Der französische Komponist Gabriel Fauré (1845-1924) sagte einst, dass nur die Kammermusik den wahren Charakter eines Tonsetzers zu Tage fördere. An diese Doktrin hielt er sich. Zeitlebens widmete sich der "Komponist der leisen Töne" vornehmlich der Komposition zahlreicher Kammermusiken, Klavierstücke und Klavierlieder. Dies dürfte wohl auch der ausschlaggebende Grund dafür sein, dass Fauré bis heute ungerechtfertigterweise ein Schattendasein neben seinen Zeitgenossen fristet, indes große Orchesterwerke in seinem Schaffen nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Die vorliegende Box beinhaltet sämtliche Klavierwerke des Franzosen. Über seine ganze Schaffensphase komponierte Fauré für das Klavier, so dass sich seine Klavierstücke prächtig dazu eignen, Faurés künstlerischen Werdegang zu verfolgen. Er findet mehr und mehr eine Verschmelzung von spätromantischer Herbe und impressionistischen Stimmungsgemälden. So wird es folglich nich wundernehmen, dass der Hörer größere Kompositionen - wie etwa Klaviersonaten - vergeblich suchen wird.
Einen hohen Stellenwert nehmen die insgesamt 13 Nocturnes ein, von denen Fauré die letzten im hohen Alter schrieb. Tiefe des Ausdrucks verbindet sich hier auf einzigartige Weise mit unbeschwerter, nächtlicher Leichtigkeit. Faurés Stücke stehen den - wenngleich ganz anders gearteten - Nocturnes Chopins in nichts nach.
Neun Préludes op. 103 schrieb der französische Tonschöpfer, die schnell verrauschte Stimmungen einfangen. Auf fingerbrechende Akrobatik wird hier verzichtet, vielmehr ging es Fauré darum, zarte, lyrische und innige Stücke zu komponieren.
Ein ähnliches Ziel verfolgen auch seine fünf Impromptus. Jedoch wird hier wesentlich mehr Wert gelegt auf Abgeschlossenheit und Ornamentik. Dass sich Fauré Schubert zum Vorbild genommen hat, ist offensichtlich. Faurés höchst individuelle Note ist allerdings unverkennbar.
Weiterhin gibt es 13 Barcarolles, die durch ihre Liedhaftigkeit bestechen. Fauré war ja ein hervorragender Liedkomponist und lässt seine lebenslange Erfahrung in diesem Genre hier brillant zur Geltung kommen. Auch eine einzelne Mazurka op. 32 legt Zeugnis darüber ab.
Unter den kleineren Zyklen für Klavier ragt besonders "Thème et Variations" in cis-moll op. 73 heraus. Das Stück atmet organisch und sprudelt vor Originalität und Einfallsreichtum. Die insgesamt vier Valses-Caprices, die acht "Pièces brèves" op. 84 sowie die drei Romanzen ohne Worte dürfen eher als Gelegenheitswerke angesehen werden, deren künstlerische Qualität dennoch gewiss nicht unterschätzt werden darf.
Neben diesen zweihändigen Klavierstücken komponierte Fauré auch zwei Stücke für Klavier zu Händen, namentlich die sogenannte "Dolly-Suite" op. 56, die nachmalig auch orchestriert wurde, und die zarten, variierten "Souvenirs de Bayreuth".
Die vorliegende Gesamteinspielung durch den französischen Pianisten Jean-Philippe Collard - unterstützt durch Bruno Rigutto für die vierhändigen Stücke - entstand zwischen 1970 und 1983, erfreut sich aber erstaunlich guter Tonqualität. Auch musikalisch und ästhetisch gibt es nichts auszusetzen an dieser Box - bis auf die spärliche Einführung im dürftigen Booklet, was aber bei diesem Preis weniger schlimm ist.
Collards Wiedergabe ist hervorragend durchleuchtet und von tiefem Verständnis für den Komponisten geprägt. Sein Anschlag ist fühlend und forschend, niemals kategorisierend. Er trägt die Kompositionen mit viel Lyrik, Wärme und Frische vor. Farbige Nuancen und perlende Facetten sind ein weiteres Markenzeichen dieser Interpretation. Collard versteht es differenziert, Akzente zu setzen, die seine Darbietung nicht nur zu einer mit hohem Wiedererkennungswert machen, sondern auch zu einer, an der sich andere messen lassen müssen.
Fazit: Die perfekte Gelegenheit, die noch nicht gehobenen Klavierperlen Faurés kennen und lieben zu lernen!