Elisabeth Charlotte von Orléans, hierzulande besser bekannt als Liselotte von der Pfalz, war eine intelligente und gebildete Frau, aber auch ein Opfer von Machtkalkül und Intrigen. Aus politischen Interessen wurde sie 1671 mit dem Herzog von Orléans, dem Bruder Ludwigs XIV, verheiratet. Die Ehe war alles andere als glücklich ("Ich kann nicht begreifen, wie papa s[elig] mir mein heuratscontract hat unterschreiben machen, denn niemalen ist einer erbermlicher gemacht worden und just umb mich zu einer bettlerin zu machen", schrieb sie im September 1701), und Liselotte, die all die Machtkämpfe am Hof des Sonnenkönigs schnell durchschaute, war diesen Intrigen dennoch meist ausgeliefert, auch hatte sie kaum Vertraute in Versailles. Hinzu kam, dass sie sich, so gut sie konnte, aus dem Intrigendschungel und damit auch aus dem höfischen Leben heraushielt - wegen ihres aufrichtigen Charakters wurde sie zwar durchaus geachtet, war zeitweilig sogar enge Vertraute des Königs, lebte aber dennoch meist isoliert.
Ohne Macht, Einfluss oder Freunde, auch von Heimweh geplagt, waren schließlich Briefe der einzige Ausweg, vor allem an ihre Tante Sophie von Hannover und ihre Halbschwester, Raugräfin Louise von Degenfeld. Liselotte selbst sah diese Briefe als lebenswichtig an: "Ich were erstickt, wenn ich dieses nicht gesagt hätte", schrieb sie einmal.
In diesen Briefen konnte sie in ihre Muttersprache "zurückkehren", sie waren Ersatz für die fehlenden Freundschaften bei Hofe. Sie dokumentieren eindringlich ihre Leidensgeschichte - aber gleichzeitig protokollieren sie auch das Leben am französichen Hof, en gros und en détail. Da die "Protokollantin" eine überduchschnittlich intelligente Frau mit glänzender Beobachtungsgabe war, die äußerst prägnant, oft sogar drastisch formulierte, liest man die Geschichte ihres Leidensweges immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge - Liselotte von der Pfalz nannte die Dinge beim Namen. Man täte ihr aber Unrecht, wenn man sie nur wegen ihrer drastischen Berichte rühmte. Ihre Briefe zeigen auch, wie rege sie Anteil nahm am intellektuellen und politischen Diskurs ihrer Zeit; keinem Geringeren als Leibniz vermittelte sie z.B. Kontakte zu französischen Gelehrten.
Die in diesem Buch ausgewählten Briefe sind spontane, sehr persönliche Mitteilungen, frei von Floskeln und Unterwürfigkeit; sie vermitteln eine Intimität, wie sie zu jener Zeit nicht üblich war - fast könnte man sie als "schriftlich fixierte oral history" bezeichnen, wenn nicht so viel mehr drinsteckte in diesen Briefen.
Wie bereits angedeutet, liegt mit diesem Buch eine Auswahl aus den vielen Briefen Liselottes von der Pfalz vor; dem Herausgeber ging es vor allem, interessierten Lesern ohne allzu viel Hintergrundwissen einen möglichst authentischen Eindruck zu gewährleisten; damit ist auch eine vorsichtige Angleichung der Orthographie zu erklären. Hilfreich sind auch die Worterklärungen im Anhang, und wem dieser schöne Band Appetit auf mehr gemacht hat, dem hilft die Auswahl-Bibliographie sicher weiter.