Die Band aus Berlin meldet sich mit
Bring mich nach Hause nach einer dreijährigen Kreativ- und Babypause eindrucksvoll zurück. Auf ihrem vierten Studiowerk präsentiert sich das Quartett um Sängerin und Gitarristin Judith Holofernes deutlich verändert und pendelt zwischen gepflegter Melancholie und elektrisierender Aufbruchsstimmung. Zum ersten mal in der Bandgeschichte hat die Band ein Album komplett live im Studio eingespielt. Und das hört man den zwölf Songs, produziert von Ian Davenport (Athlete, Band Of Skulls, Badly Drawn Boy), deutlich an. Die etwas zu große musikalische Berechenbarkeit des letzten Albums
Soundso ist einer neu erfachten Experimentierfreude gewichen. Die Dynamik von Stücken wie "Was uns beiden gehört" oder "23.55: Alles auf Anfang" ist in der Tat beeindruckend. Ausgestattet mit vielen frischen Ideen, unter anderem wurde das Instrumentarium um Akkordeon und Banjo erweitert, liefern Wir sind Helden das mit Abstand beste und vielseitigste Album ihrer zehnjährigen Karriere ab. Die Bandbreite reicht von melancholischen Pop-Hymnen wie "Die Träume anderer Leute" über eigenwillig-verschrobene Lieder wie "Mein Freudin war im Koma und alles, was sie mir mitgebracht hat, war dieses lausige T-Shirt" bis hin zu zartbitteren Stücken wie "Die Ballade von Wolfgang und Brigitte". Besonderes Lob verdienen zudem der mit einer wunderschönen Melodie veredelte Song "Bring mich nach Hause" sowie der phantastische Opener "Alles", mit dem sich Wir sind Helden selbst übertroffen haben.
--Franz Stengel
Frühjahr 2010: Lange nichts von Wir sind Helden gehört. Warum nur? Weil sich die vier in den letzten zwei Jahren die erste wirklich gründliche
Auszeit nach sieben Jahren des Draußen-in-der-Welt-Seins gegönnt haben. Diese auch fortpflanzungsbedingte Atempause wurde genutzt, um
sich nach drei Alben Die Reklamation (2003), Von hier an blind (2005) und Soundso (2007) -, unzähligen Tourneen und einer Zeit des
ständigen Gefundenwerdens zu erlauben, mal wieder selber auf die Suche zu gehen. Nach neuer Musik, neuen Begeisterungen. Und natürlich
nach Wahrheit und Tiefe und Größe, Weltformel, Kindergarten- und Fahrradstellplätzen etc. Jetzt ist das vierte Album fertig. Bring mich nach
Hause heißt es, weil es darauf viel ums Verlaufensein geht und um Verlorenheit, mehr als ums Pfadfinden (Judith H.)
Aber hören wir zu all dem jetzt die Fachreferenten: Judith Holofernes, Mark Tavassol, Jean- Michel Tourette und Pola Roy.
Was war los die letzten drei Jahre?
Judith: Zuerst haben wir ein halbes Jahr richtig Pause gemacht, um endlich mal wieder Platz zu schaffen für die Sachen, die in einem ach so professionellen
Musikerleben gerne untergehen: Musikhören, auf Konzerte gehen, neue Instrumente lernen. Alles, was hilft, die zweckfreie, unprofessionelle, unverhunzte Musikliebe wieder zu kultivieren.
Habt ihr mit Bring mich nach Hause irgendwelche Ziele verbunden?
Pola: Wir wollten einen live-igeren Sound erreichen und uns zu dem Zweck
auch besser vorbereiten, sprich: üben. Bei den letzten beiden Platten ist dieser Aspekt immer zu kurz gekommen, schlicht aus Zeitmangel, weil wir eigentlich ständig auf Tour waren und dann immer direkt mit noch nie gespielten Song-Skizzen ins Studio eingefallen sind.
Es wird gemunkelt, dieses Album sei viel akustischer und weniger poppig als man Wir sind Helden bisher kannte. Was ist da dran?
Pola: Wir haben viel mehr echte Instrumente benutzt und jedes Mal, wenn wir auf der Suche nach einem speziellen Sound waren, erstmal das vorhandene Analog -Instrumentarium durchstöbert, statt zu einem Synthie zu greifen. Dadurch haben sich Instrumente wie Akkordeon, Banjo, Glockenspiel, eine arabische Laute und ein wildes Sammelsurium an Percussion -Geräten auf´s Album
geschlichen.
Judith: ... was bestimmt zu einem akustischeren, vintage-mäßigen, teilweise sogar folkigen Sound beiträgt.
Mark: Dazu kommt, dass die Songs durch das Live-Einspielen und auch eine gewisse Lässigkeit kleinen Fehlern und Freiheiten gegenüber - tatsächlich mehr atmen und dass für unser Gefühl tatsächlich mehr Bewegung und Leben drin ist.
Wenn Die Reklamation das frischfrommfröhlichfreie Debüt war,
Von hier an blind die alles mitreißende Hitscheibe und Soundso
die kontemplativ-verschrobene Runterkommplatte was ist dann
Bring mich nach Hause ?
Mark: Ich kann mir vorstellen, dass dieses Album vielen Hörern melancholischer und dunkler vorkommen wird, als die drei anderen, aber auf der anderen Seite hat es ja auch ganz euphorische Momente. Es sind viele Geschichten drauf, mal
ganz reale, wie bei der Ballade von Wolfgang und Brigitte, aber vor allem auch
seltsame, traumhafte. Wie in Flucht in Ketten , Was uns beiden gehört oder
Bring mich nach Hause.
Judith: Vielleicht ist dieses Album ein bisschen weniger Haha und dafür ein
wenig mehr Hmmm. Bandmäßiger klingt es hoffentlich, und organischer durch die vielen echten Instrumente. Wir finden es auf jeden Fall sehr schön. Möge es das schöne Album genannt werden.