnt an Kontur, wenn Aschenbach seine erste Strandbeobachtung anstellt und Tadzio sowie andere Jugendliche - allesamt behutsam choreographiert - beobachtet, studiert. Die Partitur wechselt hier ins quasi Balinesische, gamelanartige, gewinnt tänzerische Qualitäten. Und wer hätte gedacht, dass BB mal eine Zwölftonreihe verwendet, obwohl man das praktisch nicht merkt, kein Schönberg-Sound, und das ist auch gut so. Dann wäre da noch das Serenissima-Motiv, das keiner vergessen kann, der diese Oper gehört hat. In diesem Fall auch gesehen. Aschenbachs Verführer kommt in Gestalt verschiedener Personen auf ihn zu, macht ihm erst das Reisen schmackhaft, wird zum ältlichen Geck (kennt jemand dieses Wort noch?), zum unberechenbaren Gondelfahrer, zum schmierigen Hotelier, zum allzu kundenfreundlichen Friseur. Diese Begegnungen würzen diese Geschichte ungemein, sonst hätte man es fast mit einer Mono-Oper zu tun. Das letzte Drittel hätte man - ja, das klingt jetzt sehr überheblich - eventuell, wenn dieser Einschub erlaubt ist, also wenn ich so sagen darf leicht gekürzt werden können, aber ich merke das nur am Rande an. Eine großartige Partitur, eine in den bestehenden Grenzen solide Inszenierung, zwei hervorragende Sänger, ein enigmatischer Tadzio-Tänzer (der streng genommen gar nicht tanzt, sondern turnt und rauft), all das ergibt ein stimmiges Bild und einen guten Grund, sich statt für eine CD für diese DVD zu entscheiden. Oper als unpeinliche Veranstaltung. Keine Grimassen, keine Protzigkeit. Kommt nicht allzu oft vor. Nur noch eines: Es gibt so viel nun auch nicht zu gucken. Und deshalb legt man die Scheibe vorerst ein Mal und ein zweites Mal ein. Ein dritter Durchlauf bestenfalls Jahre später. Es lohnt sich aber trotzdem.