Welch unvergleichliches Werk! Mehr als 25 Jahre Briefe, Telegramme und in persönlichen Notizen von Siegfried Unseld festgehaltene persönliche Begegnungen, dokumentieren eine einzigartige Beziehung zwischen einem beständig grantelnden, hadernden, schimpfenden Autor und seinem Verleger. Mehr als 900 Seiten Spannung, Launen, beständiges Auf und Ab, Finanzkämpfe und vieles, vieles mehr.
Man muss Siegfried Unseld bewundern, phasenweise auch bedauern, diesen genialen Autor Thomas Bernhard über Jahrzehnte in den Reihen seiner Autoren gehabt zu haben. Man darf ihn aber auch bewundern, denn nur ganz wenige, und aus einer literarischen Sicht nur Unseld, durften Th. B. so erleben. In der Dichte des vorliegenden Briefwechsels erscheinen einem die Launen des Thomas Bernhard unerträglich. Die Launen, Unseld spricht an einer Stelle sogar von Psychosen, die sich vor allem gegen das eigene Land, besser: den eigenen Staat Österreich richten, mit seiner politischen und kulturellen Landschaft und Vergangenheit.
Als unterstützende Literatur kann ich neben den Werken Thomas Bernhards, in deren prosaischen Gefilden ich mich leidlich gut auskenne, weniger jedoch bei den Stücken, kann ich also neben der Bernhardschen Prosa vor allem folgende beiden Bücher empfehlen: einerseits "Ein Jahr mit Thomas Bernhard" von Karl Ignaz Hennetmair und andererseits "Unseld. Eine Biographie" von Peter Michalzik. Vor allem letztgenanntes Werk hilft enorm beim Verständnis, vor allem aber auch bei der Faszination hinsichtlich des Briefwechsels. Ich habe die beiden genannten Bücher einige Zeit vor dem Briefwechsel gelesen und halte diese Reihenfolge zwar nicht für die einzig richtige, aber doch für eine empfehlenswerte, gar für die empfehlenswerteste.
Zum Verständnis des Lebenswerks von Thomas Bernhard leistet diese außergewöhnliche, aufs Lobenswerteste durch Kommentare und andere Quellen vervollständigte Lektüre einen nicht zu unterschätzenden Beitrag. Spannend wie ein Thriller, erhellend und amüsant. Sechs Sterne für dieses Werk!
Am Ende ein Zitat von Thomas Bernhard, das seine gespaltene Einstellung zur eigenen Existenz wiedergibt: "Einerseits lebe ich sehr sehr gern, andererseits finde ich, dass fünfzig Jahre reichlich genug sind. Alles über fünfzig ist ein dacapo auf Krücken."