Golo Mann gehört zu den Menschen, die man als tragische Figur bezeichnen muss, so abgegriffen der Begriff auch sein mag. Er hat im Schatten seines Vaters Thomas gestanden, sein Leben lang, Thomas, der ihm auch oder wenigstens einen literarischen Umgang mit der ansonsten unterdrückten Sexualität verstellt hat; gemeint ist ?das müde gerittene Pferd" der öffentlichen Homosexualität.
Golo Mann schreibt, er sei ?traurig von Kindheit an" gewesen, ?ich war etwas wie sein (Thomas Manns) Unter-Ich". Wie grausam! ?Wenn ich meine Geburt durch Geld rückgängig machen könnte", schreibt er, ?so wollte ich keine Kosten scheuen."
Dieser Mensch, schwermütig und einsam wie der Vater, allerdings ohne den Trost dessen Ruhmes, war einer der wichtigsten Intellektuellen der Bundesrepublik. Ein zu Lebzeiten verkannter, belächelter vielleicht, aber einer mit einem geistigem Vermächtnis, dessen Größe sich erst nachfolgenden Generationen erschließen wird; denn, wie man heute weiß, hatte Golo Mann in vielem Recht. Eigentlich in allem.
Tilmann Lahme und Kathrin Lüssi haben aus ungezählten ausfindig gemachten Briefen 172 ausgewählt, aufschlussreich kommentiert und einen Verlag gefunden, der sich all dessen angenommen hat.
Mann war einer der letzten großen Briefeschreiber unserer Zeit. Außer wenigen mehr oder minder dauerhaften Freunden schrieb er sich mit seinem Doktorvater Karl Jaspers, mit Astrid Hoppe, Ernst Jünger, Rolf Hochhuth, Marcel Reich-Ranicki, Konrad Adenauer, Willy Brandt, Edmund Stoiber und anderen Personen der Zeitgeschichte.
Man erfährt keinerlei Indiskretionen, das nicht, dafür aber Einsichten von bleibender Bedeutung. Manns Worte haben Wucht, Schärfe und eine moralische Deutlichkeit, die sich vom billigen Moralisieren bekehrter Hitlerjungen ganz erfreulich abhebt.
Manches Mal fleht er geradezu um Anerkennung, stets aber bleibt er bescheiden, uneitel und (selbst-)ironisch. Mit böser Ironie etwa porträtiert er sich 1937 auf der Rückseite eines Passfotos: ?G.M. geb. 27.III.1909. Typischer Rassenmischling und Untermensch. Wahrscheinlich negroider Einschlag. Sohn des berüchtigten Romanschmierers Th. M."
?Zum Glück", stellte Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung richtig fest, ?muss man nicht entscheiden, was einen an den Briefen Golo Manns mehr bezaubert: ihre menschliche Schönheit oder ihre intellektuelle Schärfe."