Kurzbeschreibung
1974 nimmt Rolf Dieter Brinkmann eine Gastprofessur in Austin/ Texas wahr. In seinem Seminar sitzt der aus Deutschland ausgewanderte Student Hartmut Schnell. Sie werden Freunde. Und nach seiner Rückkehr im Mai 1974 wird Brinkmann um Material für eine Arbeit gebeten, die Hartmut Schnell über seine Lyrik schreiben will Anlaß für die faszinierenden, umfangreichen Briefe Brinkmanns über sein Werk und seinen Alltag in den letzten Monaten seines Lebens. Unter anderem beschreibt Brinkmann darin die Entwicklung von seinen frühen Gedichten, «Momentaufnahmen», zu den letzten «offenen» Gedichten, geschrieben in der assoziativen Art eines Ezra Pound, Burroughs und Kerouac. An diesen Gedichten arbeitet er für den legendär gewordenen Band «Westwärts 1 & 2», der im Mai 1975 erscheinen wird. In einem der letzten Briefe vom 4. März 1975 bittet er Hartmut um die Übertragung einiger Gedichte daraus, denn er möchte diese Gedichte auf dem «Cambridge Poetry Festival» am 18. April 1975 vortragen. Auf dem Rückweg von Cambridge wird es nur fünf Tage später zu dem tödlichen Autounfall in London kommen.
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Als Rolf Dieter Brinkmann im April 1975 unmittelbar nach Erscheinen seines Gedichtbandes
Westwärts 1 u. 2. Gedichte von einem Auto überfahren wurde, waren sich die Kritiker einig: Brinkmann war nicht nur der wichtigste Vertreter der Pop-Lyrik, sondern einer der bedeutendsten deutschen Nachkriegslyriker überhaupt.
Brinkmann hatte mit seiner Frau und seinem behinderten Kind in einer heruntergekommenen Wohnung in einem schäbigen Kölner Viertel gelebt, immer am Existenzminimum, oft sogar ohne Strom und Telefon. Den täglichen Kampf ums Überleben schildert ein Teil der Briefe an Hartmut, einem Freund in den USA, der seine Examensarbeit über Brinkmann schrieb.
Die Briefe sind eine einzigartige Fundgrube, denn Brinkmann interpretiert dem Freund seine Gedichte, assoziiert dabei rasant, erklärt Anspielungen und bewertet die Texte aus seiner Sicht. Er beobachtet außerdem das einförmige Leben seiner Mitmenschen, den "typisch deutschen Mief", und berichtet davon mit faszinierender Intensität. Die Sprache und Befindlichkeit der westdeutschen "Ziviehlisation" seziert er mal mit Witz, mal mit Wut. Beispielsweise analysiert Brinkmann die Entführung und Freilassung des CDU-Politikers Peter Lorenz Anfang 1975 und das hilflose und blinde Wüten des Staates gegenüber dem RAF-Terrorismus.
Viele der Briefe sind nachts im Rausch geschrieben, andere morgens, unausgeschlafen und mit depressivem Blick auf Köln, das Brinkmann haßte, das ihn aber gleichzeitig inspirierte. Sein Blick ging sehnsüchtig westwärts nach Austin in die USA, wo er als Gastprofessor tätig gewesen war und auch Hartmut Schnell kennengelernt hatte. In Austin erschien Brinkmann das Leben freier, und der Himmel war nicht ständig so trüb wie in Köln.
Normalerweise sind die nachgelassenen Schriften gerade Frühverstorbener allenfalls von literaturhistorischem Wert. In diesem Fall jedoch handelt es sich um einzigartige Dokumente der deutschen Nachkriegsgeschichte. Daß die bunten 70er-Jahre gar nicht so schillernd waren, das dokumentieren die Briefe eines intensiv lebenden und exzessiv schreibenden Ausnahmelyrikers. Für den Nicht-Fachmann ist es übrigens schade, daß jene Stellen, bei denen Brinkmann sich auf Hartmuts Antwortbriefe oder auf bestimmte Textpassagen aus seinen Büchern bezieht, nicht mit Fußnoten erläutert wurden. --Matthias Kehle
Über den Autor
Geboren am 16.04.1940 in Vechta, begann 1959 eine Buchhandelslehre in Essen. Seit 1962 in Köln; Pädagogikstudium., dann freier Schriftsteller. Aufenthalte in Rom (Villa Massimo), London, Gastdozent in Austin/Texas Brinkmann flüchtete sich in die Rolle des provozierenden Rebellen, für den das Leben «etwas unvorstellbar Gemeines, Viehisches» war: einerseits Auflehnung gegen die biologischen Gegebenheiten des Daseins und Abscheu vor dem Leben, andererseits Faszination und Zustimmung. Sein Credo: «Ich bin für den einzelnen.» Brinkmann machte die amerikanische Pop-Lyrik in Deutschland bekannt und wurde selbst der führende Pop- und Underground-Lyriker Deutschlands in den 60er Jahren. Lyrik war für ihn Spiegelbild und direkter Reflex des Faktischen. Auf die kurzzeiligen Gedichte der Pop-Zeit folgten vielstrophige Gedichte, in denen sein starker vitaler Antrieb zu unaufhörlich sich bewegenden Bildern und elementarisch behandelten alten Themen führt. "Westwärts 1 & 2" wurde als der wichtigste und virtuoseste Gedichtband der 70-er Jahre bezeichnet. "Rom, Blicke" ist die Ausbeute seines Rom-Aufenthaltes 1972, mit wilder Unerbittlichkeit auf Verfallenes, Obszönes fixiert, ein Konvolut aus Briefen, Notizen, Zeutungsausschnitten, Fotos, als Arbeitsbuch für künftige Projekte. Brinkmann wurde 1975 mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet. Er starb am 23. 4.1975 in London.