Neue Zürcher Zeitung
Céline vor Céline
Tlx. Gut achtzig Briefe schickte der 22jährige Céline (der zu diesem Zeitpunkt noch Louis des Touches hiess) in den Jahren 1916/17 aus der ehemaligen deutschen Kolonie Kamerun, wo er, durch eine Kriegsverletzung frontuntauglich geschrieben, für eine französische Handelsfirma arbeitete und nebenbei die dortige Dorfgemeinschaft medizinisch versorgte. Die Post ging überwiegend an seine Eltern, seinen Freund Albert Milon und vor allem an seine alte Bekanntschaft Simone Saintu. Die Briefe verstehen sich noch bar aller literarischen Attitüde. Céline hatte mit der Sonne und den Mücken, aber auch mit seiner Einsamkeit zu kämpfen; erst allmählich erhält der Leser einen ersten Eindruck seiner sensibilisierten sozialen Wahrnehmung, auch seines Humors und Zynismus, der fünfzehn Jahre später in der legendären «Reise ans Ende der Nacht» wiederauftauchen sollte. Simone Saintu weist er an, ihn mit Kriegsberichten zu verschonen, er empfinde «einen tiefen Widerwillen gegen alles, was kriegerisch ist». Auf der Rückfahrt nach Europa schreibt er dann die Erzählung «Wellen»: Fünf Herren aus fünf Ländern erfahren auf einem Dampfer von der amerikanischen Kriegserklärung an Deutschland und reagieren höchst unterschiedlich. Hier mokiert er sich, hier blitzt sein schriftstellerisches Talent nachhaltigst auf.
Kurzbeschreibung
carpe.com
Gerade 22jährig reiste der im ersten Weltkrieg Verwundete im Auftrag einer französischen Handelsfirma 1916 nach Kamerun -- die ehemalige deutsche Kolonie war bereits in französischen Besitz übergegangen. Sein Leben war bislang unstet verlaufen. Louis-Ferdinand war Lehrling, Laufbursche, Fabrikarbeiter und Soldat gewesen und suchte nun in Afrika sein Glück. Schnell stieg Destouches -- wie er bürgerlich hieß -- zum "Direktor einer Kakao-Pflanzung" auf und schreibt während der beiden Jahre in Afrika eine große Zahl an Briefen, vor allem an seine Eltern und an eine Freundin. Während er an seine Eltern sachliche Briefe mit der Bitte um Zusendung von allerlei Lebensnotwendigem schreibt, berichtet er Simone Saintu vom Kampf mit dem Alltag, von der Langeweile und vom Klima. Den Einheimischen geht er so gut es geht aus dem Weg. Nicht nur, dass er bei ihnen -- eher ironisch -- Kannibalismus vermutet und Frauen meidet ("sie haben alle die Syphilis"), er hält "die Neger" nicht eben für vollwertige Menschen. Mit dem Ziel, "einen Haufen Geld zu machen", quält er sich von Tag zu Tag, schreibt Witze und Rätsel an Simone und äußert sich wenig schmeichelhaft über Künstler wie Rodin. Céline schreibt erste Gedichte, er fabuliert, was er angeblich in London oder Paris erlebt hat, und er wendet sich gegen den Krieg. Mit bemerkenswerter Klarheit formuliert er aphoristisch knapp, was heute leider immer noch aktuell ist ("Ob man eine kriegstreiberische oder pazifistische Gesinnung vertritt, stets wird man sich mit seinen Argumenten im Irrtum befinden").
Célines Briefe und erste Schriften aus Afrika sind ein Sammelsurium von Erlebnissen und Gedanken eines hellen Kopfes, der später einmal ein bedeutender Autor werden wird. Vielleicht hilft dieses Sammelsurium, die Entwicklung des ebenso faszinierenden Schriftstellers wie abstoßenden Wirrkopfs zu verstehen. --Matthias Kehle
Über den Autor
Nach seiner Entlassung aus der Armee war er 1916/1917 als Verwalter auf einer Plantage in Schwarzafrika tätitg. Wieder zurück in Frankreich studierte er Medizin und arbeitete als Arzt für den Völkerbund. 1927 verließ er den Völkerbund und ließ sich als Armenarzt in Clichy bei Paris nieder. 1932 erschien sein berühmter erster Roman "Reise ans Ende der Nacht". Ab 1937 entzweite sich das intellektuelle Paris mit ihm, weil er neben seinen Romanen antisemitische Pamphlete verfasste.