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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.04.2002
Für Rezensent Lorenz Jäger ragt aus diesem Briefwechsel, in denen er das Urteil über die "alte Heimat Deutschland" eine besondere Rolle spielen sieht, vor allem Theodor W. Adorno heraus. Während ihn Thomas Mann in diesen späten Briefen "allzuoft" an einen "alterstarren Unheilspropheten" erinnert, hat sich Adorno in Jägers Augen einen "unbefangenen Blick auf die Wirklichkeit" bewahrt. Wer außerdem etwas von Adorno als "praktischen, handelnden Philosophen" erfahren will, kann dem Rezensenten zufolge gar nichts besseres tun, als ihn "in der konkreten brieflichen Kommunikation" zu beobachten. Wichtig werde dieser Briefwechsel nämlich auch deshalb, weil er einen "neuen Einblick in die Form von Adornos Briefen" erlaube. Niemand habe "mit Gründen und Gedanken" so zur Produktion zu ermutigen vermocht, wie der Frankfurter Philosoph. Auch Thomas Mann habe er "mit kleinen ästhetischen Theorien" aufgeholfen, wenn dessen Arbeit stockte. Zu den schönsten Briefen zählt Jäger in diesem Zusammenhang ein Schreiben, das Manns Wiederaufnahme des frühen Krull-Fragments kommentiert. Da kann sich der Rezensent besonders intensiv vorstellen, was Adorno auch als Lehrer bedeutet haben muss.
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Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 23.04.2002
Rezensent Andreas Bernard findet in diesem Briefwechsel viel Aufschlussreiches über Thomas Manns poetologische Verfahren und Adornos Bewunderung für den "Großdichter". Wie Bernard in seiner langen Besprechung ausführt, ist der Briefwechsel in den ersten Jahren ganz von der gemeinsamen Arbeit an Manns Roman "Doktor Faustus" geprägt. Der 31 Jahre jüngere Adorno fungierte hier als "respekterfüllter, zuweilen leicht unterwürfiger" Berater, schreibt Bernard. Als wichtigsten Bezugspunkt ihres Arbeitsprojekts wertet er den "Montage"-Brief Manns, worin Mann Adorno detailliert mit seinen poetologischen Verfahren beim "Doktor Faustus" vertraut macht. Bernard erblickt darin eine Diskussion der "Grundfragen moderner Ästhetik". Während Mann dem Rezensenten zufolge nach dem "Montage"-Brief zunehmend kürzer und lakonischer wird, versucht Adorno in seinen Kommentaren zum "Doktor Faustus" und später zum "Erwählten", zur "Betrogenen" und zum "Felix Krull" seine ästhetischen Positionen zu schärfen. Der Rezensent hebt hervor, dass der Briefwechsel nicht nur über die theoretische Fragen der Literatur Auskunft gibt, sondern auch Einblicke in persönliche Lebenszusammenhänge gewährt. In diesem Zusammenhang erwähnt er insbesondere Adornos überraschend positiven Ton über das Nachkriegsdeutschland nach seiner Rückkehr aus dem Exil 1949, der im starken Kontrast zur "Unerbittlichkeit des Sounds in den Nachkriegstexten" Adornos steht. Thomas Mann betreffend empfiehlt der Rezensent die parallele Lektüre seiner Tagebücher, die deutlich machen, wie sehr ihm Adorno bisweilen auf den Geist ging. Während Mann beispielsweise nach Erhalt von Adornos Benjamin-Aufsatz in einem Brief an Adorno den Begeisterten gab, fällt er im Tagebuch folgendes Urteil: "Recht snobisch und supergescheit.".
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Buchnotiz zu : Die Zeit, 25.04.2002
In seiner ebenso umfangreichen wie enthusiastischen Besprechung des von Christoph Gödde und Thomas Sprecher "sorgfältig edierten" Briefwechsels von Thomas Mann und Theodor W. Adorno wertet Rezensent Richard Klein die Beziehung zwischen dem Dichter und dem Philosophen als "Jahrhundertkonstellation, deren ästhetischer und philosophischer Reiz noch lange nicht verstanden ist". Gegenüber Erika Manns Versuchen, den Beitrag Adornos zu Manns "Doktor Faustus" klein zu reden, zeigt der Briefwechsel nach Einschätzung des Rezensenten ganz deutlich, dass Adorno kein bloßer Vermittler von musikalischem Expertenwissen, sondern tatsächlich ein Koautor war. Von Anfang sei Adorno mit dem Ganzen des Romans vertraut gewesen und habe in dessen Konzeption an entscheidenden Stelle eingegriffen. Klein erblickt die größte Bedeutung des Briefwechsels aber nicht im "unmittelbar Philologischen". Er möchte die Aufmerksamkeit mehr auf den "bislang unterschätzen" Perspektivenreichtum der Konstellation Mann/Adorno gelenkt sehen und wirft die Frage auf (die er dann aber nicht beantwortet), was den Dialog zwischen den beiden "Unberührbaren" des 20. Jahrhunderts ermöglicht und begünstigt hat. Erstaunlich findet Klein die Intensität, mit der sich Mann auch über den Faustus hinaus auf Adornos Rat einließ. Verblüffender noch erscheint dem Rezensenten Manns konstantes Interesse an Adornos Werken, begegnete Mann doch den Autoren seiner Zeit meist mit Indifferenz und Kälte. Adorno seinerseits verehrte Mann wie sonst nur noch Alban Berg, berichtet Klein, er tritt ihm als ein "etwas pretiöser, überartikulierter Potentat des Geistes gegenüber". Adorno spiele gleichzeitig die Rolle des Ausnahmeintellektuellen und des schwärmerischen, um Anerkennung buhlenden Kindes. Bemerkenswert erscheint Klein auch Adornos versöhnlicher Ton nach seiner Rückkehr aus dem Exil 1949 in Bezug auf das Nachkriegsdeutschland, ein Ton, den Mann nicht teilen mochte, was er Adorno auch ziemlich barsch zu verstehen gab.
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Kurzbeschreibung
Der vorliegende Band enthält alle erhaltenen Briefe und Karten der Korrespondenz zwischen Theodor W. Adorno und Walter Benjamin in chronologischer Reihenfolge. Fraglos ein großer Verlust nicht nur für den Briefwechsel ist, daß Adornos Gegenbriefe bis Anfang 1933 fehlen: sie blieben in der letzten Berliner Wohnung Benjamins in der Prinzregentenstraße zurück, als dieser im März 1933 Deutschland verlassen mußte, und sind seither verschollen. "Denn alle Verdinglichung ist ein Vergessen: Objekte werden dinghaft im Augenblick, wo sie festgehalten sind, ohne in allen ihren Stücken aktuell gegenwärtig zu sein: wo etwas von ihnen vergessen ist." Kaum eine bessere Charakterisierung als dieser Satz aus Adornos Brief vom 29. Februar 1940 an Walter Benjamin ließe sich denken, um darzutun, worin die entscheidende Differenz zwischen den Diskussionen, die in der Kritischen Theorie der dreißiger Jahre geführt wurden, und der Darstellung liegt, die die Ergebnisse jener Diskussionen heutzutage in der Sekundärliteratur zusammenfaßt. Es liegen Welten zwischen der Kritik, die Adorno und Benjamin wechselseitig an ihren Arbeiten während der Emigration übten, und der geronnenen Gestalt, in der diese zentralen Arbeiten von den Nachgeborenen, zerstückelt und ungeschickt wieder zusammengeklebt, rezipiert und tradiert werden. - Galt ein beträchtlicher Teil der Korrespondenz Benjamins Fragment gebliebenem "Passagen-Werk", welches das 19. Jahrhundert geschichtsphilosophisch zu entschlüsseln sich vorgenommen hatte, und der Abschlagszahlung darauf, dem Baudelaire-Aufsatz für die "Zeitschrift für Sozialforschung", so kreisen die Briefe insgesamt, die Benjamin und Adorno vor allem in der Emigration, ab 1934, wechselten, um die verbindliche theoretische Darstellung jener grundlegenden Erfahrungen derbürgerlichen Kultur, die mit dem Faschismus unwiederbringlich verlorengingen und deren Vergessen gerade nicht das glückliche Ballastabwerfen des Wanderers war, der das Ziel in erreichbarer Ferne vor sich liegen sieht. Der Briefwechsel läßt ermessen, welche Bedeutung die praktische und geistige Solidarität hatte, die Adorno und Benjamin voneinander erfuhren, als sie in intellektueller Isolierung lebten. Die in der akademischen Welt abhanden gekommene Gelehrtenrepublik lebte fort in denen, die aller akademischen Sekurität entbehren mußten und die darum aller der Sache äußerlichen Konvention sich entschlagen durften. Den empirischen Niederschlag des Vorrangs der Sache in der Person beschrieb Adorno 1965: "In sich und seinem Verhältnis zu anderen setzte er rückhaltlos den Primat des Geistes durch, der anstelle von Unmittelbarkeit sein Unmittelbares wurde."