Die Herausgeber Mary Gerold-Tucholsky und Gustav Huonker
haben sich mit dieser Ausgabe viel Mühe gegeben. Mit 30
Seiten Einführung zur allgemeinen Lebenssituation von
Kurt Tucholsky zur Zeit der Briefe und mit 50 Seiten
Anmerkungen zum Text der Briefe werden die Briefe dem
Verständnis vieler Leser leicht zugänglich gemacht.
Der Inhalt der Briefe lohnt sich! Der Leser erfährt, wie
Tucholsky mit einer chronischen Naseninfektion kämpft,
leidet und erst nach Jahren Behandlung Besserung erreicht.
Auch kann man lesen, wie Tucholsky durch die Ausbürgerung
durch die Nationalsozialisten staatenlos wird und dann in
Schweden als geduldeter Ausländer lebt. Ferner geisselt
Tucholsky in diesen Briefen die Schwäche der europäischen
Politiker und Intellektuellen, und kommertiert europäische,
insbesondere französische Literatur im Spektrum zwischen
rückhaltloser Begeisterung und gnadenlosem Verriß. Ferner
kann der Leser die Beziehung Tucholskys zu seiner späten
Liebe erleben, der Schweizer Ärztin Dr. Hedwig Müller,
die Tucholsky "Nuuna" nennt.
Manchmal spüre ich in Tucholskys Briefen Verzweiflung,
wenn er einerseits von seinen Mitmenschen Entschlossenheit
und Kampfeswillen fordert, andererseits sich selbst nicht
mehr zum Kämpfen in der Lage sieht. Letztlich bleibt auch
ein Rest von Distanz zwischen Tucholsky und Nuuna, denn
vor seinen Suizid im Dezember 1935 bittet er Nuuna nicht
um Hilfe und schreibt einen Abschiedsbrief nur an Mary,
die Mit-Herausgeberin dieser Briefe. Mary war Tucholskys
große Liebe, aber seine Ehe mit ihr hielt nur ein paar
Jahre. Die Briefe an Mary sind im Buch "Unser ungelebtes
Leben. Briefe an Mary." veröffentlicht.