Liebe, zwangsjackenschön
Die Briefe von Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange
Von Beatrice von Matt
Lange Jahre lag das private Leben Paul Celans im Dunkeln, jetzt wirft der vorbildlich edierte Briefwechsel mit seiner Frau Gisèle Celan-Lestrange Licht auf die Pariser Jahre nach 1951 bis zu seinem Selbstmord 1970. Was die Eheleute sich sagen, erweckt Anteilnahme, fast im Übermass. In beider Briefen lebt Hoffnung und Liebe, Glück und grausames Leid zwischen Aufschwung und Absturz.
Die Korrespondenz erscheint gleichzeitig französisch, wie sie abgefasst ist, und deutsch, übersetzt von Eugen Helmlé in die Sprache des Dichters Celan. Sie ist ein europäisches Ereignis. Die Partner sind sich ebenbürtig auch im Schreiben, obwohl Gisèle de Lestrange sich lange hintanstellt, zweiflerisch mit ihrer Arbeit als Radiererin und Malerin umgeht und erst von den frühen sechziger Jahren an selbstbewusster als Künstlerin spricht. Ihre Briefe sind ausführlicher gehalten, wunderbar detailreich, erzählerisch, einnehmend in jeder Zeile. Paul Celan schreibt knapper, mit tiefer Zuneigung jedoch, gerade in Zeiten der Trennung. Immer wieder hebt er «das Wahre» ihrer Briefe hervor, die grosse Redlichkeit ihrer Person. Unschätzbar sind die Gedichte, die er den Briefen beilegt und entweder interlinear übersetzt oder durch eine französische Wörterliste ergänzt.
Die 24-jährige Kunststudentin Gisèle de Lestrange und der 31-jährige Paul Celan begegnen sich Anfang November 1951 im Café Royal Saint-Germain in Paris. Sie entstammt dem französischen Hochadel, er ist staatenlos, Jude aus Czernowitz in der damals rumänischen Bukowina. Er heisst eigentlich Paul Antschel und lebt seit Mitte 1948 in Frankreich. In Deutschland hat er schon erste Gedichte publiziert. Sein Studienabschluss (Licence ès lettres) liegt ein Jahr zurück, derzeit steckt er in einer Forschungsarbeit über Kafka und übersetzt aus dem Französischen, dem Englischen. Die beiden vereinbaren ein Rendez-vous im Tanzlokal «Le bal nègre». Ende November sind sie ein Liebespaar.
ERSTE SCHATTEN
Im Dezember 1952 heiraten sie gegen den Widerstand der Familie de Lestrange. Schon bald legen sich Schatten auf die starke, sinnliche und glückliche Beziehung. Claire Golls heimtückische Verleumdung, der Vorwurf des Plagiats, treibt Celan in Verzweiflung, er empfindet sich als Opfer einer Dreyfus-Affäre. Gisèle wiegelt ab, auch künftig, all die Jahre ihrer Ehe, vergeblich. Als irritierendes Thema dominiert Deutschland die Korrespondenz von Anfang an, das Land, das Paul Celan immer wieder aufsuchen wird, der Sprache seiner Mutter wegen und der Mörder seiner Mutter. Sie hatte ihm einst das Deutsche beigebracht, ihn in Czernowitz in eine deutsche Grundschule geschickt, bis sich der Vater gegen sie durchsetzte und den Sohn in eine hebräischsprachige Schule versetzte. 1942 ist sie im ukrainischen Konzentrationslager Michailowka mit einem Genickschuss getötet worden. Von der Mutter-Sprache kommt der Sohn nie mehr los. Um der Mutter willen schreibt er Gedichte, sagt er. Dichten wird ihm zur Aufgabe des Lebens, mehr als das, zum sakralen Dienst ohne Rücksicht auf die eigene Person. Als «eine Form des Gebets», wie Kafka das Schreiben verstanden hat. Dies ist der Kern von Celans Existenz. Darum reist er ständig nach Deutschland, um dort als deutscher Dichter gehört und anerkannt zu werden.
Im Mai 1952 liest Celan vor der Gruppe 47, in dem singenden Pathos, das die Mutter geliebt hat. Er fällt durch bei diesem Wettlesen; die Reaktionen der versammelten Kenner und Richter waren noch viel zwiespältiger, als er das seiner Geliebten berichtet. Über die «Todesfuge» scheint man gelacht zu haben. Celan schreibt nach Paris: «Um neun Uhr abends war die Reihe an mir. Ich habe laut gelesen, ich hatte den Eindruck, über diese Köpfe hinaus die selten wohlmeinend waren einen Raum zu erreichen, in dem die Stimmen der Stille noch vernommen wurden . . .» Damit spielt er auf den eben erschienenen Roman «Les Voix du Silence» von André Malraux an. Welche «Stimmen der Stille» Celan hier meint, erahnt man: die Stimmen jener, die in den Lüften ihr Grab haben.
Im Übrigen stört ihn an den Deutschen und auch an den Autoren, dass man sich wie bei der Lesung in Niendorf bei Lübeck in tiefe Hotelsessel vergräbt und «den Eindruck einer Versammlung von Leuten» erweckt, «die sich bürgerlich mit einer Welt ausgesöhnt hatten, deren Erschütterungen sie immerhin zu spüren bekommen hatten». So am 31. Mai 52 an «ma Chérie . . . mon ange». Deutschland sei ein «unglückliches Land», das «sich seines Unglücks nicht bewusst» sei. Nahezu jede seiner zahlreichen Lesereisen löst in ihm eine Krise aus. Kein Wunder, dass seine Frau jedes Mal Angst davor hat.
Bitter ist der Tod des ersten Sohnes, François, dreissig Stunden nach seiner Geburt 1953. Der zweite Sohn, Eric, wird 1955 geboren. Bitter für seine Frau ist die Tatsache, dass Paul Celan während einiger Jahre die alte Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann wieder aufnimmt. Ausschnitte aus Gisèles Tagebuch bezeugen die schmerzvolle Auseinandersetzung damit. Aus den Briefen jedoch vernimmt man kaum Klagen, fast eher noch Selbstbezichtigungen. Dass Celan lange Zeit an seine selbst geschaffene Ordnung in Frankreich glaubt, steht ausser Frage. Mit Einsatz und Freude obliegt er seinem Beruf als Deutsch-Lektor an der Ecole Normale Supérieure. Er beschwört noch und noch die Liebe zu seiner Frau, zu seinem Sohn. Immer wieder weist er hin auf seine «beiden Häuser», die Eigentumswohnung an der Pariser Rue de Longchamp im 16. Arrondissement und Moisville, das geliebte Landhaus in der Normandie. Neben den «Häusern» ist es das Wort «standhalten» («maintenir»), das in beider Briefen ständig wiederkehrt: «nous maintiendrons» . . . «Il faut maintenir».
Nimmt man die Theorie ernst, wonach die Chiffre «Hochzeit» im Denken der Literatur die umfassende Versöhnung mit der allgemeinen Ordnung bedeutet, so muss Paul Celan, der sich absolut in den Dienst seiner Dichtung stellt, die Ehe- und Familieneinrichtung torpedieren so ideal sie sich präsentiert. Er kann und will mit der Welt nicht versöhnt sein. Ein bürgerliches Leben in Frankreich, geführt in französischer Sprache, und ein radikales Dichten auf Deutsch, im Idiom seiner Mutter und ihrer Mörder: Auf die Länge lässt sich das nicht vereinbaren. Die Mörder sieht Celan wieder aufleben, nicht nur in antisemitischen Umtrieben, sondern auch in der Kritik an seinem Werk: «Gestern / kam einer von ihnen und / tötete dich / zum andern Mal / in meinem Gedicht.» So nimmt er im nachgelassenen Gedicht «Wolfsbohne» Bezug auf eine Rezension von Günter Blöcker im Berliner «Tagesspiegel» (11. 10. 1959). Im Januar 1965 wurde im «Merkur» an der «Todesfuge» die Ästhetisierung der Verzweiflung gerügt, ein «Zuviel an Kunst». Der Dichter antwortet in «Mutter, Mutter»: «Vor die Messer / schreiben sie dich.» Eine gefährliche Krise ist damit ausgelöst, auch in der Beziehung zwischen den Eheleuten. Celan legt seiner Frau nahe, wegzufahren. Sie bricht auf nach Rom offenbar erstmals allein. Angstvoll und halbwegs stolz meldet sie nach Paris, wie sie sich durchschlägt, und betont, dass sie, die katholische Französin, sich in Rom als «Jüdin» fühle. «Du Jüdin» richtet sich im Herbst desselben Jahres Paul Celan an sie.
Jede menschliche Normalität muss ihm als Wahnsinn erscheinen auf dem Hintergrund dessen, was geschehen ist. Es bleibt nur das Dichten im Ortlosen, als «subversiver Akt», wie er sagt. Da er Echo und Zustimmung immer wieder in Deutschland sucht, hält er selbst die Wunde des Zwiespalts offen. Im September 65 kommt er einmal mehr «tief erregt» von einer Lesereise zurück. Schon Wochen zuvor hat sie geklagt: «Ich bin verzweifelt über die augenblickliche Unmöglichkeit eines Einvernehmens zwischen uns . . .» Beide suchen in diesem Jahr das bewehrte Avignon auf, ihre «Hochzeitsstadt», doch zu verschiedenen Zeiten: «Ich habe . . . die Befestigungen der Umfassungsmauer gesehen . . . in dieser Stadt, die ich mit Dir zusammen geliebt habe», so Gisèle Ende Juli. Am 26. Oktober schreibt Paul aus «Avignon, unsere Hochzeitsstadt»: «Ich sitze hier im Café de la Gare in Avignon, der Wallumringten, vor unseren beiden Platanenreihen, die voller Blätter sind und ein Kronengewölbe bilden. Ich werde mit Ihnen und unserer wiedergefundenen, erneuerten Liebe hierher zurückkommen . . .» Der zehnjährige Eric bekommt auch eine Karte: «Hierher werden wir alle drei kommen, Mama, Du und ich, und wir werden tanzen vor Freude . . . Bis bald! Papa.»
Briefe und Karten werden in diesen Herbstwochen steiler, pathetischer, bei Celan stets ein Anzeichen für zunehmende Anspannung. Er kehrt nach Paris zurück, flieht erneut, diesmal kurz in die Schweiz. Nach seiner Rückkehr bedroht er in der Nacht vom 24. auf den 25. November seine Frau mit einem Messer. Zusammen mit Eric rettet sie sich zu Nachbarn, versteckt sich anschliessend bei Verwandten. Celan kommt in eine Klinik bei Paris, nicht zum ersten Mal, diesmal in der Zwangsjacke. «Liebe, zwangsjackenschön» wird er später in einem Gedicht sagen.
«Comment va mon amour kafkaïsant?» So hatte Gisèle schon in einem der ersten Briefe geschrieben. Prophetischer hätte sie sich nicht ausdrücken können. Er sei «ausgewiesen» aus der Liebe, «seine Hauptnahrung» beziehe er, «von anderen Wurzeln, in anderer Luft» und «kein Heim in der Welt darf sein», so hatte sich Kafka einst an Félice, seine Verlobte, gewandt. In der Anstalt wird Celan fügsam, ruhig, liebevoll nach den ersten Wochen findet er zum Schreiben zurück. Er steigert die Produktion. Hier ist er vor sich und seiner nicht lebbaren Ordnung geschützt. Von den Kliniken aus lässt er sich auch besonders empathisch auf die künstlerische Tätigkeit seiner Frau ein, begutachtet, würdigt, rühmt.
ABRAHAMS WAHL
Wie tragisch das ersehnte Familienleben seiner inneren Wahrheit widersprach, zeigt sich vor allem daran, dass Celan mehrere Male die wahnhafte Notwendigkeit empfindet, zwischen den Gedichten und seinem Sohn zu wählen. Als ein neuer Abraham, meint er, müsse er Isaak auf dem Altar seines Gottes, der Dichtung, opfern. Aber er kämpft dagegen: «Sohn, siegt» heisst es in einem Gedicht und in einem Brief: «Du siegst, Eric». Wenige Wochen vor seinem Suizid in der Seine führt er aus: «Meine allerliebste Gisèle, . . . das Kilodrama ist eingetreten. [Le kilodrame s'est produit]. Vor die Alternative gestellt, zwischen meinen Gedichten und unserem Sohn zu wählen, habe ich gewählt: unseren Sohn. Er ist Dir anvertraut, hilf ihm.» Er fügt hinzu, er habe nie eine Frau so geliebt wie sie. Man spürt, dass dies der Abschied ist, knapp drei Jahre nach der räumlichen Trennung des Paars. Gisèle hatte sie gefordert, nachdem sie ihren Mann nach einem Selbstmordversuch im Januar 1967 im letzten Moment hatte retten können.
Der Briefwechsel bricht bis zu seinem Tod nie ab, auch die Zusammenarbeit nicht. Gisèle macht Radierungen zu seinen Gedichten. Eine ihrer feinen splitterartigen Arbeiten hat Celan «Atemkristall» genannt, und erst später das gleichnamige Gedicht verfasst, das in der Sammlung «Atemwende» steht. Man schreibt sich, sie besucht ihn, unterstützt ihn, hält ihn auf dem Laufenden . . . eine Tragödie, diese letzten Ehejahre, und doch auch für Momente das, was die bewunderungswürdige Frau als «kleine Wunder» bezeichnet.
Bertrand Badiou hat, mit Unterstützung von Eric Celan, die aussergewöhnliche «Correspondance» in einer Weise kommentiert, wie man es sich das wissenschaftlich akribischer, literarisch kompetenter und menschlich sensibler nicht vorstellen kann. Man bekommt Auskunft über die biographischen Umstände, die Menschen auch, die mit den Celans zu tun hatten, Verwandte und Freunde, René Char etwa und Henri Michaux, Siegfried Unseld, Bernhard Böschenstein, Franz Wurm. Der Herausgeber kommentiert die Bücher, die Künstler, die sie lieben. Die Anpassung des Kommentarbandes für die deutsche Ausgabe hat Barbara Wiedemann besorgt. Eugen Helmlé zeichnet für die Übersetzung der Briefe verantwortlich, sie überzeugt weitgehend, nicht zuletzt durch den Entscheid, Kosewörter und Anreden in der Originalsprache beizubehalten. Hier hätte Helmlé allerdings noch weiter gehen dürfen: «Petit Homme», wie Gisèle oft sagt, wirkt als «Kleiner Mann» doch eher befremdlich. Und Paul Celans selbstironisches «Poéteux» wird in der geradezu unbegreiflichen Übertragung «Pohät» ins Dümmliche verschoben. Seine Wortspiele werden zu willkürlich übertragen.
Dieser Briefwechsel ist auch das Dokument einer künstlerischen Zusammenarbeit. Eine Ausstellung in Tübingen «A l'image du temps Neben dem Bilde der Zeit» rückt eindrücklich das künstlerische Gespräch zwischen den Eheleuten vor Augen, die Wechselbeziehungen von Wort und Bild. In Verbindung mit Eric Celan und Bertrand Badiou ist Valérie Lawitschka hier eine Schau gelungen, die neben Originalbriefen und Erstausgaben mit 80 Radierungen, Gouachen und Aquarellen das reiche Werk Gisèle Celan-Lestranges auch in Deutschland endlich ins richtige Licht stellt (bis 30. September).