Wie könnte man das Buch nennen? 'Eine Biographie'? Ein Starbuch? Ein Fanbuch? Eine Dokumentation? Eine filmhistorische Untersuchung über einen Filmschauspielerin und ihre Filme? Es ist von allem etwas und leider von allem etwas zu wenig.
Was es ist: schön. Detailreich, liebevoll zusammengetragen, flüssig geschrieben, reich bebildert.
Was es aber will, bleibt offen.
Es ist ein Buch über einen Menschen, der am Ende des Buches nicht weniger rätselhaft ist als vorher.
Das Buch suggeriert ein Eindringen in das Geheimnisvolle, versucht, die private Frau und die professionelle Schauspielerin von unterschiedlichen Seiten zu beleuchten und enthält sich doch weitestgehend eines Urteils, einer Meinung. Es bleibt Sammlung, Anhäufung, Ordnung von historischem Material. Was über die private Brigitte Helm zu lesen ist, ist aufschlussreich und räumt mit mancher Spekulation auf. Aber Brigitte Helm als Künstlerin bleibt diffus. Und das ist schade.
Ich hätte mir eine stärkere Untersuchung sowohl der Spieltechnik, der Inszenierung, der Rollen der Brigitte Helm als auch ihrer Kritiken gewünscht. Blicke von heute auf Bilder und Texte von damals. Blicke auf die Ausstrahlung der Schauspielerin ' und was dahinter zum Vorschein kommt. Brigitte Helm hat viele unterschiedliche Rollen gespielt - weit mehr, als der Titel 'Vamp des deutschen Films' suggeriert. Sie hat im Stummfilm und im Tonfilm gespielt. Sie hat in der Weimarer Republik, im Nazi-Deutschland, sie hat in Frankreich und England gespielt. Sie hat mit ständig wechselnden Regisseuren und in vielen Genres gespielt, hat künstliche Menschen, eine Blinde, eine frustrierte Ehefrau, eine tragische Mätresse, eine Filmstatistin, eine Olympiasportlerin und viele andere Frauen interpretiert.
Und da genau hinzuschauen, zu analysieren, zu vergleichen, die Schauspielerin und ihre Rollen in eine zeitlichen Kontext zu rücken und mit zeitlicher Distanz über eine abgeschlossene Arbeit, die heute noch Wirkung hat, zu lesen, das wäre spannend. Gerade bei Brigitte Helm: In ihrer kurzen Karriere wechselt ihr Schauspielstil so rapide wie die Sujets der Filme. Das macht sie speziell, denn sie ist immer wieder anders und passt sich dem wechselnden Zeitgeschmack einerseits chamäleonhaft an ' und andererseits behält sie immer etwas Eigenes, Widersprüchliches und Widerspenstiges. Ob gewollt oder ungewollt, gekonnt oder ungekonnt, bleibt in diesem Buch offen, wird es vermutlich immer bleiben, denn die Schauspielerin hat sich nie über ihr Spiel geäußert ' und kein Filmwissenschaftler ist zu ihr vorgedrungen, um sie befragen zu können.
Der Autor des Buches widmet sich jedem ihrer Filme, ' aber nur mit einer kurzen Darstellung, einer schauspielerischen Wertung in einem Satz ('...das macht sie gut'), um dann die oft sehr unterschiedlichen Kritiken der Zeit abzudrucken. Da erfährt man -' und das ist an sich natürlich auch sehr spannend '- dass damals wie heute jeder Mensch, jeder Zuschauer, jeder Kritiker, eine individuelle Wahrnehmung hat. Lobt der eine Kritiker die Schauspielerin in höchsten Tönen, verdammt der nächste sie ' - im selben Film - abfällig.
Oft scheint mir bei dieser Sammlung von zeitgenössischen Kritiken, dass sich damals Männer an einer 'unbändigen, ungebändigten' (so ein Kritiker) Frau abgearbeitet haben, an einer Frau, die die Fesseln ihrer weiblichen Rollenzuweisung auf der Leinwand zu sprengen schien -' ob als hemmungslos böse Roboterfrau, berechnender Vamp oder kalte Wüstenkönigin. Viele der schlechten Kritiken lesen sich wie Racheakte von Männern, die eine Frau auf der Leinwand gesehen haben, die auf schillernde Weise Spielarten weiblicher Macht vorführt. Im Anschluss an den Kinobesuch und beim Schreiben der Kritik ging es den Kritikern möglicherweise auch darum, mit ihren sprachlich-sezierenden Mitteln zu zertrümmern oder lächerlich zu machen, was sie gesehen haben, um der Bedrohung Herr zu werden.
Mit einem Blick von heute ' und dem Wissen, dass nach Brigitte Helm im deutschen Film erstmal für sehr lange Zeit Schluss war mit der Kombination von Glamour, Kälte, Exaltiertheit und unkontrollierbarere weiblicher Kraft ' sind natürlich diese "bösen" Rollen und die damals umstrittenen schauspielerischen Leistungen die interessanten der Brigitte Helm.
Es wäre interessant, zeitgenössische Kritiken mit heutigen filmwissenschaftlichen Beiträgen zusammen mit einer DVD mit allen verfügbaren Filmen der Brigitte Helm zu haben ' dann könnte man sehen, lesen, sehen, lesen ' und sich eine Meinung bilden.
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Denn es geht doch, wenn man Texte über Film liest, immer darum, das eigene Sehen abzugleichen mit den Augen des Autors. Das eigene Sehen heißt hier: Ich erlebe einen Menschen auf der Leinwand, sehe seine Gesten, Gänge, Handlungen ' und habe die Möglichkeit, durch einen Text, diese Gesten, Gänge und Handlungen durch den Blick eines anderen zu sehen. Und wenn der Blick des Anderen historisch geschult ist, Zeitgeschmack, Ideologie, Rollenbilder und technische Standards kennt, und sein Wissen den Blick bereichert, dann kann einem das als Leser und als Kinogänger die Augen öffnen.
Ich vermisse solche präzisen Untersuchungen über Filmschauspieler, sie wären an der Zeit, um dem Film als Kunstform adäquat zu begegnen - ' in der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte ist das gang und gäbe.
Gerechterweise muss man über das Buch von Daniel Semler sagen, dass es bei mir zumindest die Kraft hatte, einen solchen Wunsch zu wecken, weil das, was er als Autor ausbreitet, zum Wünschen anregt.