Bertold Brecht war es als Bayer gewohnt zum Essen Bier zu trinken. Das war in der DDR aber rationiert, weshalb der Dichter sich schriftlich bei der Radeberger Brauerei um zwei Kästen Bier im Monat bemühte. Ob er sie bekommen hat, ist "Briefe bewegen die Welt" von Sonja Wild und Hans Pöllmann, herausgegeben von Hellmuth Karaek, nicht zu entnehmen. Zumindest aber ist der Brief als Faksimile abgedruckt, zusammen mit einer Fassung in Druckschrift (in Brechts Fall eigentlich nicht nötig, da das Original mit Schreibmaschine getippt und sehr gut zu entziffern ist), sowie Foto und Anmerkungen zum Verfasser und zum Brief. Diesem Muster folgen dann alle weiteren, in diesem sehr schmuck gestalteten Band, vorgestellten Briefe.
Was ich schade finde ist, dass die Anmerkungen zu den Verfassern und Empfängern der Briefe in einer unnötig kleinen Schrift gesetzt wurden - Platz ist doch genug vorhanden. Auch das Vorwort und Karaseks Einleitung werben, für meinen Geschmack zu viel, die neue Errungenschaft der Deutschen Post AG, den E-Postbrief. Die Anpreisung der Deutschen Post AG beschränkt sich indes nicht bloss auf Vorwort und Einleitung. Zum Brief einer fast blinden, ehemaligen Lehrerin an Bastian Sick wird erwähnt, dass die Post Blindensendung kostenlos transportiert. Des weiteren findet sich dann auch noch ein handschriftlicher Brief von Dr. Frank Appel (Vorsitzender des Vorstands Deutscher Post AG), in dem er sich bei den Mitarbeitern des BZ (Briefzentrums) 52 für deren aussergewöhnlichen Einsatz bedankt. Es folgt eine Beschreibung der vollautomatisierten Abläufe in einem BZ. Ich wage die Vorhersage, dass dieses Buch 2010 an viele Mitarbeiter und Interessierte der Deutschen Post AG verschenkt wird.
Ansonsten ist es ein überaus gelungenes, interessantes und amüsantes Buch über die Kunst des Briefeschreibens. Gottschalk schreibt Reich-Ranicki vor dessen Auftritt in "Wetten dass...?" und weist darauf hin, dass sie Sendung eine grandiose Werbeplattform mit 15 Millionen Zuschauern ist, in der Reich-Ranicki prima sein neuestes Buch promoten könne. Und ja, ihm liege der Auftritt des Grosskritikers, sogar mehr am Herzen, als der Auftritt von Paul McCartney in der Show. Amüsant wäre zu erfahren, ob das eine Standardfloskel in Gottschalks Briefen ist und wie es wäre, wenn die Gäste untereinander davon erfahren würden. Aber so viel Platz wird weder Gottschalk noch einem anderen Briefeschreiber in diesem Band eingeräumt. Pro Person nur 1 Brief. Ein Best-of seien die 30 Briefe in diesem Buch.
Freud, Adenauer, Goethe und dazwischen Gunter Sachs und Veronica Ferres - das klingt vielleicht etwas sonderbar, aber es geht in diesem Werk eben nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung, die nur für Akademiker von Interesse ist, sondern um die vielfältigen Möglichkeiten und Wirkungen von Briefen. In der Einleitung wird von einem 3400 Jahre alten, in Stein gemeisselten, Brief berichtet, Romeo und Julias Schriftwechsel wird kurz erwähnt und der Brief als wichtiges Kulturgut gefeiert, der eben doch mehr Glanz besitzt als E-Mails.
Mitunter sehr überraschender, was in einigen Brief steht. Wer würde beim Namen Otto von Bismarck schon erwarten, einen Liebesbrief zu finden? Genau genommen ist es kein Liebesbrief, sondern der Eiserne Kanzler hält beim Vater der zukünftigen Braut um deren Hand an. Da dies in Sütterlinschrift (wenn ich mich nicht irre) verfasst wurde, war ich in diesem Fall auf die Fassung in Druckbuchstaben angewiesen. Das gleiche gilt für den Brief eines Jungen aus Afghanistans an Boris Barschow, in dem er beklagt, dass die Hilfsgüter verkauft und noch enorm viel Aufbauhilfe für sein Land erforderlich ist, damit es nicht wieder im Chaos versinkt. Bewegend auch die Dankesbriefe von deutschen Grundschülern für die Spenden aus der Aktion Ein Herz für Kinder. Ebenfalls sehr ergreifend: der Brief der Mitglieder des ärztlichen Lokalvereins Andernach an den Forscher und Nobelpreisträger Robert Koch.
Ein schönes Buch! Schreiben Sie doch mal wieder, ganz altmodisch einen Brief. Der Empfänger wird sich bestimmt freuen, auch wenn sie daran nicht so weltbewegende Themen abhandeln, wie Konrad Adenauer und Theodor Heuss. Mich persönlich hat, neben anderen, besonders der Brief von Gunter Sachs an Axel Springer beeindruckt - ein kurzer, knapper Brief kann erstaunlich viel bewegen!
160 Seiten, Hardcover, farbig, Vorwort von Jürgen Gerdes (Deutsche Post DHL), Einleitung von Hellmuth Karasek, Porträtfotos von Philipp von Hessen, Quellenverzeichnis, teNeues 2010