Der begnadete Komponist Hans Werner Henze und die große Lyrikerin Ingeborg Bachmann haben sich im Jahre 1952 in der Universitätsstadt Göttingen, bei einer Tagung der Gruppe 47, kennen gelernt. Es verband sie vieles. Beide waren damals erst 26 Jahre alt, beide kamen aus einem Lehrer-Elternhaus mit Naziumfeld. Sie empfanden nicht nur uneingeschränkte Sympathie und Seelenverwandtschaft für einander, sondern sie haben auch erfolgreich zusammen gearbeitet. Sie hat Texte für seine Musik geschrieben, er hat ihre Gedichte vertont.
Der homosexuelle Komponist und die etwas masochistisch veranlagte Dichterin haben dann eine ganze Zeit überlegt zusammen zu ziehen, ja sogar zu heiraten. Häufig gab es in ihrer beiden Leben aber auch lange Phasen der Niedergeschlagenheit und das hat dann schließlich auch den Ausschlag gegeben, dass sie nicht zusammen gezogen sind, weil einfach jeder sein gerüttelt Maß an Freiheit brauchte. Sie haben dann schließlich ein Abkommen getroffen, das Hans Werner Henze in seinen Briefen den „Pakt gegen die bedrohlich dumme Welt und gegen die Angst" nannte.
Und in den Zeiten der langen Trennungen haben sie sich diese bewegenden und interessanten Briefe geschrieben. Sie haben diese Briefe in unterschiedlichen Sprachen geschrieben, Sprachen die sie beide beherrschten. Sie waren in allen Lebenslagen füreinander da, waren sehr vertraut miteinander, wie Geschwister, denn der körperlichen Liebe konnte es ja bei ihnen nichts werden. Und wenn es mit der Arbeit einmal nicht so wie gewünscht klappte, dann hat er sie immer wieder aufgebaut, hat sie eindrücklich ermahnt das die Arbeit das Wichtigste im Leben sei. So hat er sie immer wieder aufgebaut, vor allem auch in der Zeit als die Beziehung zwischen ihr und Max Fritsch, in der sie eigentlich nur verkümmerte, auseinander ging.
In dem Buch sind wesentlich mehr Briefe von Hans Werner Henze als von Ingeborg Bachmann. Seine Briefe sind von überschwänglicher Herzlichkeit und voll lieblicher Schwärmereien. Ihre Briefe sind strenger und sachlicher, dennoch kann man zwischen den Zeilen sehr deutlich erkennen, wie sie sich ihm mehr und mehr öffnet, und wie wichtig die beiden Menschen füreinander waren.
Es sind in letzter Zeit viele Bücher erschienen, die auf Briefen basieren, obwohl wir in unserer Zeit moderner Nachrichtenmedien das Schreiben schon fast verlernt haben. Und Briefe anderer Menschen zu lesen ist eigentlich immer irgendwie begleitet von einer Portion Neugier, doch bei Briefen von Künstlern ist es vielleicht etwas anderes, denn wir wollen ja vordergründig erfahren, wie haben die gelebt und gearbeitet. Ingeborg Bachmann ist 1973 in Rom gestorben, sie hat sicher nicht daran gedacht, dass wir diese Briefe heute lesen. Von den erschienenen „Briefausgaben" ist dies sicherlich eine der schönsten.
Ein wirklich sehr, sehr schönes Buch über eine große, intensive Freundschaft unter begnadeten Künstlern, das ich mit Nachdruck und Leidenschaft empfehlen kann.